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Warum der Landkreis ein Drogenproblem hat

Die Modedroge Crystal ist weiter auf dem Vormarsch. Jetzt wollen Politik und Polizei zusammen handeln.

Von Sebastian Beutler

Der typische Crystal-Konsument im Kreis ist zwischen 20 und 39 Jahre alt, zumeist männlich, er kann genauso gut arbeitslos als auch Ingenieur oder Lkw-Fahrer sein. Die Drogenkarriere beginnt meist schon mit 16 oder 17 Jahren, vereinzelt sogar früher und kann durchaus erst einmal mit Alkohol und Cannabis starten. Meist kaufen die Konsumenten die Droge im tschechischen Grenzgebiet. Polizei und Suchttherapeuten können genau das Bild jener Menschen beschreiben, die immer tiefer in den Drogenstrudel gerissen werden. Um da wieder rauszukommen oder nicht erst hineinzugeraten, startete der Kreis eine umfangreiche Vorsorge-Kampagne. Aktuelle Zahlen, die gestern vorgestellt wurden, belegen die Notwendigkeit.

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Wie ernst ist die Lage im Landkreis Görlitz bei Suchtproblemen?

Die Polizei spricht von einem Drogenproblem im Landkreis mit einem massiven Crystal-Anstieg. Der Landkreis bestätigt das anhand der Betroffenen in den Beratungs- und Behandlungszentren, doch bleibt hier nach wie vor die Alkoholsucht das Problem Nummer eins. Schwerpunkte sind Zittau und Görlitz. Crystal spielte 2012 bei 68 Prozent der Drogenabhängigen im Landkreis die beherrschende Rolle, in Zittau sind es sogar 78 Prozent, in Görlitz nur 52 Prozent und in Weißwasser und Niesky 70 Prozent. Von den übrigen Drogen ist Cannabis noch nennenswert im Landkreis vertreten, Heroin oder Kokain spielen keine Rolle.

Welche Folgen des Drogenproblems sieht die Polizei?

Die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz wie zum Beispiel der Schmuggel von illegalen Drogen über die Grenze ist auf hohem Niveau stabil. Bei acht von zehn Fällen ist Crystal im Spiel und die beschlagnahmten Mengen liegen bei 80 Prozent der Fälle unter einem Gramm. Für die Görlitzer Polizeidirektion sieht Manfred Weißbach die Gefahr, dass Drogenabhängige dazu neigen, Gewaltdelikte zu begehen oder gar Amok zu laufen. „Wir haben solche Fälle noch nicht gehabt, aber die Gefahr ist da“, sagt er. Statistisch kann die Polizei im Landkreis einen Zusammenhang zwischen Betäubungsmittel- und Eigentumskriminalität herstellen. Seit zwei Jahren steigt nicht nur die Zahl der Drogenschmuggler, sondern auffälligerweise auch der Fahrraddiebstähle und Kellereinbrüche – und auch hier vor allem in Görlitz und Zittau. Allerdings, so erklärt Bernhard Graul von der Görlitzer Polizei, können die Beamten nicht nachweisen, dass die Täter identisch sind. Also, dass Drogenkonsumenten Räder klauen. Die offiziellen Zahlen sowohl von der Polizei als auch vom Landkreis haben zudem einen Haken: Es sind nur jene erfasst, die ein Beratungszentrum aufsuchen oder von der Polizei erwischt werden. Wie hoch die Dunkelziffer ist, darüber gibt es keine verlässlichen Daten.

Ist Crystal ein Jugendproblem im Landkreis?

Nein. Fast 84 Prozent aller Drogenschmuggler oder -konsumenten, die die Polizei erwischt, sind zwischen 22 und 39 Jahre alt. „Man braucht Geld, um sich den Stoff leisten zu können“, sagt Bernhard Gaul. Ein Gramm Crystal kostet derzeit zwischen 35 und 65 Gramm, zwischen 0,1 und 0,5 Gramm konsumieren die Abhängigen auf einmal. Bis zu 1 000 Euro kommen da im Monat zusammen. Zudem ist ein Auto von Vorteil, um sich Crystal in Tschechien zu besorgen. Der südliche Nachbar ist der Hauptbeschaffungsmarkt.

Warum ist Crystal so „beliebt“ und doch so gefährlich?

Als Aufputschmittel wirkt es stärker und ist billiger als das vergleichbare Speed oder Ecstasy, sagt Sozialarbeiterin Tina Semrok vom Gesundheitsamt des Landkreises. Es kann sowohl flüssig als auch in fester Form eingenommen werden. Seine Wirkung hält sechs bis 48 Stunden an. Danach fallen die Menschen in ein Loch, fühlen sich müde und leer, ohne Antrieb bis hin zu depressiven Zuständen. Und greifen dann wieder zur Droge, um besser drauf zu sein.

Was tut der Kreis gegen den steigenden Drogenkonsum?

Der Kreis muss mit den Folgen des Drogenkonsums zurechtkommen. Dafür finanziert er spezielle Betreuungs- und Behandlungszentren, die sich um Suchtkranke kümmern. Drogenfachkräfte sind an den Zentren in Zittau und Görlitz tätig. Jetzt gibt es eine Plakataktion, Anti-Drogen-Karten werden verteilt, Elterninitiativen klären auf, Netzwerke werden gebildet, zahlreiche Vereine bieten Aufklärung, im nächsten Jahr gibt es eine Tagung zu dem Problem, und ein Film wird gedreht. Das wichtigste aber, sagt Annette-Luise Birkner vom Erzieherischen Kinder- und Jugendschutz im Landkreis, sei es, die Förderung der Jugendarbeit beizubehalten. Doch das ist eine freiwillige Aufgabe des Landkreises. Auf ein Wort