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Waren alle Entbehrungen der letzten Monate umsonst?

Olympiasieger Karl Schulze hat alles geplant: Rückkehr nach Dresden, Zeit für Familie. Jetzt braucht er einen neuen Plan. Ein Gespräch mit einem, der positiv denkt.

Karl Schulze hat zwei olympische Goldmedaillen gewonnen. Sollte ihm der Triumph 2021 noch einmal gelingen, wäre der dann 33-Jährige der erste deutsche Ruderer überhaupt, der drei Olympiasiege in Folge in einer Bootsklasse vorweisen kann.
Karl Schulze hat zwei olympische Goldmedaillen gewonnen. Sollte ihm der Triumph 2021 noch einmal gelingen, wäre der dann 33-Jährige der erste deutsche Ruderer überhaupt, der drei Olympiasiege in Folge in einer Bootsklasse vorweisen kann. © Robert Michael

Dresden. Er ist 32 Jahre alt und auf der Zielgeraden einer großen Karriere: Der Ruderer Karl Schulze, 2012 und 2016 jeweils Olympiasieger im Doppelvierer, wollte im Sommer das einmalige Triple perfekt machen, seinen dritten Olympiasieg hintereinander. Dafür beugte sich der 1,90 Meter große Modellathlet auch der Verbandsvorgabe und zog vor anderthalb Jahren mit seiner kleinen Familie nach Glinde bei Hamburg. Am dortigen Stützpunkt in Ratzeburg feilte der Dresden mit seinen Kollegen am geplanten Meisterstück.

Das muss Schulze nun für ein Jahr verschieben. Trotzdem kehrt er jetzt nach Dresden zurück. Über die Gründe und seine Gefühlslage spricht der Ausnahme-Ruderer im SZ-Interview.

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Herr Schulze, die Olympischen Spiele in Tokio sind um ein Jahr verschoben, in den Sommer 2021. Sind die letzten sechs Monate, also die Olympiavorbereitung verbunden mit vielen Entbehrungen, umsonst gewesen?

Ich muss ehrlich sagen, in gewisser Hinsicht ist das so. Der ganze Lebensplan war ausgerichtet auf diesen Sommer, auf den Olympiatermin. Der ganze Trainingsprozess, mein Umzug nach Hamburg, die fehlende Zeit für die Familie – das alles war dem Ziel untergeordnet. Danach stand für uns ganz klar im Fokus, eine Verbesserung der anstrengenden und angespannten Situation zu erreichen. Jetzt hat sich der überschaubare Zeitraum um ein Jahr verlängert. Mit ein paar Tagen Abstand kann ich die Situation so annehmen, wie sie ist. Es entsteht ja auch der eine oder andere positive Effekt.

Was meinen Sie damit?

In erster Linie in sportlicher Hinsicht. In der vergangenen Saison haben wir gesehen, dass der Rückstand zu den Medaillenplätzen erheblich war. Mit einem Jahr mehr Zeit ist es deutlich realistischer, uns an die anderen Nationen heran- oder sogar vorbeizuschieben. Das ist unser Ziel. Natürlich habe ich auch erst mal für meine drei Mädels Zuhause ein bisschen mehr Zeit.

Sie deuteten an, dass Ihr Lebensplan durcheinander geraten sei. Wollten Sie nach Tokio Ihre Karriere beenden?

Ich bin ja nicht mehr der junge, ungebundene Athlet. Bei mir ist die Familie immer mit dabei und soll ganz klar im Vordergrund stehen. Unser Plan sah vor, dass die Familie bis Tokio noch ein bisschen kürzer treten und auf mich verzichten muss. Ich hatte jetzt nicht so das optimale Umfeld. Das sollte sich nach 2020 drastisch ändern, zum klaren Vorteil meiner Familie. Wir wollten wieder nach Dresden umziehen und uns hier eine familiäre Basis schaffen, unser Umfeld einrichten. Wenn damit der Sport noch kompatibel gewesen wäre, hätte ich weitergerudert. Ich wollte die Familie bestmöglich versorgt wissen und dann schauen, ob Rudern reinpasst. Das ist jetzt über den Haufen geworfen worden.

Das heißt, Sie kehren wieder zurück nach Dresden? 

Die Umzugspläne laufen, sind auch nicht mehr zu verschieben. Aller Voraussicht wohnen wir ab Juli wieder in Dresden. Ich komme damit aber in eine Situation, die ich eigentlich vermeiden wollte. Meine Familie wird in Dresden wohnen, aber ich werde zum Training in Hamburg sein müssen. Die Zeit mit meinen Mädels wird im kommenden Jahr noch kürzer ausfallen. Ich werde extrem viel auf der Autobahn unterwegs sein. Das sind die Aspekte, über die ich vorher gesagt habe: So möchte ich mich nicht auf Olympia vorbereiten. Aber jetzt habe ich schon so viel investiert, dass ein Aufgeben nicht in Frage kommt.

Könnten Sie nicht einfach in Dresden trainieren, bis 2012 hatte das ja auch funktioniert?

Wie oft ich in Dresden bin und wie ich trainieren kann, muss sich erst zeigen. Das sind alles Dinge, die jetzt abgesprochen werden müssen. Es steht bislang gerade mal fest, wann Olympia im nächsten Jahr stattfindet. Viele andere Termine, wie etwa die Weltcups, müssen nun festgezurrt werden – damit sich daraus ein Trainingsplan ableiten und eventuelle individuelle Thematiken festlegen lassen.

Sie sind für den Traum von Olympia 2020 mit der Familie im Oktober 2018 nach Hamburg gezogen. Letztlich eine vertane Zeit?

Nee. Es hat sich schon gelohnt für mich. Wenn ich nicht nach Hamburg gezogen wäre, hätte das mein Karriere-Ende bedeutet. Ich konnte den Sport, den ich sehr gern betreibe, weiter vorantreiben. Durch das Training in Hamburg konnte ich mich erst überhaupt wieder in die Situation bringen, ein Olympia-Kandidat zu sein. Ich war 2017 durch mein Jahr Pause raus und musste mich wieder in die Nationalmannschaft zurückkämpfen. Das hat funktioniert. Auch, weil ich in Hamburg und ständig für die Trainer präsent gewesen bin.

Wie bewerten Sie die Rolle des IOC in den vergangenen Wochen?

Für mich ist schon lange klar gewesen, dass die Entscheidung einer Verschiebung oder Absage sehr schwer zu fällen sein wird. Der Rahmen, in dem sich Olympia bewegt, ist selbst für mich unvorstellbar groß. Da hängen so viele Faktoren dran, die weit über die Strukturen von normalen Betrieben oder Firmen hinausgehen. Das IOC hat zu Recht versucht, möglichst lange abzuwarten - um eben keine Entscheidung zu treffen, die man im Nachhinein als vorschnell hätte bezeichnen können. Klar war es für die Aktiven und die Verbände eine Hängepartie. Das war mental eine sehr schwere Zeit. Wenn man sich für eine schnelle Absage entschieden hätte und dann wäre Olympia plötzlich noch möglich gewesen, wäre das Ärgernis viel größer gewesen als diese Zeit der Unwägbarkeiten. Niemand vermag eine realistische Zeitschiene über den weiteren Verlauf der Corona-Krise abzugeben. Ich finde okay, dass Olympia jetzt verschoben wurde, es geht im Leben um mehr als um Sport. Allerdings ist der Sport auch ein weltweiter, riesengroßer Arbeitgeber. Da hängen Existenzen dran, ob das nun die Athleten selbst betrifft oder das jeweilige Umfeld. 

Hat Ihnen nicht ein Plan B oder C des IOC gefehlt? Lange hat es immer nur geheißen: Olympia findet wie geplant statt. 

Klar, aber in welchem Riesen-Konzern erfährt man wirklich, welche Kommunikation hinter den Kulissen läuft? Das hört man eher selten. Da muss man auch ein bisschen Vertrauen haben, dass solche Gremien über einen Plan B zumindest nachdenken. Dass man uns Athleten ständig vertröstet und auf kommunikativer Ebene im Stich gelassen hat, war definitiv nicht die klügste und beste Lösung. Aber jede andere Lösung hätte an der Methode Abwarten wenig geändert. Jeder von uns hat mit einem Plan B gerechnet.

Karl Schulze machte 2017 beim Semper-Opernball mit seiner Freundin Marie-Christin eine gute Figur. Das Paar hat zwei Töchter: Leni Marie (knapp zwei) und Lea (sieben Monate). 
Karl Schulze machte 2017 beim Semper-Opernball mit seiner Freundin Marie-Christin eine gute Figur. Das Paar hat zwei Töchter: Leni Marie (knapp zwei) und Lea (sieben Monate).  © Robert Michael

Ihr Doppelvierer hat den Quotenplatz für Tokio eingefahren, und Sie saßen für diese Saison fest im Boot. Gehen Sie davon aus, dass beides auch bis in das nächste Jahr Bestand haben wird?

Die nationalen Ausscheidungsrennen für 2020 haben wir gemacht, aber immer unter dem Vorbehalt, dass wir uns noch international noch unter Beweis stellen müssen. Das heißt, wenn wir beim ersten Weltcup nicht performt hätten, wären personelle Änderungen möglich gewesen. Andernfalls wäre die Saison mit der jetzigen Besetzung bis Tokio weitergelaufen. Nach der Verschiebung der Spiele hat der Deutsche Ruder-Verband verlautbaren lassen, dass die Selektionen für die Bootsklassen weiter Bestand haben. Es soll also keine weiteren internen Ausscheidungen geben. Aber im weiteren Verlauf wird weiter getestet, um die individuelle Fitness der Athleten abzufragen. Das ist legitim und ganz normal. Es hängt am Ende aber alles an dem internationalen Vergleich. Wenn der erst im nächsten Jahr bei einem Weltcup möglich ist, bleibt bis dahin alles unangetastet. 

Es wird nur wenige Olympia-Kandidaten in den Sommersportarten geben, die in diesem Jahr  abrechenbare internationale Ergebnisse abliefern können. Müssen also alle Förderrichtlinien, die an finanzielle Unterstützungen geknüpft sind, wie etwa der Kader-Status, für 2021 übernommen werden?

Ich gehe davon aus. Das wurde uns, natürlich unter Vorbehalt, auch so kommuniziert. So lange keine Ergebnisse abgeliefert werden und sich bei individuellen Tests die Leistungsfähigkeit nachweisen lässt, sollten die Kader-Einstufungen für 2021 gelten. Das ist ein bisschen wie in der Juristerei: Im Zweifel für den Angeklagten. Man hat nicht die Möglichkeit , sich zu zeigen. Woran soll man dann neue Einstufungen festmachen? Es wird sowieso ein sehr interessanter Aspekt werden, wie mit der finanziellen Förderung weiter verfahren wird. Ich bin froh darüber, in der Sportfördergruppe der Bundespolizei zu sein. Das gibt mir ein Stück weit finanzielle Sicherheit. Aber gerade durch meine künftigen anderen Lebensumstände - also zwischen Dresden und Hamburg zu pendeln -, kommen Mehrkosten auf mich zu. Aber diese Unsicherheit betrifft auch viele andere Athleten. Das Problem zieht sich ja bis in die Wirtschaft. 

Sie sind als 32-Jähriger im reifen Ruderer-Alter. Können Sie Ihre Form bis 2021 konservieren?

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Ich denke, dass ich sie nicht nur konservieren, sondern noch steigern kann. Ich habe mich seit meinem 30. Lebensjahr individuell verbessert, neue Bestwerte aufgestellt. Gerade aufgrund der Tatsache, dass wir nun mehr Zeit haben, uns als Vierer zu finden, sehe ich die sportliche Entwicklung sehr positiv. Wir wären in diesem Jahr bei Olympia eine neue Mannschaft gewesen. Die Erfolge von 2012 und 2016 haben wir immer mit einer Besatzung errungen, die schon ein Jahr vorher zusammengearbeitet hat. Das ist also gar nicht so schlecht, dass wir ein paar Monate mehr Zeit haben.

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