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Warnschuss ohne Beinbruch

Nach dem 2:4 gegen Argentinien wird die deutsche Nationalmannschaft mutig. Sie ignoriert das Debakel einfach.

© contrastphoto

Von Tino Meyer

Die Deutungshoheit liegt beim Kapitän. Das weiß Manuel Neuer, auch wenn er das begehrte Stück Stoff derzeit nur aushilfsweise tragen darf. Also wird der Torwart schnell prinzipiell, ehe das mit den kritischen Fragen zur peinlichen 2:4-Niederlage gegen Argentinien eine Stunde vor Mitternacht so weitergeht. Am Ende trifft noch einer negative Ableitungen über die Zukunft der zuletzt fast hymnisch gefeierten Weltmeister-Mannschaft.

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„Das war kein Qualifikationsspiel“, sagt Neuer über den Stellenwert der Neuauflage des WM-Finals und untermauert seine Feststellung mit geografischem Faktenwissen. Argentinien liege nun mal in Südamerika und Deutschland in Europa, versichert er und meint halb verständnisvoll, halb mahnend: „Deshalb können wir das Spiel so hinnehmen. Ein Warnschuss war es auf jeden Fall.“ Von einem Debakel aber, einer Lehrstunde oder dem für solch derbe Pleiten gern verwendeten Synonym Beinbruch will der Ersatzkapitän nichts wissen.

„Unser Manko war, dass wir nicht in Führung gehen“, analysiert Neuer indes. Ähnlich sieht es Mannschaftskollege Toni Kroos, der die Deutschen nicht schlechter als Argentinien gesehen haben will, „aber deutlich ineffizienter“.

Trübe Stimmung bei Feier danach

Und Mario Gomez gesteht selbstkritisch: „Wir haben verloren, auch weil ich die beiden Bälle nicht reingemacht habe.“ Seine dritte vergebene Großchance kurz vor der Pause nach den zuvor ausgelassenen Möglichkeiten in der siebenten und 28. Minute verschweigt er lieber. Der mögliche Treffer hätte wegen Abseitsstellung ohnehin nicht gezählt – und am eindeutigen Ausgang des Spiels wohl auch nichts geändert.

Das Dumme an dieser unerwartet klaren Niederlage ist offenbar nur, dass sie auf die Stimmung schlägt bei der als WM-Abschluss gedachten Feierstunde danach im Düsseldorfer Hafenviertel. Zumindest vermitteln Spieler und Verantwortliche den Eindruck. „Ich mache mir keine Sorgen“, sagt Joachim Löw demonstrativ. Statt dieser Revanche für Rio, die sie natürlich nicht ist, überhaupt irgendeine Bedeutung beizumessen, blickt der Bundestrainer voraus.

Am Sonntag, wenn gegen Schottland die EM-Qualifikation für das Turnier 2016 in Frankreich beginnt, werde seine Mannschaft ein anderes Spiel bestreiten. In Sachen Einstellung und Engagement kann das nicht anders sein, personell jedoch sind kaum Änderungen möglich. Im Angriff wird Löw wieder auf Rückkehrer Gomez setzen – trotz und gerade wegen der Pfiffe. „Grundsätzlich geht es einfach nicht, dass ein Spieler der deutschen Nationalmannschaft ausgepfiffen wird, nur weil er die eine oder andere Chance liegengelassen hat“, kritisiert der Bundestrainer die Reaktionen der Zuschauer, die Kroos dagegen überhaupt nicht wahrgenommen haben will. Behauptet er zumindest.

Neben dem Neu-Madrilener dürften im Mittelfeld dann auch Thomas Müller und Mario Götze wieder erste Wahl sein. Dass neben Bastian Schweinsteiger nun auch Mesut Özil, Sami Khedira und Julian Draxler verletzungsbedingt ausfallen, kann Löw noch kompensieren. Gestern hat er den Schalker Sidney Sam nachnominiert. Doch in der Abwehr, dem wesentlichen Problemfeld gegen Argentinien, fehlen die Alternativen – inzwischen mehr denn je.

Per Mertesacker und Philipp Lahm sind zurückgetreten, Jerome Boateng war zuletzt verletzt, und Shkodran Mustafi sowie Mats Hummels sind es weiterhin. Dass ihre Vertreter, also allen voran Erik Durm, Kevin Großkreutz und Matthias Ginter, internationale Ansprüche (noch) nicht erfüllen können, hat am Mittwoch allein Angel di Maria offenbart.

An allen vier Toren der Gäste ist er direkt beteiligt gewesen, was unweigerlich zu der Frage führt, was wohl passiert wäre in einem WM-Finale mit dem damals angeschlagenen Edeltechniker. Löws unmissverständliche Antwort: „Wir hätten Argentinien am 13. Juli auch mit di Maria geschlagen. An diesem Tag hätte er nichts gegen uns ausrichten können.“

Dass diesmal alles anders ist, hat Löw einkalkuliert. Im Hinblick auf die EM 2016 muss er den jungen Spielern zwangsläufig Einsatzzeiten geben, wohlwissend, „dass sie die Etablierten so einfach nicht ersetzen können. Man hat in der einen oder anderen Situation die fehlende Erfahrung gemerkt. Das ist logisch“, findet der Bundestrainer. Er erinnert aber auch an die herausragenden Offensivqualitäten Argentiniens, was zumindest für den Sonntag hoffen lässt. Denn Ähnliches ist von den Schotten eher nicht zu erwarten.