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Warum Ärzte trotz Corona zur Grippeimpfung raten

Der neue Vierfach-Impfstoff wird schon produziert. Doch viele fürchten, ihr Immunsystem zu schwächen.

Grippeimpfung trotz Corona? Viele Ärzte raten dazu.
Grippeimpfung trotz Corona? Viele Ärzte raten dazu. © Fredrik von Erichsen/dpa

Mit Blick auf steigende Coronazahlen fragen sich viele, ob es richtig ist, sich diesmal gegen Grippe impfen zu lassen. Denn in der Arztpraxis könnte es nicht nur zum Kontakt mit kranken oder coronainfizierten Menschen kommen. Möglicherweise, so fürchten sie, schwäche der Reiz der Impfung sogar das Immunsystem und erhöhe damit das Risiko für eine Corona-Infektion. Doch diese Sorgen können Ärzte nehmen.

„Eine Impfung schwächt keineswegs das Immunsystem“, sagt der Infektiologe und Chef der Infektionsklinik Chemnitz Dr. Thomas Grünewald. Jeder müsse sich tagtäglich mit so vielen Viren, Bakterien und Fremdstoffen auseinandersetzen – das sei die Aufgabe des Immunsystems. Eine Impfung richte da keinen Schaden an.

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„Das Gegenteil ist sogar der Fall“, sagt der Leiter der Sächsischen Impfkommission, Dr. Dietmar Beier. „Jahrzehntelange Erfahrungen haben gezeigt, dass Impfungen das Immunsystem antreiben. Wir konnten beobachten, dass Menschen mit einem guten Impfschutz auch weniger empfindlich gegenüber anderen Krankheiten sind.“ Kann eine Grippeimpfung also sogar vor Corona schützen? Beier: „So weit möchte ich nicht gehen, denn das wurde noch nicht wissenschaftlich überprüft. Doch einen unspezifischen Schutz gegenüber anderen Krankheitserregern bietet die Impfung. Das ist nachweisbar. Und vielleicht ist ja Corona dabei.“

25 Millionen Impfdosen verfügbar

Auch deshalb empfiehlt die bundesweit agierende Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Institutes (RKI) vor allem Menschen mit erhöhtem Risiko in diesem Jahr den Grippeschutz. Denn sie erkranken meist am schwersten – an Grippe und an Corona. Zur Risikogruppe gehören Menschen über 60 Jahren, mit chronischen Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immunschwache, Schwangere ab vierten Monat sowie Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Auch Pflegepersonal sollte sich vor einer Grippeerkrankung schützen, um das Gesundheitssystem funktionstüchtig zu halten.

Die Sächsische Impfkommission geht sogar noch weiter. Sie plädiert für eine Impfung schon ab dem siebenten Lebensmonat. Denn eine hohe Impfbeteiligung könne den sogenannten Herdenschutz erhöhen. Gemeint ist damit, dass ein großer Anteil geimpfter Menschen auch jene mit schützt, die zum Beispiel krankheitsbedingt nicht geimpft werden können. Doch die Ständige Impfkommission möchte die vorhandenen Impfstoffmengen für die Risikogruppe vorhalten. Eine Impfempfehlung für alle könne zu einem Engpass führen und jene gefährden, die den Schutz besonders dringend brauchen, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme.

Laut Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Impfstoffversorgung verantwortlich ist, sind für die neue Grippesaison 25 Millionen Impfdosen verfügbar. „Das sind vier Millionen mehr als im letzten Jahr“, so Sprecherin Susanne Stöcker. Da in den letzten Jahren die Grippeimpfstoffe nie aufgebraucht wurden, werde kein Engpass befürchtet. Die Krankenkassen in Sachsen richten sich nach den Empfehlungen der Sächsischen Impfkommission. „Wir übernehmen die Kosten der Grippeimpfung für alle impfwilligen Personen“, heißt es übereinstimmend von AOK Plus und Barmer in Sachsen.

Optimal ab Oktober

Meist ab Oktober bieten die Ärzte im Freistaat die Impfung an. „Dieser Zeitpunkt ist optimal, da bei uns die Grippewelle oft erst im Januar beginnt und bis Anfang April anhält“, so Dietmar Beier.

In diesem Jahr war das jedoch anders. Die Grippewelle ist bereits Mitte März abrupt zu Ende gegangen, berichtet das RKI. „Dazu dürften die bundesweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie erheblich beigetragen haben“, heißt es. Auch Infektiologe Thomas Grünewald sieht darin einen Beleg für die Sinnhaftigkeit von Schutzmaßnahmen wie Desinfektion, Mundschutz und Abstandsregelung. Das sollte ihm zufolge auch außerhalb von Corona in Zeiten mit erhöhter Infektaktivität beibehalten werden.

Zwischen Oktober 2019 und April 2020 erkrankten in Deutschland etwa 182.000 Menschen nachweislich an Grippe. Jeder sechste musste ins Krankenhaus, 377 Menschen starben. In Sachsen gab es 20.582 gemeldete Grippefälle, wie das zuständige Sozialministerium informiert. Jeder neunte brauchte eine stationäre Behandlung. 28 Männer und 22 Frauen zwischen 20 und 95 Jahren starben an Influenza. Im Zusammenhang mit Corona sind in Sachsen bis jetzt 224 Menschen gestorben.

Bis zu 80-prozentige Wirksamkeit

Trotzdem war laut Paul-Ehrlich-Institut die Wirkung des Grippeimpfstoffs gut. „Alle zirkulierenden Virenstämme waren auch im Impfstoff enthalten“, so Susanne Stöcker. Die Wirksamkeit sei abhängig vom Alter. Könnten Menschen unter 60 Jahren auf eine bis zu 80-prozentige Wirksamkeit hoffen, läge sie bei Senioren bei etwa 50 Prozent. „Wir werten es bereits als Erfolg, wenn bei ihnen eine Grippe so wie eine normale Erkältung verläuft“, sagt sie.

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Der neue Impfstoff unterscheidet sich vom letzten, besteht aber wieder aus zwei A- und zwei B-Virusstämmen. Die Weltgesundheitsorganisation ermittelt die Zusammensetzung bereits viele Monate vor der neuen Grippesaison.

Um die Ansteckungsgefahr bei der Grippeimpfung zu minimieren, empfiehlt Dietmar Beier, Impftermine vorher telefonisch mit dem Arzt zu vereinbaren und Zeiten zu nutzen, in denen keine anderen Erkrankten im Wartezimmer sitzen.

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