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Warten auf den Schuldnerberater

Fünf Monate müssen überschuldete Görlitzer derzeit auf einen Termin warten. Doch der Kreis will die Mittel nicht aufstocken. Er begibt sich damit in Widerspruch zu Experten.

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Von Sebastian Beutler

Im Fernsehen sieht das immer so unkompliziert aus. Schuldenberater Peter Zwegat kommt, schnauzt die Schuldner erst mal so richtig zusammen und kümmert sich anschließend um all ihre Probleme. Schließlich sollen sie „raus aus den Schulden“. Im Landkreis, und besonders in der Stadt Görlitz, kann sich schon derjenige glücklich schätzen, der überhaupt einen schnellen Termin bei den Schuldnerberatern der Caritas oder des ASB bekommt. „Wir vergeben jetzt Termine für den April nächsten Jahres“, sagt Caritas-Regionalstellenleiterin Ursula Wilkowski.

Schnell mal bei Schulden die Berater aufsuchen, ist also an der Neiße nicht. Und das wird auch so bleiben. Der Gesundheitsausschuss des Kreises konnte sich in dieser Woche nicht dazu durchringen, die Mittel für die Schuldnerberatung aufzustocken oder zwischen den Regionen des Kreises neu zu verteilen. Wie bislang fördert der Kreis Schuldnerberatungstellen der Diakonie Löbau-Zittau für den Südkreis mit 1,5 Stellen, des DRK Weißwasser für den Norden des Kreises mit einer Stelle und in Görlitz die Arbeit von Caritas und ASB mit zusammen 1,5 Stellen. Diese Aufteilung der insgesamt knapp 200 000 Euro findet der zuständige Sozialamtsleiter des Kreises, Matthias Schmidt, auch richtig. „Wir werden der besonderen Situation in Görlitz gerecht. Obwohl hier nur 20 Prozent aller Einwohner des Kreises wohnen, geben wir 40 Prozent aller Mittel hierher.“

Tatsächlich leben in der Stadt Görlitz besonders viele Menschen, die mit ihrem Geld nicht zurechtkommen. Darin stimmen alle Beteiligten überein. Und das ist auch an den Zahlen ablesbar. So meldeten ASB und Caritas für das vergangene Jahr 660 Beratungsfälle in Görlitz, die Diakonie Löbau-Zittau 518 und das DRK Weißwasser 348. Die ersten Daten für dieses Jahr zeigen, dass sich diese Trends fortsetzen. Wenn die Statistiken auch stimmen. Daran gab es im Gesundheitsausschuss berechtigte Zweifel. Während der Landkreis die Beratungsfälle bei der Caritas für die ersten sechs Monate in diesem Jahr mit 133 angab, sprach Frau Wilkowski von über 440 Erstkontakten, ohne dass die Differenz schnell und überzeugend aufgeklärt werden konnte. Das stieß auch dem Reichenbacher SPD-Kreisrat und früheren Görlitzer Amtsarzt Bernhard Wachtarz auf, der sogleich eine einheitliche Statistik für den gesamten Landkreis forderte.

Entscheidend für die Geldverteilung im Landkreis ist allerdings weniger die absolute Zahl der Schuldner, sondern wiederum der Anteil der  Langzeitarbeitslosen  oder Sozialhilfeempfänger an ihnen. Nur für diese beiden Bevölkerungsgruppen trägt der Kreis die Pflicht, eine Schuldnerberatung zu finanzieren. Für alle anderen ist es lediglich eine Kann-Aufgabe. Nach Angaben aller Träger machen die sozial Schwachen zwischen 55 und 66 Prozent aller Beratungsfälle aus. Erst wenn hier 100 Prozent vorliegen, so kündigte Sozialbeigeordnete Martina Weber an, würde der Kreis über höhere Mittel diskutieren. Der grüne Kreisrat Thomas Pilz aus Zittau war daher schon zufrieden, dass „das Budget nicht verringert wird“. Zumindest Görlitzer Kreisräte wie Michael Hannich (CDU) plädieren aber dafür, den Görlitzer Anlaufstellen mehr Geld zur Verfügung zu stellen. So hatten die Görlitzer Berater auch eine Erhöhung der Zuschüsse verlangt, damit künftig 2,25 statt nur 1,5 Stellen finanziert werden können. Das DRK in Weißwasser sah es als sinnvoll an, seine Beratercrew um eine halbe Stelle aufzustocken. Doch beide Vorstöße verliefen im Sand. Hannich jedenfalls lehnte den Beschluss im Ausschuss als Einziger ab.

Der Görlitzer Sozialpolitiker bekommt auch von jüngsten Erhebungen zur Schuldenquote in Deutschland Rückenwind, die die Wirtschaftsauskunftei Creditreform für alle Landkreise und kreisfreien Städte berechnet. Zwar liegt diese Quote im Landkreis Görlitz vergleichsweise niedrig und weit entfernt von der höchsten Quote in Bremerhaven mit rund 18 Prozent. Doch sagt das nichts über die Schwere der Fälle aus. Zunehmend, da sind sich die Berater im Landkreis einig, müsste mehr Zeit für wenige, aber besonders komplex verschuldete Menschen aufgewandt werden.

In fast jedem zehnten Fall haben es die Berater mit über 20 Gläubigern zu tun. Sie alle unter einen Hut zu bekommen, ist besonders schwer. Die meisten Ratsuchenden sind seit Jahren arbeitslos oder verfügen nur über ein geringes Einkommen und müssen sich Rechnungen von Banken, Telefongesellschaften sowie Versandhäusern erwehren. Und ihre Zahl stieg in diesem Jahr laut Creditreform wieder an. Dessen Ausblick ist eher zurückhaltend. So rechnen die Experten durchaus mit einem weiteren Anstieg. Und empfehlen daher die Insolvenz- und Schuldnerberatung zu stärken und auszubauen.