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Hoyerswerda

Warten bis die Einzelhändler wieder öffnen

Die Innenstädte von Hoyerswerda und Weißwasser leeren sich. Noch gestern hoffte mancher, weiter öffnen zu können.

André Simon vom Bikepoint Wiesner in Hoyerswerda hatte registriert, dass am vergangenen Wochenende ungewöhnlich viele Verkäufe getätigt werden konnten. Er vermutet, dass die Kunden die gewähnt letzte Chance auf lange Zeit wahrnehmen wollten.
André Simon vom Bikepoint Wiesner in Hoyerswerda hatte registriert, dass am vergangenen Wochenende ungewöhnlich viele Verkäufe getätigt werden konnten. Er vermutet, dass die Kunden die gewähnt letzte Chance auf lange Zeit wahrnehmen wollten. © Foto: Juliane Mietzsch

Hoyerswerda/Weißwasser. Wenig Normalität gibt es dieser Tage, denn die meisten Lebensbereiche werden durch Einschränkungen wegen Corona beeinflusst. Zuletzt durch die Allgemeinverfügung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dort heißt es, dass „grundsätzlich alle Geschäfte geschlossen sind“, darauf folgt eine Reihe von Ausnahmen, die notwendig sind. Das verändert das Leben in einer Stadt wesentlich.

Im Hoyerswerdaer Altstadtkern etwa. Im Stadtcafé sind die Tische auf neuen Mindestabstand gerückt. Markierungen halten Kunden an der Verkaufstheke auf Abstand.

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Zwischen den wenigen geöffneten Türen von Banken, Bäckern, Apotheken, Friseuren und Optikern finden sich beinahe doppelt so viele verschlossene. Und an jeder einzelnen lässt sich eine Nachricht finden. Es wird über die Schließung, ihren Grund und die vermutete Dauer informiert. Meist versehen mit Kontaktmöglichkeiten, Hinweisen und guten Wünschen, wie am Geschäft von Evelin Graf. Dort ist ein Appell zu lesen, der zur Zeit häufig auftaucht. „Wartet, bis die Einzelhändler wieder geöffnet haben.“ Das Gebot der Stunde: Die lokale Wirtschaft unterstützen!

Obwohl Thomas Böhm seinen Laden „City Optik“ regulär öffnet, brechen seit Tagen Termine und Aufträge weg. Er wünscht sich bald wieder Normalität. Denn die versprochenen Optionen genügen nicht. „Kredite verlagern das Problem nur.“ Es geht um Existenzen. „Es ist mehr als nur Beruhigung nötig.“ Er erhält dafür Zustimmung von den Kunden, die ihre neuen Brillen abholen wollen und teils extra aus Kamenz hergekommen sind, wie sie es immer tun.

Maike Theuner hingegen hat in ihrem Salon „Welle und mehr“ bisher kaum zu spüren bekommen, dass Menschen vermehrt zu Hause bleiben. „Die Stammkunden sind da. Ein Fremdkunde sagt schon mal ab.“ Bis Ostern wollte sie den Laden offenhalten, was dann kommt, wisse sie nicht. Da war von der Verschärfung der Allgemeinverfügung vom Freitagnachmittag, die auch sie trifft, noch nichts bekannt.

Wie geht es im Lausitz-Center weiter?

Ein ähnliches Bild bietet sich in der Neustadt. Im Lausitz-Center am Lausitzer Platz ist nur noch ein kleiner Teil der Geschäfte und Dienstleister geöffnet. Sonst tummeln sich zu dieser Zeit Menschenmengen und bewundern die aufwendige Ostergestaltung samt lebendigen Kaninchen. Die Dekoration ist da – die Menschen nicht. Die Mittagsangebote von Bäckern und Fleischern werden wie gewohnt, aber von weniger Gästen, genutzt. Vereinzelt sind hinter geschlossenen Glasfassaden der Geschäfte Mitarbeiter zu sehen, die die Zeit für Aufräumen und Putzen nutzen. Doch auch das ist die Ausnahme. Center-Manager Dieter Henke ärgert sich indes darüber, dass es vom Bund über Land und Kreis bis zur Kommune erst keine klaren Handlungsanweisungen gab – nur schwammige Verlautbarungen, die man zum Teil im Internet zusammensuchen und interpretieren musste. „Aber wir haben alles umgesetzt, was konkret zu tun war: In der Lounge und der Gastronomie haben wir die Tische auf anderthalb Meter Abstand gestellt. An allen Eingängen gibt es Desinfektionsmittel. Die Texte der Verordnungen sind im Infopoint vor Rewe ausgelegt.“

Am Montag wolle man nach Auswertung der Besucherfrequenzen mit den Mietpartnern beraten, wie es mit den Öffnungszeiten weitergehen soll und werde der Geschäftsführung der ECE-Gruppe und dem Investor einen Vorschlag dazu unterbreiten. Ostermarkt und -bühne sind abgesagt, auch der verkaufsoffene Sonntag am 29. März; aber die Ausstellung abstrakter Malerei bleibe; eben so wie die Oster-Deko.

Die Lausitzer Werkstätten hatten ihr Service Center in der Bautzener Allee bis Freitag weiterhin offengehalten. Es kommt weniger Laufkundschaft. Nur kleine Reparaturen wurden angenommen, um zu vermeiden, dass bei einer Zwangsschließung Fahrräder nicht mehr abgeholt werden können. Auch hier wurden Dinge erledigt, für die sonst weniger Zeit ist.

Ähnlich ist es auch im Bikepoint Wiesner in der Dillinger Straße, denn eigentlich ist Hauptsaison. Am Wochenende war das noch mal zu spüren. Mitarbeiter André Simon vermutet eine Art von Panikkäufen, bevor es keine Chance mehr gibt. Bestehende Aufträge werden abgearbeitet. Und die Kundschaft wird sogar an der Tür abgeholt, damit niemand Klinken anfassen muss. Es wird im Zwei-Schicht-System gearbeitet, um Mitarbeiter gegenseitig zu schützen. So soll die Filiale mit acht Mitarbeitern arbeitsfähig bleiben. Geschäftsführer Stefan Wiesner organisiert auch die Filialen in Bautzen und Görlitz so. Die Öffnungszeiten bleiben bestehen und Kurzarbeit ist für ihn nur eine Option, „wenn es gar nicht mehr anders geht“. Die Mobilität der Kunden soll auch beibehalten werden. „Es soll Fahrrad gefahren werden anstatt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.“

Auch in Weißwasser sieht es so aus

Diese, also Busse, fahren derzeit meist leer durch Weißwasser. Sie sind somit so verwaist wie die Innenstadt, in der kaum jemand anzutreffen ist. Selbst die Saschowa-Wiese, das Einkaufszentrum im Zentrum, ist nur noch Großparkplatz. Ab und zu kommen hier Menschen zu den letzten zwei geöffneten Geschäften: einer Drogerie und einem Sanitätshaus. Oder sie gehen stracks zur nahen Apotheke. Einen Plausch gibt es kaum, eher Winken oder Kopfnicken als Gruß und ein paar fast geschriene Worte. Die Menschen halten Abstand voneinander. Sie haben Angst vor Ansteckung.

Eine fast lahmgelegte Stadt

Nur wenige Meter weiter, in der Muskauer und Bautzener Straße, ebenfalls gähnende Leere. In den Läden, in denen es Mode, Haushaltswaren, Bücher, Schmuck oder Spielzeug gibt (gab), zeugen geschlossene Türen und Hinweiszettel an Schaufenstern von dem, was niemand für möglich hielt: einer fast lahmgelegten Stadt. Denn Menschen trifft man, bis auf in den in der ganzen Stadt verteilten Discountern, Banken, Friseuren, Bau- und Gartenmärkten kaum noch. Selbst geöffnete Imbissläden und Eiscafés warteten meist vergeblich auf Kundschaft. Beim Optiker werden nur nach Klopfen oder telefonischer Voranmeldung die Türen geöffnet: für je einen Kunden. In der Apotheke trennen durchsichtige Schutzwände auf der Verkaufstheke jetzt Kunden und Personal.

Ob nach Corona in Weißwasser wieder alle Geschäfte, vor allem die kleinen Läden, öffnen? Rico Ritter vom gleichnamigen Textilhaus glaubt nicht daran. „Klar sind Lieferanten oder Vermieter derzeit verständnisvoll. Doch sie wollen bald ihr Geld. Kleine Händler brauchen Soforthilfe und keine Kredite, die sie nicht zurückzahlen können. Wahrscheinlich sollten sich die Leute an den Gedanken gewöhnen, dass es bald noch weniger Läden in der Stadt gibt.“

Die Reportage spiegelt den Stand von Donnerstag/Freitag wider. Ab dem morgigen Sonntag (0 Uhr) müssen weit mehr Gewerbetreibende schließen, darunter Gaststätten, Friseure, Baumärkte, Behindertenwerkstätten und Handwerker mit direktem Kundenkontakt.

Optiker Böhm in Hoyerswerdas Altstadt: Gestern war hier noch offen.
Optiker Böhm in Hoyerswerdas Altstadt: Gestern war hier noch offen. © Foto: Juliane Mietzsch
Die Saschowa-Wiese in Weißwasser: Nur zwei Läden sind geöffnet. 
Die Saschowa-Wiese in Weißwasser: Nur zwei Läden sind geöffnet.  © Foto: Sabine Larbig