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Wandertag der hungrigen Herzen

Die Liebe per Annonce oder im Netz zu suchen, ist nicht jedermanns Ding. Doch es geht auch anders: in der Natur.

Auf Partnersuche im Grünen: Teilnehmer von „Date im Freien“ wandern dem Rauenstein bei Kurort Rathen zu. Die jüngste Tour zählte 25 Singles.
Auf Partnersuche im Grünen: Teilnehmer von „Date im Freien“ wandern dem Rauenstein bei Kurort Rathen zu. Die jüngste Tour zählte 25 Singles. © Marko Förster

Die Wandergruppe ist komplett – und muss sich doch erst finden: Wo ist Anke? Wer ist Axel? „Ich brauch’ noch einen Andreas!“ Andreas gibt es dreimal. Einer von ihnen, Ende fünfzig, ist aus einem Dorf in der Neustädter Gegend angereist. Es ist seine erste Unternehmung gegen das Alleinsein, das schon zwei Jahre dauert. Andreas ist nervös. Nach Jahrzehnten Ehe hat er es verlernt, auf Frauen zuzugehen, sie anzusprechen, Komplimente zu machen. Und doch ist er hier. Wandern ist allemal besser, als daheim zu „rabotten“, sagt er. „Da kriege ich den Kopf nicht hoch.“

Was sich an diesem Sonntagmorgen vor Rathens Bahnhof anbahnt, heißt „Date im Freien“. Singles auf Partnersuche gehen gemeinsam raus. Die Gruppe ist abgestimmt nach Alter und Geschlecht. Das Ziel: neue Bekannte, neue Freunde, wenn es ganz gut läuft, eine neue Liebe zu treffen. Begründet hat das Freiluft-Dating der Dresdner Chemiestudent Felix Pischel. Seit Juni 2018 schickt er Alleinstehende auf Tour in Dresden und Umgebung. Mit vier Leuten hat er angefangen. Inzwischen sind um die fünfhundert Singles mit seiner Firma wandern gegangen. Die Tour heute zum Rauenstein ist die vierzigste, sagt er breit lächelnd. „Es wird echt gut angenommen.“

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Felix, geboren im hessischen Wiesbaden, ist 26 und seit fünf Jahren in einer festen Beziehung. Was kümmert ihn die Einsamkeit anderer? Trotz seines naturwissenschaftlichen Fachs ist er ein sozialer Typ. Er geht gern mit Leuten um. Das hat er wohl von seiner Mutter, einer Kunsthistorikerin. Sein Studium findet er ziemlich „ich-bezogen“. Deshalb sucht er den Ausgleich. „Ich will nicht nur eigenbrötlerisch am Laborplatz rumschustern.“ Bei den Dates im Freien lernt er nicht nur die Gegend, sondern den ganzen Querschnitt der Bevölkerung kennen. Das findet er grandios. „Und ich gebe denjenigen Hoffnung, die mit anderen Dating-Angeboten schlechte Erfahrungen gemacht haben.“

Von solchen Erfahrungen können viele hier erzählen, von peinlichen Verabredungen, enttäuschten Erwartungen, unmoralischen Angeboten, frisierten Internetprofilen. Überhaupt das Internet. Kaum einer der Singlewanderer scheint darauf zu bauen. Dieses Hin-und-her-Geschreibe auf dem Handy bringt doch nichts, sagt Ralf. „Der persönliche Kontakt ist am besten.“ Angelika und Heike finden den Umgangston auf den Online-Portalen rüde, teils beleidigend. Zu oberflächlich würden dort Urteile gefällt. Andreas ist generell nicht im Netz unterwegs, aus Sorge, er könnte irgendwie über den Tisch gezogen werden.


Felix Pischel (26) ist der Macher der Freiluft-Dates. Mindestens zehn Paare hat er schon zusammen gebracht. Es geht ihm aber auch um neue Freundschaften, und vor allem: um die Hoffnung.
Felix Pischel (26) ist der Macher der Freiluft-Dates. Mindestens zehn Paare hat er schon zusammen gebracht. Es geht ihm aber auch um neue Freundschaften, und vor allem: um die Hoffnung. © Marko Förster

Angst vor den anderen muss heute keiner haben, sagt Christian, der Wanderführer. „Traut euch, es lohnt sich.“ Christian, 36, gebürtiger Berliner, ist Diplom-Geograf, hat es sich aber zum Broterwerb gemacht, Menschen eine gute Zeit in der Natur zu verschaffen. Für „Date im Freien“ arbeitet er mehrmals im Monat. Mit flotten Sprüchen und Aktionen liefert er Gesprächsstoff, muss sich aber so weit zurückhalten, dass keimende Kontakte nicht gestört werden. Er muss Miesepeter aufheitern, damit sie die Truppe nicht runterziehen, er muss einnehmende Naturen bremsen, damit sie nicht alle in den Bann schlagen. Kurz: Er ist verantwortlich dafür, dass es jedem gut geht. Ein wirklich diffiziler Job. „Ich bin immer ziemlich aufgeregt“, bekennt er.

Christians Idee, die Schilder mit den Vornamen – es wird prinzipiell geduzt – willkürlich auszuteilen, damit die Wanderer beim Sortieren schon die ersten Worte wechseln, hat funktioniert. Mit deutlich weniger Anspannung im Gesicht als zuvor bricht die Gruppe von 25 Köpfen zum Rauenstein auf. Das Geschlechterverhältnis ist heute beinahe ausgeglichen. Für gewöhnlich herrscht Damenüberschuss, vor allem in der Gruppe 60 plus. Woran das liegt, weiß Macher Felix nicht so recht, und auch keiner von den Wanderern. „Die Männer müssen doch auch traurig sein, oder Sehnsucht haben“, wundert sich Angelika.

Andreas ist nach dem plötzlichen Ende seiner Ehe in ein tiefes Loch gefallen. Er konnte gar nichts tun, lag nur antriebslos auf dem Fußboden herum. Er flüchtete sich in die Arbeit. Heute ist es die Arbeit, die ihn hemmt. Eine Fünfzig-Stunden-Woche, dazu Haus, Garten, Wäsche waschen, kochen, einkaufen. Es bleibt kaum Zeit für eine ernsthafte Partnersuche. Gern würde er sich um eine Frau kümmern, sie umsorgen. Aber woher nehmen?

Im Wald über Rathen die erste Einlage: Christian platziert sein GPS-Gerät auf dem Boden. Das ist jetzt Dresdens Frauenkirche. Die Wanderer sollen sich nach Heimatort und dann nach Geburtsort drumherum aufstellen. Wer gehört wohin? Wieder Anlass zum Reden, auch für den kommenden Weg: Wie lange fährt man aus Köthen bis in die Sächsische Schweiz? Wie lebt es sich in Riesa? Was ist der Eibauer Bierzug? Wie lebte man früher in Königstein?

Weiter. Christian stiefelt voran, mit guter Laune. Das allgemeine Murmeln hinter ihm zeigt emsiges Spinnen von Gesprächsfäden an. In diesem Alter, 45 bis 60, geht das fast von allein, sagt er. Schüchtern sind eher die Jüngeren. Da muss er öfters mal das Schweigen brechen. Den Amor spielen, etwas konstruieren, das kann und will er nicht. „Als Kerl muss man die Frau, die einen interessiert, schon selber ansprechen.“

Beim nächsten Halt geht es um Lügen und Wahrheiten, die jeder von sich auf einen Zettel geschrieben hat. Die anderen raten. Was stimmt? Bungee-Jumping oder Nordkap-Reise? Oldtimerfieber oder Sportfimmel? Andreas hat seine Gefühlslage am Bahnhof zur Wahl gestellt: „Kribbeln im Bauch“ oder „Hoffentlich fragt mich keiner was“. Letzteres stimmte. Jetzt ist die Angst weg. Aber das Kribbeln ist noch nicht da, keine seiner drei Visitenkarten, die hinterm Namensschild stecken, ist vergeben. Aber das kann ja noch werden, sagt er. Der Anfang ist jedenfalls gemacht.

Das Mitwandern kostet 29 Euro pro Person. Infos unter web www.dateimfreien.de

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.

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