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Warten auf den Flutschutz

Mehr als 1 000 Befürworter hat die Initiative Hochwasserschutz schon gefunden. Sie hofft nun auch auf Hilfe vom Landtag.

© Arvid Müller

Von Ines Scholze-Luft

Dreimal kam das Hochwasser zwischen 2002 und 2013 nach Fürstenhain. Mit Schäden in Millionenhöhe. Nur 2006 war es nicht ganz so schlimm, da waren nur einige Keller betroffen, sagt Michael Poller von der Bürgerinitiative Hochwasserschutz. Wer in dem Radebeuler Ortsteil hinter der Friedenskirche lebt, der hofft auf baldigen Schutz. Nicht, dass das Wasser wieder schneller ist, wie vor knapp einem Jahr. Kaum einer geht inzwischen davon aus, dass sich die Gefahr noch mal hundert Jahre Zeit lässt. Auch die Experten nicht.

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Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Das hat die Bürgerinitiative mehr als einmal gehört bei ihrem beständigen Ringen, die Flutschutz-Pläne für ihr Gebiet endlich umsetzen zu lassen. Für etwa 120 Bewohner und sieben Gewerbebetriebe.

Seit 2003 wird schon geplant. Immer wieder war jemand dagegen, wurde wieder alles geändert, sagt Andreas Rudolph. Nun hat die Landestalsperrenverwaltung (LTV) eine Variante gefunden. Davon verspricht sich die Bürgerinitiative wirksame Hilfe. Wenn denn aus dem Plan Realität werden könnte.

Doch soweit ist es noch lange nicht. Zwar ist die Planung abgeschlossen und liegt zum sogenannten Planfeststellungsverfahren bei der Landesdirektion. Aber dort geht es derzeit nicht weiter. Weil Friedenskirchgemeinde und Landesdenkmalamt mit dem Vorschlag der Talsperrenverwaltung nicht einverstanden sind. Und aus Sicht der Bürgerinitiative unverhältnismäßige Einwendungen geltend machen.

Der jetzt vorgeschlagene Deich entlang des Auenweges läuft auf dem Friedhof der Friedenskirche aus. Etwa 50 Quadratmeter sind dort betroffen. Ein Hügel würde entstehen. Etwa 30 bis 80 Zentimeter hoch, so die Bürgerinitiative. Beim Bau würde es auch in die Tiefe gehen. Was wiederum eine historische Grabanlage betreffen könnte. Obwohl die LTV versichert, dass diese kaum berührt wird, bleiben Kirchenvorstand und Denkmalpfleger skeptisch.

Der Vorstand der Friedenskirchgemeinde habe zwar auch schon Vorschläge für den Deichverlauf gemacht. So den einer viel längeren Mauer, weil die nicht so tief gegründet sein müsste. Was aber ein Irrtum ist, sagt Andreas Rudolph. Auch für die müsse fünf bis sechs Meter in die Erde gegangen werden – ein viel größerer Eingriff.

Mit dem Kirchenvorstand hat die Initiative bereits gesprochen. Der bleibt bei seinem Standpunkt: Die Kirche ist für den Hochwasserschutz, aber nicht so nah am Gotteshaus. Pfarrerin Antje Pech sagt, dass die Leitung der Friedenskirchgemeinde die Sorgen der Fürstenhainer um eine Verzögerung der Hochwasserschutzmaßnahmen versteht. „Der Kirchenvorstand befürwortet ausdrücklich den Hochwasserschutz, aber wir wollen verhindern, dass die denkmalgeschützte Kirche in ihrer Bausubstanz gefährdet wird. So wie sich die Fürstenhainer Bürger um ihre Häuser sorgen, so sorgen wir uns eben auch um unser Haus, die Kirche“.

In der jetzigen Planung sei in nur fünf Metern Entfernung vom östlichen Ende der Kirche eine Bohrpfahlwand vorgesehen, die bis zu acht Meter in die Tiefe reicht. „Wir befürchten, dass die Erschütterungen durch die Bohrungen Schäden an unserem über 500 Jahre alten Bauwerk hinterlassen“, sagt Anke Mondschein vom Kirchenvorstand. „Das Landesamt für Denkmalschutz hat sich gegen eine Trasse über das Gelände der Friedenskirche ausgesprochen, weil die Kirche und das umliegende Areal unter Denkmalschutz stehen.“ Im Gegensatz dazu habe sich der Kirchenvorstand der Friedenskirchgemeinde prinzipiell bereiterklärt, die Trasse über das Kirchengrundstück zu legen, jedoch ohne tiefe Erdarbeiten in unmittelbarer Nähe der Kirche und innerhalb eines Gräberfeldes, in dem Grüfte vermutet werden.

Der Kompromissvorschlag des Kirchenvorstands kommt Mondschein zufolge sowohl dem Denkmalschutz als auch dem Hochwasserschutz entgegen. „Leider hat sich die Landestalsperrenverwaltung bisher nicht mit uns zusammengesetzt, um diese Alternative zu beraten.“

Für die Bürgerinitiative bedeutet das alles in erster Linie längeres Warten auf den Deichbau. Das schürt die Angst vor der Flut. Denn inzwischen droht weiteres Ungemach. Mit dem neugebauten Hochwasserschutz auf der gegenüberliegenden Elbseite, in Gohlis/Cossebaude. Dadurch ist Fürstenhain im Hochwasserfall noch mehr gefährdet, sagt Michael Poller. Schließlich muss das Wasser irgendwohin. „Wir kämpfen darum, dass das Planfeststellungsverfahren ohne Verzug und schnellstens bearbeitet wird. Und dass es bald Baurecht gibt“, sagt Hartmut Herrlich.

Dazu will die Initiative am Mittwoch ihre Petition im Landtag übergeben. Und trägt dafür immer noch Unterschriften zusammen. Mit einer problematischen Episode. Die Kirche habe der Initiative zufolge versucht, Leute so zu beeinflussen, dass sie die Petition nicht unterschreiben. Er könne sich nur an einem Fall erinnern, sagt Pfarrer Wolfram Salzmann. Als jemand vor dem Gottesdienst im Gemeinderaum solche Unterschriften sammeln wollte. Gegen den Kirchenvorstand. Dort, wo der Kirchenvorstand Hausherr ist. Das habe er untersagt, so der Pfarrer.

Nichtsdestotrotz hat die Bürgerinitiative bis heute über 1 000 Unterschriften zusammengetragen. Die Zeit drängt, sagen die Organisatoren. Selbst wenn die Petition erfolgreich ist, wird es noch zwei bis vier Jahre bis zum tatsächlichen Baustart dauern. So lange bleibt auch die Furcht vorm nächsten Hochwasser.