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Warum der Umsatz bei Kleidern, Stoffen und Schuhen stieg

Vor einhundert Jahren war das Osterfest im Rödertal an vielen Stellen zum Wirtschaftsfaktor geworden.

Von Hans-Werner Gebauer

Im Jahre 1914 war Ostersonntag der 12. April. In der Tradition der Zeit setzte das vorösterliche Geschäft schon vor Palmarum ein, war hier doch Konfirmation. „Bedeutend stieg der Umsatz an Kleidern, Hüten, Schuhen und Wäsche“, so der Marktbericht zu Radeberg. Das wiederholte sich dann auch in der Osterwoche. Bis Donnerstagabend, 23 Uhr, hatten allein die über 400 Geschäfte der Bierstadt auf. „Und alles geht ums Ei“, schrieb der Chronist. Der Brauch des Schenkens war praktisch in allen Familien angekommen. Weiter der Chronist: „Früher wurden zu Ostern fast nur bunt gefärbte Hühnereier und seit kurzem auch Schokoladen- und Marzipaneier verschenkt, doch seit wenigen Jahren ufert es aus. In verschieden zusammengesetzten Umhüllungen nach der Form des Eis, werden Attrappen mit mannigfachen Geschenken gefüllt. Verstärkt sind auch Haushaltsgegenstände oder Parfüms zu finden“. Für den Chronisten war klar: Das Osterfest war an vielen Stellen ein Wirtschaftsfaktor geworden. „Was hat das noch mit der christlichen Botschaft zu tun?“, fragte selbst mancher Geistliche von der Kanzel.

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Doch auch das Vergnügen kam zu seinem Recht, wenn auch in der Tradition der Zeit erst nach dem Ostersonntagsgottesdienst. Doch dann strömte alles hinaus. Und da das Sonntagswetter bis zum späten Nachmittag kühl und nass blieb, ging man eben in eines der vielen Lokale. Fast 4 000 waren mit der Eisenbahn in Dresden, denn hier lockten eine Flugschau in Kaditz und das große Radrennen in Reick. 43 Sonderzüge brachten die Interessierten von und nach der Landeshauptstadt.

Und die Daheimgebliebenen? Für sie gab es genügend Amüsement. Sonntags durfte noch nicht getanzt werden. Da gab es eben Liedernachmittage mit einem der zahlreichen Männergesangsvereine oder Konzerte. Hier bot Lotzdorfs Gasthof das beste Programm. Eine Art Schlagerrevue machte auf die neuesten Titel aufmerksam. Es wurde getippt und gewonnen. Sieger in Lotzdorf wurde „Kleine Mädchen müssen schlafen gehen“ aus dem Jahre 1913. Für die Tippfreudigen gab es Kücheneinrichtungen von Eschebach und Möbel der Firma Koch & Kissig. Auch am Montag war Lotzdorf ein Anziehungspunkt. Das Interesse am sich entwickelnden Flugverkehr nutzend, kam es zunächst zur Aufführung des Schwanks „Das Fliegerbataillon“. Danach „flogen“ einzelne Lotzdorfer Turner mit ihren selbst gebauten Apparaten von der Bühne in den Saal. Heiterkeit pur, danach Tanz um den „Fliegerpokal“ bis zum Dienstagmorgen.

Lustige Theaterstücke hatten am Ostersonntag eine bisher nie dagewesene Vielfalt. In Wachau gab es „Der gepfändete Bürgermeister“, im Kaiserhof „Liebesleute“, im Schützenhaus „Der Zigeunerbaron“ und im „Roß“ „Das Liesel vom Miesbachtal“. Dem Sonntag folgte der Ostermontag mit seinem Angebot von 48 Tanzmöglichkeiten in und um Radeberg. In Dörfern, in denen es heute keinen Tanzsaal mehr gibt, wie in Leppersdorf, war an drei Stellen Tanz. In Wallroda konnte man an zwei Stellen das Tanzbein schwingen. Und nicht nur am Ostermontag. Obwohl der Dienstag nach Ostern Arbeitstag war, war er im Bewusstsein der Leute der dritte Feiertag. Acht Säle in Radeberg und zehn in den Dörfern luden vom Frühschoppen bis zum Konzert mit anschließendem Tanz ein. Alles war gut besucht, wie zu lesen war.

Manches Ausgefallene gab es auch. Das Kurbad-Restaurant in Liegau bot „Gothaer Kranzkuchen mit Schlagsahne zum kleinen Preis“, der Gasthof „Reichskrone“ mit Miss Helena als Marketenderin eine erwachsene Frau mit der Körpergröße einer Achtjährigen, und in Langebrück war erstmals „Promenadenkonzert“ mit der Langebrücker Kurkapelle auf der Dresdener Straße unter den alten Linden. Apropos Langebrück. Hier kehrte am Ostersonnabend die gesamte königliche Familie in das noch heute existierende „Hotel zur Post“ ein. König Friedrich August III. und seine Söhne waren mit dem Pferd durch die Dresdener Heide geritten, die Töchter und Hofdamen kamen mit dem Auto. Den Weg von der Hofewiese zur Post mussten sie jedoch zu Fuß gehen. Da wegen des starken Reiseverkehrs kein Sonderzug für Majestät zur Verfügung stand, fuhr man mit dem Auto in die Residenz zurück.

Was keiner wissen konnte, es war auf längere Zeit das letzte Osterfest, das man ziemlich unbeschwert feiern konnte.