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Feuilleton

War die DDR ein Sonderfall?

30 Jahre Umbruch im Osten. Der frühere Korrespondent Reinhold Vetter vertritt in seinem Buch eine ernüchternde These.

Klare berufliche Vorstellungen hatte dieser Junge beim Pioniertreffen in Dresden 1982 vor dem Kulturpalast.
Klare berufliche Vorstellungen hatte dieser Junge beim Pioniertreffen in Dresden 1982 vor dem Kulturpalast. © bpk/Harald Schmitt

Von Peter Seidel

Wenn heute, kurz nach der Kündigung des INF-Vertrages zur Vernichtung aller landgestützten Flugkörper mit kürzerer und mittlerer Reichweite, lieber zum Klima und nicht gegen US-Mittelstreckenraketen demonstriert wird, dann ist dies auch eine Folge der friedlichen Revolution in Mittel- und Osteuropa vor 30 Jahren. Denn seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gibt es keine russischen Stoßarmeen mehr mitten in Deutschland, die Kriegsgefahr ist deutlich gesunken. 

Wer also heute auf 30 Jahre Geschichte des europäischen Ostens seit 1989 zurückblickt, hat so einigen Anlass, froh gestimmt zu sein. Dies gilt aber offenbar nicht für jeden. Auch für Reinhold Vetter, jahrelang ARD-Korrespondent in Warschau und Budapest, gibt es „für Feierlichkeiten wenig Anlass“.

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Im Buch „Der Preis des Wandels“ fragt Vetter: Was ist denn „im östlichen Europa geschehen“, dass es dort heute „zu solch einer Distanzierung vom Traum Europa“ gekommen ist? Dass solch eine westliche Blickverengung ein entscheidendes Manko ist, wird exemplarisch deutlich, wenn man Vetters allzu summarischen Überblick über den Auflösungsprozess der Sowjetunion betrachtet. Die Verfallsphase unter Breschniew und ihre bis heute nachwirkenden Folgen beleuchtet er kaum.

Vom Revolutionär zum Autokraten

Dabei gäbe es da einiges, das lange Wirkung zeigt: die kommunistische Götterdämmerung – also der Glaubensverlust maßgeblicher Teile der Nomenklatura –, die zunehmende Korruption der Kader, deren teilweisen Übergang in die Wirtschaft als heutige Oligarchen, die Ausbreitung der organisierten Kriminalität, die Abwendung vom diktatorischen Zentralstaat, die Wiederbelebung von nationalem Selbstwertgefühl und Freiheitsstreben ... Dabei wurden doch auch und gerade dadurch Weichen gestellt, die für die antisozialistischen Revolutionen mindestens genauso wichtig wurden wie die Verheißung von Demokratie, Marktwirtschaft und Europa.

Später, nach dem Beitritt zur EU, wurde das noch einmal aktuell. Und wie kommt es bloß, dass man sich in den Mittelosteuropäischen Ländern heute genau überlegt, welche Rechte man etwa nach Brüssel abgeben will und welche auf keinen Fall? Und was soll man von der europäischen „Solidarität“ halten, insbesondere nach der unilateral verschärften Flüchtlingskrise, nachdem man früher jahrzehntelang mit Forderungen nach „internationaler Solidarität“ erpresst wurde? Und, konkret gefragt: Wie konnte aus einem liberalen, antisowjetischen Revolutionär der ersten Stunde heute ein Anhänger einer „illiberalen Demokratie“ mit guten Beziehungen nach Moskau werden? Die Rede ist von Victor Orban, und er steht mit seinem Werdegang nicht alleine. Wie es zu solchen „Karrieren“ kam und was das zu bedeuten hat, spielt bei Vetter leider keine Rolle. 

Seine Schrift beschäftigt sich mit den „Weichenstellungen“ 1989/90 in den mittel- und ostmitteleuropäischen Ländern (MOE), ihren „Transformationsprozessen“ und in seiner Schlußbetrachtung vor allem damit, dass „so manche Hoffnung von 1989 unerfüllt“ geblieben sei. Es umfasst kurze Leseempfehlungen, eine zur ersten Orientierung ausreichende Landkarte sowie ein knappes Personenverzeichnis. Alles in allem ein zumeist solides Werk, das durchaus zur Orientierung dienen kann. Zumal es durchaus Handbuchcharakter hat mit seinen zahlreichen statistischen Angaben, insbesondere zu Parteienentwicklung, Wahlen und Regierungsbildung. Doch insgesamt greift „Der Preis des Wandels“ zu kurz.

Verbiegungen im Spätsozialismus

Irritierend ist besonders Reinhold Vetters Beschäftigung mit dem „Sonderfall DDR“. Hier fährt er noch einmal die Kritik heutiger Verfassungspatrioten auf: die angeblich ungenutzten „besseren Lösungen“ wie der des Artikels 146 Grundgesetz zur Schaffung einer völlig neuen Verfassung, der zu schnelle Beitritt, die „ins Abseits gedrängten“ linken Gruppen, nicht zuletzt die Schädigung von „Selbstvertrauen und Stolz“ in der zusammenbrechenden DDR. Das wertet er natürlich als eine Ursache für „aggressives Auftreten gegen Ausländer und Flüchtlinge“ heute, weshalb die „Bereicherung des eigenen Denkens durch andere Kulturen auf der Strecke bleibe“.

Allerdings werden dabei wie schon im Falle der sowjetrussischen Darstellung Vorgeschichte und Verbiegungen im Spätsozialismus kaum beachtet. Der inzwischen in deutschen Feuilletons ausgebrochene Streit über Ursachen, Akteure und Wirkungen der friedlichen Revolution im Herbst 1989 deutet es bereits an: Hier dürfte noch so einiges an „Vergangenheitsbewältigung“ auf uns zukommen ... Man muss nicht zu den erlesensten Kennern des europäischen Ostens zählen, um dessen Geschichte mit etwas politischer Empathie zu beleuchten und dabei etwas tiefer zu schürfen als Reinhold Vetter. 

Und weitere Erklärungsmöglichkeiten zur Debatte zu stellen, wie etwas diese: Die 68er in Westeuropa haben gegen das kapitalistische System und gegen amerikanische Raketen demonstriert. Die 68er im Osten Europas sind gegen den Einmarsch sowjetrussischer Panzer und den „real existierenden“ Sozialismus auf die Straße gegangen.

Eben diese „alternativen 68er“ im Osten haben also das gemacht, wovon die westlichen 68er bis heute nur träumen können: Revolution. Allerdings gegen den Sozialismus, nicht gegen den Kapitalismus. Das wird ihnen von manchem offenbar bis heute nicht verziehen.

Reinhold Vetter: Der Preis des Wandels: Geschichte des europäischen Ostens seit 1989. Herder, 336 S., 24 Euro

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