merken
PLUS Görlitz

Warum am Görlitzer Weinberg so viel gefällt wird

Abgestorbene Rotbuchen sind zu einer großen Gefahr geworden. Nachgepflanzt werden nun andere Baumarten.

Steffen Leder steht im Görlitzer Weinbergareal an einer gefällten Fichte. Im Hintergrund ist das Weinberghaus zu erkennen.
Steffen Leder steht im Görlitzer Weinbergareal an einer gefällten Fichte. Im Hintergrund ist das Weinberghaus zu erkennen. © Nikolai Schmidt

Der Görlitzer Weinberg ist löchrig geworden. Hier eine große Kahlstelle, dort eine kleinere freie Fläche. Aber zumindest von Komplettabholzung kann nicht die Rede sein. „Wir haben hier zum Glück auch Arten, denen es gut geht“, sagt Baumexperte Steffen Leder vom Sachgebiet Stadtgrün im Rathaus. Hainbuchen und Eichen, zumindest diese zwei sind auf die Bedingungen am sonnigen Südosthang angepasst und müssen nicht gefällt werden.

Viele andere Arten sind schlechter dran. Und zwar bei Weitem nicht nur die (wenigen) Fichten, die es hier gab und die überall in Mitteleuropa an der Borkenkäfer-Invasion leiden. Am Weinberg aber sind auch Schwarzkiefern und vor allem Rotbuchen betroffen. Beide haben es hier schon seit Längerem schwer. „In den zwei heißen, trockenen Jahren 2018 und 2019 haben viele von ihnen den Rest gekriegt“, sagt Leder.

Anzeige
Apotheke sucht Unterstützung!
Apotheke sucht Unterstützung!

Die Apotheke Boxberg sucht ab sofort einen Apotheker oder Pharmazie-Ingenieur (m/w/d). Jetzt bewerben!

An dieser Rotbuche fehlt im oberen Teil die Rinde. Das heißt: Sie ist abgestorben. Ihr Holz versprödet nun. Wenn sie nicht gefällt wird, droht sie, abzubrechen.
An dieser Rotbuche fehlt im oberen Teil die Rinde. Das heißt: Sie ist abgestorben. Ihr Holz versprödet nun. Wenn sie nicht gefällt wird, droht sie, abzubrechen. © Nikolai Schmidt

Trockenheit und extreme Übersonnung haben gerade bei vielen Rotbuchen zu Rindenbrand geführt. „Wenn die Bäume absterben, versprödet das Holz“, erklärt Leder. Mit anderen Worten: Es wird brüchig, einzelne Äste oder der Stamm können ganz schnell und ohne Vorwarnung irgendwo durchbrechen und umstürzen. Für Spaziergänger und Radfahrer ist das eine riesige Gefahr. Deshalb gab es für den Weinberg sogar eine Sondergenehmigung: Noch bis vorige Woche durfte gefällt werden, diesen Montag fanden die letzten Aufräumarbeiten statt. Normalerweise endet die Fällsaison bereits Ende Februar.

Im Gelände der Parkeisenbahn gilt die Sondergenehmigung sogar bis Ende März. Dort müssen 29 abgestorbene Bäume gefällt werden – fast alles Buchen. Vorher wird allerdings kontrolliert, ob irgendwelche Nisthöhlen besetzt sind. Falls ja, bleibt der untere Teil des Stammes erst einmal stehen – bis oberhalb der Nisthöhle. Auch am Weinberg sind einige abgestorbene Baumstämme für Vögel und Insekten stehengeblieben – allerdings nur dort, wo sie nicht auf einen Weg stürzen können, falls sie über kurz oder lang umfallen sollten.

So sieht es aus, wenn eine abgestorbene und versprödete Rotbuche durchbricht. Für Spaziergänger und Radfahrer kann das sehr gefährlich werden.
So sieht es aus, wenn eine abgestorbene und versprödete Rotbuche durchbricht. Für Spaziergänger und Radfahrer kann das sehr gefährlich werden. © Nikolai Schmidt

Die Stadt hat die Arbeiten am Weinberg genutzt, um sogenannte „lebensraumfremde Arten“ wie Robinien gleich mit zu fällen, auch wenn sie gesund waren. „Die gehören nicht ins FFH-Gebiet, also ins Flora-Fauna-Schutzhabitat“, erklärt Leder. Zumeist hätten sie sich in den vergangenen 30 bis 40 Jahren selbst ausgesät und seien schnell herangewachsen. Auf Spitzahorn trifft Letzteres zwar auch zu, aber er bleibt trotzdem stehen, damit die Löcher im Wald nicht noch größer werden.

Darüber, wie es mit den Löchern weitergeht, streiten sich derzeit Natur- und Denkmalschutz. Die Denkmalschützer wollen, dass wieder einige Fichten und Lärchen gepflanzt werden – nach historischem Vorbild. Die Naturschützer halten das für falsch, weil diese Arten nicht an den sonnigen Südosthang angepasst sind, also „weil es nicht lebensraumtypische Baumarten sind“, wie Leder erklärt. Entschieden ist dieser Streit noch nicht. Leder hofft auf eine Klärung bis Ende des Jahres.

Pflanzung beginnt Ende nächster Woche

Zumindest in einem Punkt aber gibt es Konsens: Neue Hainbuchen sowie Stiel- und Traubeneichen wollen beide Seiten. Ihre Pflanzung soll schon Ende nächster Woche beginnen: „Wir setzen 300 Hainbuchen und 800 Stieleichen“, sagt der Baumfachmann. Los geht es zunächst einmal auf einer 75 mal 15 Meter großen Freifläche, die etwa 100 Meter vom Weinberghaus entfernt ist. Bei kleineren Freiflächen hingegen hält sich Leder mit Neupflanzungen lieber noch zurück. Er fürchtet, dass bei weiteren trockenen Sommern in den nächsten Jahren noch weitaus mehr Rotbuchen absterben und gefällt werden müssen. Diese Fällungen könnten zur Gefahr für kleine, neugepflanzte Bäumchen werden. „Deshalb warten wir besser noch“, sagt er. Bei der 75 mal 15 Meter großen Freifläche hingegen hat er keine Bedenken: Dort steht nichts mehr, was auf die neuen Bäumchen fallen könnte.

Landeskrone hat auch große Probleme

Der Weinberg ist im Moment nicht das einzige Sorgenkind der Stadt. „Auf der Landeskrone haben wir das gleiche Problem bei riesigen Bäumen“, berichtet Leder. Dort kommt zu allem Unglück noch der Eschenbastkäfer hinzu, der in den vergangenen zwei Jahren für enorme Schäden gesorgt hat. Wenn erste Bäume gefällt und dadurch andere Bäume freigestellt werden, sind diese dann Stürmen und Sonne ungeschützt ausgesetzt – und damit ebenfalls gefährdet. „Bei weiteren trockenen, heißen Sommern kommt noch einiges auf uns zu“, sagt Leder. Und hat dabei Landeskrone und Weinberg gleichermaßen im Blick.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz