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Wandernde Viren und virtueller Flieder

Von einem zum andern / Die Viren sie wandern / Sie keuchen und prusten / Der Schnupfen muss husten." So beschreibt Lutz Rathenow, was ein Arzt als "grippalen Infekt" bezeichnen würde. Der Vers stammt...

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Von Matthias Klaus

Von einem zum andern / Die Viren sie wandern / Sie keuchen und prusten / Der Schnupfen muss husten." So beschreibt Lutz Rathenow, was ein Arzt als "grippalen Infekt" bezeichnen würde. Der Vers stammt aus dem Kinderbuch "Der Himmel ist heut blau". Aus diesem und anderen las der Erzähler, Lyriker und Dramatiker Lutz Rathenow am Montagabend in der Görlitzer Comenius-Buchhandlung.
Etwa 20 Zuhörer sind in die Steinstraße gekommen. "Es hätten ruhig ein paar mehr sein können", bedauert Chef Thomas Maruck. Neben Kinderversen bot Rathenow einen Querschnitt dessen, was ihn bekannt machte: DDR-kritische Texte. 1952 wurde Lutz Rathenow in Jena geboren. Sein Germanistik- und Geschichtsstudium endete drei Monate vor dem Abschluss mit der Exmatrikulation wegen "Zweifeln an Grundpositionen" und "Intellektualisieren der Probleme". Rathenow lebt seit 1978 in Berlin (Ost), arbeitet als freier Schriftsteller. In der DDR hatte er nahezu keine Möglichkeit zu publizieren, feierte aber in der BRD Erfolge. 1980 wurde er deshalb verhaftet. Fatalistische Anpassungshaltungen und Unterordnung unter die Autorität des Staates, die zur Zerstörung der Individualität führt, sind Themen seiner Werke dieser Zeit. Die Anhänglichkeit - vielleicht gar Abhängigkeit - zur DDR spiegelt sich dennoch in seinen Werken wieder, etwa im "Jahrhundert der Blicke". "Gedichte von Rathenow sind meist Gedankengerüste, die das Lyrische verdecken", so der Kritiker Bernd Heimberger. Und Rathenow erkennt selbstkritisch: "Schon wieder / Gedichte / Muss das sein / Muss ich schrein /Mediengerichte / Virtueller Flieder / Ersatz für Geschichte / Vorwiegend bieder." Die SZ verlost heute für die ersten sechs Anrufer, die sich zwischen 16 und 16.05 Uhr unter der Görlitzer Telefonnummer 47 10 52 61 melden, das Kinderbuch "Der Himmel ist heut blau".