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Warum der Verkehrslärm für Ärger sorgt

Kodersdorf stöhnt unter der Fahrzeugflut. Die Geräuschbelastung könnte Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Von Frank-Uwe Michel & Verena Schulenburg
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Dieser Zustand ist für die Einwohner in Kodersdorf alltäglich. Gefühlt ist der durch den Verkehr verursachte Lärmpegel nicht zum Aushalten.
Dieser Zustand ist für die Einwohner in Kodersdorf alltäglich. Gefühlt ist der durch den Verkehr verursachte Lärmpegel nicht zum Aushalten. © André Schulze

Auf der B115 in Kodersdorf und auf der A4 folgt Fahrzeug auf Fahrzeug. Da sind es nicht nur Schmutz und Abgase, die stören, sondern auch der Krach. Die SZ erklärt, wie die EU diesem Phänomen begegnen will, was Kommunen tun können und müssen und wie man sich selbst vor zu großem Verkehrslärm schützen kann.

Warum wird der Verkehrslärm überhaupt näher untersucht?

Nach der Luftverschmutzung stelle Lärm ein besonders hohes Gesundheitsrisiko dar, sagt Andreas Rink, beim Landesumweltamt (Lfulg) für den Lärmschutz zuständig. Ab einer Lärmbelastung von 65 Dezibel am Tag oder 55 Dezibel in der Nacht steige das Risiko für gesundheitliche Folgen. Der nächtliche Wert sei besonders sensibel zu betrachten. In den Nachtstunden seien die meisten Menschen zu Hause und benötigten Ruhe, um sich zu regenerieren. An Straßen, an denen die Grenzwerte überschritten würden, steige statistisch gesehen das Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder psychische Störungen, so Rink. Um dem entgegenzuwirken, gebe es die Umgebungslärmrichtlinie der EU, mit deren Hilfe die Verkehrslärmbelastung für Anwohner minimiert werden soll.

Welche Straßen werden in die Untersuchung einbezogen?

Nach den Bestimmungen der EU-Richtlinie muss im Abstand von fünf Jahren eine Lärmkartierung an Hauptverkehrsstraßen durchgeführt werden, bei denen das Verkehrsaufkommen mehr als drei Millionen Fahrzeuge im Jahr beträgt. „Das sind 8.200 Kfz am Tag“, sagt Isabel Siebert, Sprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). Im Nordkreis sind vor allem Passagen an der A4 als kritisch zu betrachten. Zwischen den Anschlussstellen Nieder Seifersdorf und Kodersdorf wurden täglich 22.984 Fahrzeuge festgestellt, für den Abschnitt zwischen den Anschlussstellen Kodersdorf und Görlitz ermittelte man eine Verkehrsbelastung von 20.767 Kfz pro Tag. Laut Bürgermeister René Schöne sind auch auf der B115 in der Ortslage Kodersdorf jährlich mehr als drei Millionen Fahrzeuge unterwegs. Das deckt sich mit der Aussage von Rink, nach der neben Autobahnen solche Straßen betroffen sind, die ein hohes Pendlervolumen und viel Wirtschaftsverkehr zu bewältigen haben.

Wie wird das Ausmaß des Lärms nun genau bestimmt?

Bei der Lärmkartierung werden an den jeweiligen Straßen keine direkten Messungen durchgeführt. „Das ist nicht aussagekräftig“, erklärt Rink. Der Grund: Bei Lärmmessungen können keine Nebengeräusche ausgespart werden. Es ist unmöglich, nur den Verkehrslärm herauszufiltern. Messungen würden außerdem nur bestimmte Momente wiedergeben. Deshalb werden die kartierten Werte anhand von Berechnungen ermittelt. Sie beziehen sich auf die Lärmbelastung im Jahresdurchschnitt.

Welche Auswirkungen haben die Werte in der Lärmkartierung?

Die in den Lärmkarten hinterlegten Ergebnisse wirken sich nach Ansicht des Lfulg-Experten auf Immobilienpreise aus oder fließen in den Mietspiegel ein. Sie sind vor allem aber Basis für die Lärmaktionspläne der Gemeinden. Sie sollen Wege aufzeigen, die Lärmbelastung von Betroffenen zu reduzieren. Weil die lauten Straßen aber in erster Linie Autobahnen, Bundes- und Staatsstraßen sind, müssen Städte und Gemeinden mit den zuständigen Verkehrsbehörden eng zusammenarbeiten. Das sieht auch René Schöne so: „Wir als Gemeinde können zwar Vorschläge machen, Bund und Freistaat als Straßenlastträger müssten die Projekte aber umsetzen. Eine Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen, haben wir aber nicht.“ Andreas Rink verweist auf bauliche Möglichkeiten, die vor allem bei Straßensanierungen eingesetzt werden: Lärmschutzwälle und -wände oder geräuscharme Fahrbahnbeläge sollen den Verkehrslärm reduzieren. Auch Geschwindigkeitsbeschränkungen seien ein Thema. Kodersdorf hat jüngst einen Teilerfolg erzielt: Zwischen Edeka und Gemeindeverwaltung wird ein 30 km/h-Klappschild aufgestellt, das bei Zwischenfällen im A-4-Tunnel, Wartungs- oder Sanierungsarbeiten und dem damit erhöhten Umleitungsverkehr aktiviert wird. Konkrete Härtefälle, die beseitigt werden müssten, ergeben sich in Kodersdorf und Schöpstal aus der Lärmkartierung nicht. Deshalb wird in beiden Gemeinden auf die Ausarbeitung eines Maßnahmeplans verzichtet. Auch der Landkreis hat nichts unternehmen müssen. Sprecherin Julia Bjar: „Bis jetzt haben wir keine straßenverkehrsrechtliche Maßnahme aufgrund von Lärmschutz angeordnet.“

Welche planerischen Überlegungen können zur Lärmminimierung führen?

Um Lärm zu reduzieren, könnten Kommunen das Radwegenetz verbessern, sagt Rink. Unter Umständen würden dann manche Autofahrer auf das Fahrrad umsteigen – an Straßen wie der B 115 und der A 4 eher unwahrscheinlich. Rink appelliert zudem an die Ortsentwicklung in den Gemeinden. Wer in der Nähe von Bundesstraßen Baugebiete ausweise, habe dort später lärmgeplagte Anwohner. Familien rät der Experte, aufzupassen, wo sie ihr Haus bauen.