SZ +
Merken

Warum Arbeitermützen in die Sammlung kamen

Das Großenhainer Museum Alte Lateinschule verfügt über tausende Sammelobjekte. Die SZ möchte auf einige ganz besondere aufmerksam machen.

Teilen
Folgen

Von Frauke Hellwig

Bis in die 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden in vielen Museen vor allem Objekte aus dem ländlichen Raum gesammelt, die für das noch „ursprüngliche Volk“ standen. Trachten und Bauernmöbel, Zunftbrauchtum und bäuerliches Handwerksgerät wie Flachsbrechen und Spinnräder kamen in die Sammlung. In neuerer Forschung kam man von der Idee des Urtümlichen ab und erkannte, dass sich Traditionen verändern und in anderer Form weitergeführt werden. Gegenstände aus den städtischen Haushalten des 19. Jahrhunderts wurden erstmals aufgenommen.

Das Bürgertum war Mitte des 19. Jahrhunderts stark angewachsen und typische Stücke stellen das bürgerliche Wohnen der Biedermeierzeit vor. Einige Objekte sind aufwendige Handarbeiten. Mit Glasperlen oder anderer Stickerei verziert, spiegeln sie den Fleiß der bürgerlichen Frau in dieser Zeit. Sie sind zugleich Zeugnisse für eine typische „Erinnerungskultur“ Mitte des 19. Jahrhunderts.

In dieselbe Zeit fällt ein Bild von der Hauptwache auf dem Markt. Wilhelm Schmidt konnte offensichtlich nicht sehr gut zeichnen — das Bild ist heute trotzdem wichtig, weil es von einem „Augenzeugen“ stammt. Es belegt die Stationierung von Gardereitern in Großenhain, die hier an der Wache stehen. Zugleich zeigt es die damalige Platzgestaltung: Das kleine Wachhäuschen, von Linden umpflanzt (der Schandesel war schon früher beseitigt worden) und die Wasserpumpe auf dem Hauptmarkt. Als Beispiel der biedermeierlichen Erinnerungskultur kann die gerahmte Zeichnung auch deshalb angesehen werden, weil sie offensichtlich einer Frau verehrt wurde. Leider ist nur noch ein Rest des Widmungsspruches zu erkennen, der mit „in Ihren Herzen zu leben“ schließt. Auch aus Haar geflochtene Schmuckstücke und zur Silberhochzeit gerahmte Myrtenkränze und Gewürzsträuße stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Die Sammlung verbreiterte sich — allmählich rückte insgesamt das Handwerk, technische Erfindungen, Alltag und Wohnen in das Blickfeld. Es dauerte allerdings noch eine Weile, ehe man begann, sich auch für Arbeiterkultur zu interessieren. Die Beengtheit und Ärmlichkeit von Arbeiterhaushalten Anfang des 20. Jahrhunderts schien nicht dazu angetan, das solcher Hausrat als Schmuckstück in eine Sammlung aufgenommen wurde. Heute stehen Emaillegeschirr oder Arbeitermützen als Beispiel für das Leben der größten Bevölkerungsgruppe in der Stadt.

Gesammelt wurde inzwischen auch Gerät von aussterbenden Handwerken wie der Feilenhauerei (auf der Hermannstraße) oder der Sattlerei. In den letzten Jahren sind auch viele Objekte in das Museum gekommen, die aus traditionellen Geschäften oder langjährig produzierenden Industrieanlagen stammen. Die Sammlung berücksichtigt nun auch Industrie und Industrieprodukte — Arbeitsalltag und Massenware. Nach der Landesgartenschau wurden zum Beispiel Holzmodelle zum Abguss in der Eisengießerei der Textima übernommen.

Heute versuchen wir, auch biographische Zusammenhänge aufzuzeichnen, Fotographien zu den Objekten zu finden und Interviews zu führen. Die Verbreiterung des Interesses zeigt die Vielfalt der Sammlung — und verdeutlicht natürlich auch, dass nicht alles gleichzeitig ausstellbar ist. Im Depot genießen sie ein friedliches Nebeneinander — in den Sonderausstellung werden die Stücke in ihren Zusammenhang gestellt und zeigen so ihre Besonderheit.