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Warten vor der Geister-Ampel

Um die kleine Ausfahrt eines Autohauses zu sichern, bekommt der Verkehr auf der großen Coventrystraße Rot.

© André Wirsig

Von Sandro Rahrisch

Bernd Lange muss scharf bremsen. Der Dresdner ist auf dem Weg zur Arbeit, von Altfranken ins Zentrum. Auf der Coventrystraße schaltet eine Ampel plötzlich auf Rot – die Straßenbahn rollt heran. „Für mich ist das eine der sinnlosesten Ampeln überhaupt“, schimpft Lange. Denn Straße und Schienen kreuzen sich hier nicht, Autos und Straßenbahnen fahren mit mehreren Metern Abstand parallel zueinander.

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Die Sächsische Zeitung wollte von ihren Lesern wissen, welche Dresdner Ampeln sie für überflüssig halten. Die Anlage in Gompitz wurde mit Abstand am häufigsten genannt. Aber warum ist sie überhaupt aufgestellt worden? Die SZ geht auf das Grundstück, das sich direkt an den Schienen befindet: das Gelände vom Autohaus Pattusch. Dort erklärt Betriebsleiter Markus Richter, dass er die Ampel absolut nicht für sinnlos hält. Denn von seinem Hof führt ein Weg über die Schienen auf die Coventrystraße. Diesen nutzen Mitarbeiter und Kunden anstatt der großen Ausfahrt gegenüber, da sie so direkt auf die Coventrystraße gelangen und sich die Kreuzung weiter oben ersparen – eine Abkürzung also. Trotzdem: Warum müssen Autofahrer in Höhe der Ausfahrt vor der roten Ampel warten, wenn die Straßenbahn anrollt?

„Wenn ich vom Hof fahre und abbiegen will, stehe ich bei Gegenverkehr notgedrungen auf den Straßenbahnschienen und muss warten“, sagt Markus Richter. Das seien zwar meistens nur wenige Sekunden, die könnten allerdings gefährlich werden. „Die Bahnen fahren sehr zügig den Berg hinunter.“ Die Autofahrer hätten nur dann eine Chance, die Schienen rechtzeitig zu räumen, wenn der Gegenverkehr vor der Ausfahrt angestaut wird.

Bernd Lange kann mit dieser Erklärung nicht viel anfangen. „Einerseits müssten schon zeitgleich zwei, drei Autos vom Hof fahren und warten, damit die Schiene blockiert ist“, sagt er. Andererseits könnten Kunden und Mitarbeiter des Autohauses die Hauptausfahrt nehmen, das sei ein Umweg von vielleicht einer Minute.

Was Lange auch ärgert: Manchmal schaltet die Ampel selbst dann auf Rot, wenn gar keine Straßenbahn im Anrollen ist. „Völlig unmotiviert, offensichtlich eine Fehlschaltung“, sagt er. Was ebenfalls auffällt, als zwei SZ-Reporter vor der Ampel stehen: Bei zwei von sechs vorbeifahrenden Straßenbahnen schaltet die Ampel überhaupt nicht auf Rot. Hätten tatsächlich Autos in der Hofausfahrt die Schienen blockiert, hätten die Bahnen eine Notbremsung einleiten müssen.

Bernd Lange hält diese Ampel für überflüssig, der ADAC Sachsen würde gleich 100 Anlagen in Dresden abschaffen und so Geld sparen. Rund 1,1 Millionen Euro zahlt Dresden jährlich für alle 465 städtischen Ampeln. Zustimmung bekommt der Automobilclub vom Deutschen Fahrradclub. „Dresden ist die gefühlte Ampelhauptstadt“, sagt Sprecher Konrad Krause. Seit der Wende hätte sich die Zahl der Anlagen mehr als verfünffacht.

Auf der Radeberger Straße ließe sich die Ampel in Höhe der Jägerstraße durch einen Zebrastreifen ersetzen. Die Ampel Bischofsweg/Ecke Nordstraße sei ebenfalls entbehrlich. Durch eine Erweiterung der Tempo-30-Zone könnte die Anlage zusammen mit den vielen 30-Schildern am Bischofsweg verschwinden.

„Gut gestaltete Fußgängerüberwege sind nicht unsicherer als ihre elektrische Variante“, so Krause. Und für Autofahrer tut es manchmal auch ein einfaches Stopp-Schild, fügt Bernd Lange hinzu.