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Wirtschaft

Warum der Abschwung Sachsen nicht lange trifft

Fürs nächste Jahr erwarten Dresdner Forscher mehr Wachstum. IHK-Chefs loben Kretschmer und haben Wahl-Wünsche.

© Grafik: SZ

Dresden. Mit der Diesel-Krise ging es los: Sachsens Autoindustrie hat schon im Frühjahr vorigen Jahres schrumpfende Umsätze gemeldet. „Viele Autos wurden auf Halde produziert“, sagt Professor Joachim Ragnitz, Dresdner Konjunktur-Experte im Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Seit Anfang dieses Jahres schrumpft auch der Maschinenbau. Der Abschwung wird sich dieses Jahr fortsetzen, aber schon nächstes Jahr kommt es laut Ragnitz zu einer „leichten Erholung“. Nach seiner Prognose wächst Sachsens Wirtschaft in diesem Jahr insgesamt um 0,7 Prozent. Das liegt unter den 1,2 Prozent, die er noch im Dezember vorhergesagt hatte. Der Grund: Die Schwierigkeiten der Autoindustrie dauern länger als erwartet, und der Handelskonflikt USA-China ist dazugekommen.

Aussichten: Mehr Arbeitstage, 1,6 Prozent Wachstum in Sachsen

365 Tage für Patienten da
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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Für nächstes Jahr erwarten die Forscher um Ragnitz wieder 1,6 Prozent Wirtschaftswachstum in Sachsen. Ein neuer Aufschwung sei das noch nicht, aber eine Normalisierung. Ragnitz freut sich, dass auf die Hochkonjunktur „keine Überhitzung“ mit starker Inflation folgte. Vielmehr sind viele Branchen noch stabil oder wachsen – etwa der Bau und die Metall- und Elektroindustrie. Das erwartete Wachstum im nächsten Jahr kommt allerdings auch dadurch zustande, dass 2020 mehr Arbeitstage hat. Das macht schon 0,4 Prozent Wachstum aus. Außerdem beruhen die Rechnungen der Dresdner Forscher auf einigen Hoffnungen: dass kein ungeregelter Brexit stattfindet, dass die Welthandelskonflikte nicht eskalieren – und dass Sachsen regierbar bleibt. Falls es nach den Landtagswahlen im September keine stabile Regierung gebe, könnten Unternehmer sich aus Unsicherheit mit Investitionen zurückhalten. Ragnitz: „Dann wäre unsere Prognose nicht mehr zu halten.“

Arbeitsplätze: Beschäftigung wächst, Firmenchefs müssen länger suchen

Trotz des Abschwungs werden in Sachsen in diesem Jahr rund 10 000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, nächstes Jahr 19 000. Die Unternehmer suchten freilich noch mehr Mitarbeiter. Laut Ragnitz stimmt es allerdings nicht, dass die Betriebe keine Fachkräfte mehr finden. Sie müssten allerdings länger suchen und mehr schulen. In den nächsten Jahren wird die erwerbsfähige Bevölkerung in Sachsen noch nicht schrumpfen, erst ab etwa 2025.

Angleichung: Neue Länder holen den Westen nicht ein

Der Abschwung wirkt sich im Osten nicht so stark aus wie im Westen, weil Exporte keine so große Rolle spielen. Allerdings fällt auch das Wachstum in der Erholungsphase schwächer aus. Die neuen Länder holen laut Ragnitz auf absehbare Zeit nicht zum Westen auf. Sachsen könne sich den schwächeren Westländern annähern, dagegen seien Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern „Problemländer“. Das „Gerede von der Angleichung der Lebensverhältnisse“ nützt laut Ragnitz nichts, wenn Einwohner fehlen, um Wachstum zu erwirtschaften. Zuwanderung sei nötig – oder sehr starker technischer Fortschritt.

Benotung: Firmenchefs geben eine Drei für Sachsens Wirtschaftspolitik

Sachsens Wirtschaft ist „im Abschwung, aber auf hohem Niveau“. So sieht es Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz. Die drei sächsischen IHK-Chefs legten am Donnerstag in Dresden eine Liste mit Wünschen an die Landespolitik vor der Wahl vor. Ihre Umfrage unter rund 1 900 sächsischen Unternehmen im Frühjahr ergab, dass die Arbeit der öffentlichen Verwaltung im Schnitt mit der Schulnote 3,1 bewertet wird. Ähnlich fielen die Urteile über Infrastruktur- und Arbeitsmarktpolitik sowie Unternehmensförderung aus. Dieses „Mittelmaß“ dürfe nicht Sachsens Anspruch sein, sagte der Dresdner IHK-Präsident Andreas Sperl. Die Brandenburger IHK-Chefs hatten kürzlich bemängelt, Brandenburg nutze nicht seine einzigartige Position als Hauptstadtregion.

Politiker-Lob: IHK-Präsidenten sehen „Dynamik“ bei Kretschmer

Für Sachsens Bildungspolitik gaben die Unternehmer im Frühjahr die Note 3,4. Allerdings sagten die IHK-Chefs, dass die Landesregierung die Themen Lehrermangel und Digitalisierung ernsthaft angehe. Der Chemnitzer IHK-Präsident Dieter Pfortner lobte den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) für eine „spürbare neue Dynamik“. Auf die Bitte um eine Bewertung des Wirtschaftsministers lobt er Martin Dulig (SPD) ebenfalls: „Mit Herrn Dulig kann man wirklich gut arbeiten.“

Wünsche: Starkes Breitband, nicht auf neue Technik 5G warten

Als drängendsten Wunsch nennen die Unternehmer in der Umfrage Entbürokratisierung. Sperl hat das Gefühl, die Bürokratie sei noch gewachsen. Andererseits loben die Kammern, dass sie an Verfahrensverbesserungen beteiligt werden und dass die Genehmigung von Industrieanlagen vereinfacht wurde. Lehrermangel steht auf Platz zwei der Unternehmersorgen, gefolgt von der Breitband-Versorgung. Sperl sagte, Sachsen gebe mit Funklöchern „ein sehr trauriges Bild“ ab. Die Lücken müssten mit LTE-Technik geschlossen werden, 5G mit Tausenden neuen Antennen sei momentan unrealistisch. Sachsens Gewerbe benötige für Breitband-Anschlüsse bald Geschwindigkeiten von einem Gigabit pro Sekunde. 

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