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Warum der AfD-Erfolg gut ist fürs Kabarett

In der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ begeistert Max Uthoff Millionen. Niemand ist vor seinem Spott sicher. Der Journalismus schon mal gar nicht.

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Als „Bauch“ der Anstalt pöbelt Max Uthoff rum, will Köpfe rollen sehen und muss von seinen Partnern eingefangen werden.
Als „Bauch“ der Anstalt pöbelt Max Uthoff rum, will Köpfe rollen sehen und muss von seinen Partnern eingefangen werden. © Berny Meyer/dpa

Max Uthoff ist frischgebackener Träger des Deutschen Kabarettpreises. Mit seiner Satiresendung „Die Anstalt“ begeistert er im ZDF ein Millionenpublikum und hinterfragt kritisch die Themen unserer Gesellschaft. Das tut er so wirkungsvoll, dass viele Menschen das Kabarett schon mit Journalismus verwechseln. Wir sprachen mit dem 52-jährigen Münchner darüber, über die bedrohten Prinzipien von Gerechtigkeit und Fairness und die Motive dafür, immer besser zu werden.

Herr Uthoff, der „Deutsche Kabarettpreis“ ist die höchste Auszeichnung der Branche in Deutschland. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Friedensnobelpreis, Bundesverdienstkreuz, deutscher Kabarettpreis. So die offizielle Reihung der wichtigsten Auszeichnungen, die es für Satiriker zu erlangen gilt. Bleiben also nur noch zwei! Meine Freude ist unbeschreiblich.

Die Jury rühmt Ihren „scharfen Verstand“ und Ihre „unbestechliche Logik des gelernten Juristen“. Sind das Grundvoraussetzungen für Ihren Erfolg?

Zunächst gilt es, den scharfen Verstand der Jury zu loben! Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die Behauptung, Juristen hätten überhaupt irgendetwas Unbestechliches, bei den Mitarbeiten großer Kanzleien zu ausgelassener Heiterkeit führen dürfte. Der Erfolg fast jeden Schaffens beruht oft darauf, dass andere noch schlechter sind.

Sie haben Jura studiert, sind aber weder Anwalt noch Richter geworden, sondern Kabarettist. Kann man denn in diesem Beruf mehr für die Sache der Gerechtigkeit tun?

Nun, das ist ja nicht so schwer. Die meisten Juristen verstehen von Gerechtigkeit so viel wie die Kuh vom Ablativ (musste ich auch googeln). Der Jurist fragt sich von Anbeginn seiner Ausbildung den ganzen Tag: Wer kann was von wem aufgrund von welchem Anspruch verlangen? Ein Denken, das einen zwangsläufig von Überlegungen der Gerechtigkeit wegführt. Wenn ich selbst Gerechtigkeit herstellen wollte, wäre ich Diktator geworden, ein sanfter zwar, aber doch mit wenig Menschenliebe, streng und unerbittlich. So was wie der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt.

Muss Satire mehr sein als bloße Unterhaltung? Hat sie die Aufgabe, die Menschen aufzuklären?

Nein, muss nicht. Kann. Kann aber auch nicht. Will manchmal. Manchmal aber auch nicht. Scheitert auch mal. Manchmal klappt's. Dann ist es schön. Noch öfter wär' schöner. Aber nicht immer. Manchmal. So ab und an. Haltung halt, gerne dauernd.

Wo verläuft denn dann die Trennlinie zwischen Kabarett und Journalismus? Oder lösen sich die Grenzen eh auf?

In letzter Zeit diffundierte das doch von der einen Seite zur anderen und zurück. Wir sind aber unschuldig, die Journalisten haben angefangen. Verstärkt durch die Instant-Meinungs-Maschine Internet, glaubt auch jeder Journalist, immer und überall Meinungen haben zu müssen, gerne auch im Nachrichtenteil. Dann ist da weniger Platz für Information. Also müssen wir einen Teil der Meinungsecke freiräumen, um Platz zu machen für Information. Das wollen wir eigentlich gar nicht, aber wie gesagt: Die Journalisten haben angefangen.

Wie recherchieren Sie Ihre Themen?

Lesen, lesen, lesen. Alles, was Denis Scheck nicht empfiehlt. Um abzuschalten, besteht Entspannung vor allem darin, nur Dinge zu lesen, die möglichst wenig neue Information enthalten, zum Beispiel den „Focus“.

Sie leiten „Die Anstalt“ seit Februar 2014 gemeinsam mit Claus von Wagner und lösen regelmäßig gesellschaftliche Debatten aus. Worauf führen Sie diese durchschlagende Wirkung zurück?

Wir lösen regelmäßig gesellschaftliche Debatten aus? Wow! Ich scheine dem Friedensnobelpreis näher zu sein, als ich dachte. Ich befürchte, Sie überschätzen unsere Wirkung etwas. Wenn es uns gelingt, Dinge, die sonst ein kümmerliches Dasein in einer WDR-Reportage in dunkler Nacht fristen, ein bisschen ans Tageslicht zu zerren, ist schon viel gewonnen.

Max Uthoff hinterfragt kritisch die Themen unserer Gesellschaft.
Max Uthoff hinterfragt kritisch die Themen unserer Gesellschaft. © Armin Weigel/dpa

Ihre Sendungen entstehen im Dreier-Team, neben Claus von Wagner ist noch der Autor Dietrich Krauß an Bord. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

So wie das mit dem Über-Ich Dietrich Krauß, dem Ich Claus von Wagner und dem Es – also mir – nun mal läuft. Das Es pöbelt rum, will Köpfe rollen sehen, wird vom Ich eingebremst, das auf großartige Weise zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu vermitteln weiß. Das Über-Ich bietet zu allem dann den theoretischen Überbau an. Oder anders ausgedrückt: Herr von Wagner und Herr Krauß entwerfen handfeste Satire, und ich bringe den Kuchen mit.

Sehen Sie einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Kabarett im Fernsehen und dem auf der Bühne?

Die Direktheit eines Bühnenauftritts wird nie vom Fernsehen transportiert werden können. Während man auf der Bühne mehr Energie zurückbekommt, bleibt nach der intensiven Vorbereitung auf die „Anstalt“ kurz nach der Sendung so ein kleines Loch, ein Moment, bei dem von Wagner und ich uns anschauen und uns denken: War‘s das?

Das ZDF macht Ihnen keine Vorgaben bei der Gestaltung Ihrer Sendung. Kann gutes Kabarett nur auf dem Boden derartiger Freiheit entstehen?

Nein, durch Werner Finck und andere wissen wir: Wirklich gutes Kabarett kann auch unter der Bedingung von repressiven Systemen entstehen. Wenn die AfD noch erfolgreicher wird, könnte es im Kabarett noch einen Qualitätssprung geben.

Gibt es für das Kabarett Tabus?

Nicht dass ich wüsste.

Wurmt es Sie, dass Sie nicht mehr Menschen erreichen, um ihnen die Augen zu öffnen? Schließlich interessieren sich ja viele nicht für Politik. Und für politisches Kabarett schon gar nicht.

Augen auf bei der Berufswahl! Natürlich interessieren sich viele Menschen nicht für die Politik, nur so lässt sich ja erklären, dass es die FDP noch gibt. Aber ich mache mein persönliches Wohlbefinden nicht all zu sehr von der Wirkung meiner Arbeit abhängig.

Sprache schafft Bewusstsein. Sie sind ein großer Fan davon, das Kind schonungslos beim Namen zu nennen. Für Sie geht es zum Beispiel nicht um einen Klimawandel, sondern um eine Klimakatastrophe. Sind Ihnen Ihre Journalisten-Kollegen zu weich in der Sprachwahl?

Nun ja, Klimawandel klingt ja fast nach Fortschritt. Da wandelt sich etwas, und wer wäre schon gegen Veränderung? Nett. Natürlich nutzt sich Sprache auch ab, aber in einem Land, in dem noch jeder Arbeitsplatz in der Automobilbranche gegen den Anblick von untergehenden Menschen verteidigt wird, greift man nicht aus didaktischen Gründen zu einer drastischeren Sprache, sondern weil man es anders schwer aushält.

Das Interview führte Andrea Herdegen

Nächste „Anstalt“: am 11. Februar im ZDF

>>>Die Anstalt in der ZDF-Mediathek

>>>Max Uthoff im Internet