merken
PLUS

Neumarkt-Streit – jetzt spricht Blobel

Das „Au petit bazar“ ist der letzte große Bau am Neumarkt. Bauherr ist Nobelpreisträger Gunter Blobel. Er baut nach einem umstrittenen Entwurf. Was Blobel von der Diskussion hält, wie die Amerikaner Dresden und Pegida sehen – ein Gespräch.

© Visualisierung: Arte4D

Er ist auch mit 80 Jahren eine stattliche Erscheinung: schlohweißes dichtes Haar, sportliches Streifen-Hemd: Professor Gunter Blobel, der Nobelpreisträger, der in New York lebt, sich für den historischen Wiederaufbau Dresdens engagiert – und dabei polarisiert. In Blobels Labor an der Rockefeller Universität mit Traumblick auf den East River hängt ein Bild von der Frauenkirche, für die er 1,8 Millionen D-Mark gestiftet hat. Seitdem mischt sich der Biochemiker, der als Kind die Zerstörung Dresdens miterleben musste, immer wieder ein. Doch die Mittel gefallen nicht allen. Um die Waldschlößchenbrücke zu verhindern, machte er das Welterbekomitee auf das Vorhaben aufmerksam und löste die Aberkennung des Welterbetitels aus. Als am Dresdner Neumarkt Pläne für einen modernen Gewandhaus-Bau bekannt wurden, kaufte er für zwei Millionen Euro ein Teilgrundstück, um das Vorhaben zu blockieren. Das ist jetzt elf Jahre her – und nun streitet Dresden über Blobels eigene Baupläne. Denn der vermeintliche Papst des originalgetreuen Wiederaufbaus will selbst nicht ganz originalgetreu bauen. Warum? Die Sächsische Zeitung hat ihn in seinem Labor in New York besucht.

Nobelpreisträger und Neumarkt-Investor Gunter Blobel in seinem New Yorker Büro mit Blick auf den East River und die Queensboro-Brücke im Interview mit SZ-Redakteurin Katrin Saft.
Nobelpreisträger und Neumarkt-Investor Gunter Blobel in seinem New Yorker Büro mit Blick auf den East River und die Queensboro-Brücke im Interview mit SZ-Redakteurin Katrin Saft. © Leander Saft

Herr Blobel, wie geht es Ihnen?

Anzeige
Herbstzauber in Großharthau
Herbstzauber in Großharthau

Das Shopping- und Genuss-Event verwandelt den bunt gefärbten Schlosspark wieder in ein Einkaufsparadies.

Oh, ausgezeichnet, wie Sie sehen.

Woran arbeiten Sie gerade?

Mein Labor erforscht kleinste zellbiologische Strukturen im Bereich der Elektronenmikroskopie, die eine atomare Auflösung erzielt – reine Grundlagenforschung. Im Ergebnis können später Krankheitsdiagnosen und Therapien qualifiziert werden.

Noch keine Gedanken an den Ruhestand?

Nein. Hier in den USA muss man ja nicht in Rente gehen. Insofern werde ich so lange arbeiten, wie es mir Spaß macht. Ich habe sehr gute Mitarbeiter und möchte meine Erfahrungen weitergeben.

Wann waren Sie das letzte Mal in Dresden?

Vor drei Jahren. Ich wollte zwar vorigen Herbst kommen. Aber die Reise ist doch immer recht beschwerlich. Auch einen Vortrag an der TU habe ich deshalb abgesagt. Ich plane aber Ende Mai/Anfang Juni einen Dresden-Besuch, um mir die Bebauung meines Grundstücks am Neumarkt anzuschauen, die ja jetzt begonnen hat.

Warum haben Sie sich dafür elf Jahre Zeit gelassen? Der Neumarkt ist fast fertig.

Das war keinesfalls freiwillig. Zunächst musste ich abwarten, ob das Gewandhaus wieder aufgebaut wird. Der Stuttgarter Architekt hat mit seinem modernen Entwurf wenig Gespür für Dresden gezeigt. Eine gute Entscheidung, es nicht zu tun. Dann vergingen viele Jahre, in denen die Stadt die Entwürfe für die von ihr ausgeschriebenen Teile des Quartiers diskutiert hat. Letztlich wurden diese Grundstücke 2013 neu ausgeschrieben, und alle bisherigen Planungen waren umsonst. Zu allem Übel stellte sich dann heraus, dass der Bebauungsplan keine Rechtskraft erzielte. Der neue Investor konnte nun mehr Geschosse bauen. So musste mein Projekt vollkommen abgekoppelt und neu ausgerichtet werden. Fragen Sie nicht, was das alles gekostet hat!

Nun wird ihr Entwurf für das Grundstück kritisiert. Warum bauen Sie das dort 1945 zerstörte Kaufhaus „Au petit bazar“ nicht originalgetreu wieder auf?

Ich höre nur Lob! Allein die Gesellschaft Historischer Neumarkt übt Kritik, der ich aber nicht folgen kann. Denn ihre Forderungen sind fundamentalistisch. Dresden hatte vor der Zerstörung eines der schönsten Stadtzentren Deutschlands. Nach dem Wiederaufbau soll man hier auch wohnen und nicht nur arbeiten und einkaufen können. Doch so eng und verwinkelt wie früher will heute keiner mehr wohnen. Deshalb planen wir großzügigere Wohnungen mit höheren Decken. Es wird auch keine Dachgauben mehr geben. Denn früher waren dort nur Abstellflächen. Heute bietet sich von den Dachwohnungen der schönste Blick auf die Frauenkirche und die Türme der Stadt. Warum sollten die künftigen Bewohner diesen Blick nur durch Gaubenfensterchen genießen können?

Vielleicht, weil Ihr Name in Dresden wie kaum ein anderer für den originalgetreuen und eben nicht für den historisierenden Wiederaufbau steht.

Das Wort historisierend hat einen üblen Nachklang, der mir nicht gefällt. Mein Haus ist kein Leitbau. Ich hätte also auch Micky Maus planen lassen können. Habe ich aber nicht, weil ich Qualität will. Ich bin kein Bauunternehmer, der auf Profit aus ist und verkaufen muss. Ich kann es mir leisten, echte Ziegelwände zu errichten und keine Betonwände mit vorgesetzten Steinen. Die reich verzierte Neorenaissance-Fassade aus dem 19. Jahrhundert von Architekt Heinrich Hermann Bothen wird wiederkommen. Da heute aber kein Kaufhaus, sondern ein Wohnhaus mit Galerie im Erdgeschoss entstehen soll, wird die obere Schaufensterreihe nicht mehr in voller Größe errichtet. Das wird später gar keiner merken. Alles 1:1 genau so wie früher zu bauen, ist weltfremd.

Die Neumarkt-Gesellschaft hat es an der Rampischen Straße vorgemacht.

Dann fragen Sie mal, warum sie nicht selbst eingezogen ist. Dort führen enge Treppchen und Gänge zu den Zimmerchen. Ich möchte keine Wohnungen mit 2,50 Meter hohen Decken, sondern ein positives Beispiel setzen, wie im historischen Kontext mit Bezug auf unsere modernen Nutzungsansprüche gebaut werden kann.

Sie sind ja immer noch Mitglied der Neumarkt-Gesellschaft. Enttäuscht es Sie, dass die Kritik ausgerechnet von jahrelangen Mitstreitern kommt?

Enttäuscht? Nein. Ich habe den Verein einst mit 50 000 D-Mark unterstützt und verlange dafür keine ewige Dankbarkeit. Ich bin aber nicht kleinkariert und will mich auch nicht madig machen lassen.

Inwieweit können Sie aus dem entfernten New York überhaupt Einfluss auf den Bau nehmen?

Ich habe einen sehr guten Mann in Dresden – Architekt Michael Kaiser. Wir haben alles am Computer geplant, meine Vorstellungen einfließen lassen, Entwürfe mehrfach geändert. Jetzt kommunizieren wir fast täglich per Mail oder Telefon und stimmen uns ab. Ende 2018 soll alles fertig sein.

Wie kommen Sie ausgerechnet auf Michael Kaiser, den einstigen Planungs-chef von Dresdens umstrittenem Ex-Baubürgermeister Gunter Just?

Ich kenne Michael Kaiser schon sehr lange. Wir haben gemeinsam gegen den Bau der Waldschlößchenbrücke gekämpft und ziemlich ähnliche Ansichten. Er ist für mich ein Freund geworden, dem ich vertraue. Ohne ihn könnte ich am Neumarkt nicht bauen. Es gibt ja zig Auflagen zu erfüllen. Da muss jemand vor Ort sein.

Können Sie sich inzwischen mit der Waldschlößchenbrücke anfreunden?

Nein, niemals! Die Brücke war die größte Dummheit. Dresden hat damit sein wertvollstes Gut, die Landschaft, verscherbelt.

Und wie gelungen finden Sie den Wiederaufbau rings um die Frauenkirche?

Dass die historischen Stadtstrukturen wiederhergestellt worden sind, ist ein Gewinn. Insgesamt ein sehr gutes Ensemble.

Auch die modernen Zwischenbauten?

Ich bin durchaus für gute moderne Architektur. Aber davon gibt es halt sehr wenig. Die modernen Häuser am Neumarkt gehören nicht dazu. Sie passen sich oft nicht an oder sind provinziell.

Wie attraktiv ist ein Dresden-Besuch aus amerikanischer Sicht?

Bei den Amerikanern stehen Städte wie Venedig, Florenz und Rom und in Deutschland München und Berlin an erster Stelle. Ich empfehle vielen meiner Landsleute auch Dresden, weil Kunst und Kultur hier auf höchstem Niveau sind: die Kunstsammlungen, die Oper, die Philharmonie, die Chöre. Vielleicht kommt auch noch mehr moderne Kunst dazu. Dresden hat großes Potenzial, aber entscheidend sind die Leute an der Spitze. Sie dürfen nicht kleingeistig sein und müssen mehr Elan im Wettbewerb mit anderen Städten zeigen.

Hat Pegida dem Ruf von Dresden geschadet?

Man liest hier ab und an in der Zeitung davon. Pegida schadet Dresdens internationalem Ruf enorm! Wenn Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, wie sie vom rechten Rand ausgehen, die Oberhand bekommen, wäre das eine Katastrophe!

So wie Donald Trump?

Ja. Trump macht täglich neuen Unsinn. Ich hoffe, dass es ihm bald zu anstrengend wird oder die Republikaner ihn nicht mehr wollen. Inzwischen ist sich die große Mehrheit der Amerikaner einig, dass Politik so nicht gemacht werden kann und dringend die Notbremse gezogen werden muss.

Interview: Katrin Saft