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"War das Ihre Idee, Herr Zenker?"

Zittaus Oberbürgermeister sagt im Interview, warum ihm die Kulturhauptstadt-Bewerbung so wichtig ist - egal, wie sie ausgeht. Die SZ-Serie zum Bürgerentscheid, Teil 6.

Der Countdown bis zum Bürgerentscheid - eine Serie der Sächsischen Zeitung. Heute Teil 6
Der Countdown bis zum Bürgerentscheid - eine Serie der Sächsischen Zeitung. Heute Teil 6 © Foto: Matthias Weber/Montage: SZ-Bildstelle

Eine slowenische und eine deutsche Stadt teilen sich 2025 den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und sechs Jahre hin. So viel Zeit bleibt aber den deutschen Bewerbern gar nicht mehr. Bis Ende September müssen die Unterlagen bei der Kulturstiftung der Länder eingereicht sein. Auch das knapp 26.000-Einwohner-Städtchen Zittau will das tun. Ist das realistisch? Wir haben Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm) gefragt:

Amsterdam, Stockholm oder Breslau waren schon Kulturhauptstädte. Und jetzt Zittau? War das Ihre Idee Herr Zenker?

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Das war ehrlich zugegeben nicht meine Idee. Sie hat mich am Anfang sogar etwas erschreckt. Sie kam vom Görlitzer Landrat Bernd Lange und einigen Kulturschaffenden, die sich schon mit dem Thema beschäftigt hatten. Ich hab erst mal nachgedacht, dann haben wir uns mit den Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat zusammengesetzt und schließlich gesagt: Warum nicht? Wir haben genug zu bieten.

Genug zu bieten? Was wäre denn zu erwarten, wenn Zittau Kulturhauptstadt wäre?

Wir werden jedenfalls keine teuren Events einkaufen. Wir setzen sehr stark auf das Thema "Dreiländereck". Es sind die Menschen, die hier auf vielen Ebenen  zusammenarbeiten, was vielen gar nicht so bewusst ist. Wir setzen auf ein Europa "von unten", wirklich an der Basis orientiert. Es wird sehr viele gemeinsame Dinge geben, deutsch-polnische, deutsch-tschechische, tschechisch-polnische.

Also eine Bewerbung nicht nur von Zittau allein?

Wenn man das ernst nimmt und konkurrieren muss mit großen Metropolen, dann ist Zittau allein viel zu klein. Wir sind ein Mittelzentrum, das von vielen als "da hinten in der Ecke"betrachtet wird. Wir müssen deswegen etwas tun, damit die Region, die sehr schön ist - sowohl landschaftlich, als auch kulturell, mit mehr Selbstbewusstsein nach außen getragen wird. Wir haben ein großes Netzwerk um uns herum: den historischen Sechsstädtebund in der Oberlausitz und die Nachbarstädte in Polen und Tschechien. Wir wollen uns als Region zusammentun mit Zittau an der Spitze - weil sich immer eine Stadt bewerben muss. 

Wäre das Zittaus Chance in der Konkurrenz mit den großen Mitbewerbern - immerhin Städte wie Dresden, Chemnitz, Nürnberg oder Hildesheim?

Wir haben sogar drei Chancen: Erstens geht der Trend bei den Kulturhauptstädten weg von den großen Metropolen, die zeigen, was sie haben, hin zu kleinen Städten, die vernetzte Bewerbungen machen und zeigen: Auch der ländliche Raum ist ein Thema. Das Zweite ist die Trinationalität, die hier längst auch eine Internationalität geworden ist. Das kann im Moment niemand so deutlich darstellen wie wir. Die dritte Chance ist eben die Vernetzung in der Region.

Gesetzt den Fall, Zittau erhält den Zuschlag. Dann kommt sofort die Frage, wer soll das denn bezahlen?

Na klar, das ist die Frage, die jedem als erstes einfällt, wenn es um etwas Großes geht. Die stellt sich aber so noch gar nicht. Wir müssten ja erst mal sagen, was wir tun wollen. Der Trend der Urbanisierung raubt uns Attraktivität in zweierlei Hinsicht: Der Ruf der großen Metropolen zieht die Jugendlichen, die Abwanderung ist nach wie vor groß, es fehlen Ärzte und Lehrer. Fachkräfte werden mittlerweile in allen Berufsgruppen gesucht. Deshalb ist es eigentlich falsch, zu fragen: Kann ich es mir leisten. Müsste man nicht sogar fragen: Muss ich mir nicht sogar etwas leisten, was gegen den Strich gebürstet ist? Wir haben ja auch Partner. Vor allem auch der Freistaat Sachsen, der den sächsischen Bewerber auf der Shortlist 2020 mit 600.000 Euro unterstützen will. Es wird auch ernsthaft über deutlich mehr für das Titeljahr diskutiert. Das zeigt deutlich: Sachsen will diesen Titel und wird das auch unterstützen.

Was ist aber, wenn die Stadt sich teuer bewirbt und dann nichts daraus wird? Ist das Geld dann futsch?

Nein. Wir als Stadt haben ja langfristige Pläne in der Stadtentwicklung, da planen wir auch mit Summen, die erst einmal astronomisch erscheinen. Wenn man zum Beispiel so ein Militärgebiet beräumen muss, dann ist man schnell bei zweistelligen Millionenbeträgen. Diese Geld würden wir in der Stadtentwicklung über 2025 hinaus aber ohnehin einsetzen. 

Heißt das, die Bewerbung ist nicht nur auf das Kulturhauptstadt-Jahr gemünzt?

Das ist der sehr deutlich formulierte Anspruch der EU. Es geht darum: Wer braucht diesen Titel und wofür? Wenn wir jetzt darüber nachdenken, was in Zittau noch an Aufgaben ist, dann finde ich eine endlose Liste. Jetzt kriegen wir den Impuls, Dinge zu tun, die dringend notwendig sind. Und das Geld käme nicht nur aus der eigenen Kasse. Wenn wir jetzt anfangen, über Kommastellen zu diskutieren, werden wir diesen Wettbewerb nicht gewinnen. Wir haben die Chance, jetzt viele Projekte zu planen. Und wir werden sie definitiv nicht für die Schublade produzieren.  

Wäre Zittau dem zu erwartenden Gäste-Ansturm überhaupt gewachsen? Bräuchte es da nicht viel mehr Infrastruktur? Übernachtungsmöglichkeiten?

Deswegen machen wir das doch. Wir wollen doch hier viele Menschen. Wir brauchen sie. Für Zittau allein müsste ich die Frage sicher mit Nein beantworten. Deswegen das  Netzwerk.

Die Zittauer werden am Sonntag entscheiden, ob sie das wirklich wollen.

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Ja, und wir hoffen sehr, dass sie uns auf den Weg schicken. Wir wollen es auch, weil wir hier in der Oberlausitz ein neues Selbstbewusstsein schaffen wollen. Viele Menschen laufen noch mit gesenkten Köpfen - vor allem nach den vielen Ein- und Zusammenbrüchen nach der Wende. Wenn die Zittauer jetzt sagen, jawohl wir laufen, dann muss man mal eins sagen: Das hat es noch nie gegeben. Alle anderen Bewerberstädte schauen ziemlich gespannt zu uns, weil uns das so einen richtigen Push geben würde.

Das vollständige Interview finden Sie zum Mithören als Podcast in der "Drittelstunde", einer Reihe der Sächsischen Zeitung. 

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