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Wo die polnischen Pfleger jetzt wohnen

Hotels bleiben für Touristen weiter geschlossen. Dennoch sind in einer Görlitzer Pension gerade Zimmer belegt. Ein kleiner Lichtblick für den Inhaber.

Sebastian Wenger gehört die Pension Picobello. Hier läuft der Betrieb trotz Corona - allerdings nur für befristete Zeit. Und unter besonderen Bedingungen.
Sebastian Wenger gehört die Pension Picobello. Hier läuft der Betrieb trotz Corona - allerdings nur für befristete Zeit. Und unter besonderen Bedingungen. © Nikolai Schmidt

Leicht ist die Situation gerade nicht, sagen die beiden Frauen. Eigentlich wohnen sie auf der Zgorzelecer Seite der Neiße. Seit drei Wochen nun haben sie ihr Domizil in Görlitz. In der Pension Picobello. 

Sie gehören zu den Arbeitnehmern, die nach der Grenzschließung Polens für den Job auf Görlitzer Seite geblieben sind. „Die Kinder, die Enkel vermissen mich“, sagt eine der Frauen. Und andersrum. „Aber es ist wichtig.“ Sie arbeiten in der Pflege, „und wir machen es gern“. Sie wollen bleiben, bis Polen die Grenzschließung lockert.

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Nicht nur sie. Der Parkplatz vor dem Picobello an der Uferstraße ist gut belegt. Größtenteils sieht man polnische Kennzeichen. „Unser dreiwöchiges Highlight in dieser Saison“, sagt Inhaber Sebastian Wenger. Wegen der Grenzschließung wohnen bei ihm derzeit polnische Berufspendler wie die beiden Frauen.

Nach Grenzschließung: Viele boten Zimmer an

Noch mindestens bis zum 3. Mai bleiben in Sachsen Hotels für touristische Zwecke geschlossen. Für notwendige Übernachtungen wie nötige Geschäftsreisen oder als Arbeitsunterkunft ist eine Nutzung möglich, unter Hygieneauflagen. Das wurde in Görlitz größeres Thema, als Polen die Grenze auch für Berufspendler schloss. Zahlreiche Hotels bis hin zu Privatpersonen boten an, für Polen, die in Deutschland arbeiten, Zimmer zur Verfügung zu stellen.

Ein kleiner Glückfall

„Bei mir wohnen im Moment vor allem Polen, die im medizinischen Bereich, in Apotheken oder in der Pflege arbeiten“, erzählt Sebastian Wenger. Außerdem einige polnische Mitarbeiter eines Holzunternehmens sowie von Sicherheitsdiensten, die gerade sehr gefragt sind. „Für uns ist die Grenzschließung ein kleiner Glücksfall, muss ich so sagen.“ Normalerweise hat er im April – die Ostertage rausgerechnet – eine Auslastung von etwa 30 Prozent, „je nach Wetterlage“. Im Moment liegt die Auslastung bei 50 Prozent. 50 Zimmer gibt es im Picobello, etwa die Hälfte ist belegt.

Egal, ob Ein- oder Mehrbettzimmer, jeder Raum sei nur mit einer Person belegt. „Da halten wir uns strikt an die Vorgaben.“ Seine eigenen Mitarbeiter hat er nach Hause geschickt, sie sind nun in Kurzarbeit. „Wir machen jetzt hier alles im Familienkreis.“ Reinigungs- und Desinfektionsmittel, Bettwäsche oder Handtücher werden den Pensions-Bewohnern gestellt. „Aber wir gehen nicht in die Zimmer rein.“ Um nicht im schlimmsten Falle Viren hinein oder hinaus zu tragen.

"Das kann alles andere leider nicht ausgleichen"

Warum ausgerechnet bei ihm so viele polnische Berufspendler untergekommen sind? „Das wird eine finanzielle Frage sein“, nimmt er an. Die Rechnung für die Übernachtungen schickt er an die Arbeitgeber. „32 Euro pro Nacht akzeptieren sie.“ Als Corona-Gewinner will er sich aber nicht verstanden wissen.

Wie lange Polen die Grenzschließung noch aufrechterhält, ist nicht klar, mindestens aber bis 3. Mai. Bei dem „Glücksfall“ gehe es also um einen begrenzten Zeitraum. „Und der kann leider das andere nicht ausgleichen“, sagt Sebastian Wenger. „Davor ist alles weggefallen, danach wird viel wegfallen.“ 

Seit 22. März sind Hotels für den Tourismus geschlossen. „Bei uns war es so, dass auch vorher schon fast alles storniert wurde, der Februar war eigentlich schon ins Wasser gefallen.“ Wann Unterkünfte wieder regulär öffnen dürfen, steht noch nicht fest. Ob dann wieder Gäste kommen? „Die großen Feste wie das Viathea und das Altstadtfest werden ja nicht stattfinden.“

Die nächste – und einzige – reguläre Reservierung im weiteren Jahresverlauf steht für Oktober im Kalender, „natürlich unter Vorbehalt“, erklärt er. „Aber andere Kollegen trifft es gerade noch härter.“ Vorsichtig geschätzt nimmt er an, dass dieses Jahr zwei Drittel des Umsatzes wegfallen. „Aber ich bin Optimist.“ Seine Hoffnung: dass mancher Urlauber sich künftig vielleicht für ein regionales Reiseziel entscheidet. Und, dass Maßnahmen wie Bundes-Soforthilfe, Kurzarbeitergeld, SAB-Mittel gut funktionieren.

40 Euro vom Freistaat für polnische Pendler

Eine stichprobenartige Umfrage lässt vermuten, dass polnische Arbeitnehmer eher die kleineren, günstigeren Unterkünfte nutzen. So habe es im größten Hotel, das Parkhotel, bislang noch keine Nachfrage gegeben. Eines der kleinsten Häuser dagegen ist gerade belegt: Die Pension zur Wartburg hat nur fünf Zimmer. Wie Leiter Christian Hüther erzählt, sind gerade ein polnischsprachiger Mann und vier Restauratoren aus Deutschland, die in der Jakobuskathedrale arbeiten, angekommen.

Seit Ende März unterstützt der Freistaat Arbeitnehmer, die sonst aus Polen oder Tschechien einpendeln und im Gesundheitsbereich tätig sind, mit einem Zuschuss von 40 Euro pro Nacht. „Da sind wir preislich wahrscheinlich nicht die richtige Adresse“, sagt Christian Weise, Inhaber des Hotels Emmerich. Ganz vereinzelt, erzählt er, haben bei ihm Gäste aus beruflichen Gründen übernachtet.

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Auch bei ihm sind derzeit keine Mitarbeiter vor Ort. Ins Haus und ihr Zimmer kommen Dienstreisende über eine codierte Karte. „Allerdings ist dieser Bereich derzeit auch nahezu eingefroren.“ Deshalb ist das Emmerich die meiste Zeit menschenleer. „Wenn, dann sind mein Restaurantchef und ich da. Wir überlegen, wie es nach der Krise weitergehen kann.“

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