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Warum die Folkmers in ihrer Wohnung alt werden wollen

Die WG Fortschritt hat seit 2008 rund 20 Millionen Euro investiert und den Leerstand gesenkt. An einer Stelle geht es aber nicht voran.

Von Jens Hoyer

Gisela Folkmer hätte nicht gedacht, dass sie so lange in Döbeln bleiben würde. „Als ich vor 50 Jahren hier zum ersten Mal ankam und die graue Bahnhofstraße langlief, sagte ich mir: „Hier sterbe ich nicht“. Heute ist sie anderer Meinung. „Hier können wir alt werden“, meinte die 71-Jährige, während sich in ihrem Wohnzimmer viele fremde Leute auf die Füße traten. Die Wohnung der Folkmers im Haus Blumenstraße 50 war eine der Stationen, die bei der wohnungspolitischen Rundfahrt des Innenministeriums durch Sachsen angesteuert wurde. Vom Innenminister Markus Ulbig gab es für die Folkmers ein Fläschchen Sekt – vielleicht auch als Kompensation für den vollgelatschten Teppich.

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Die Folkmers leben seit 20 Jahren in einem der Häuser aus den Anfangsjahren der Genossenschaft, die Fortschritt in den vergangenen Jahren saniert. Das Haus hatte eine Wärmedämmung und große Balkone bekommen. Gisela Folkmer ist nicht nur davon begeistert: „Wenn die Sonne herumkommt, dann ist unser Wohnzimmer lichtdurchflutet.“ Die reinen Zahlen sind auch beeindruckend: Die Wärmedämmung und die neue Heizung helfen enorm beim Energiesparen. Die Gasrechnung für zwölf Wohnungen ist von rund 9 000 Euro auf etwa 4 000 Euro pro Jahr gesunken, so Vorstand Bernd Wetzig.

Die Sicherheit sollte aber auch nicht aus dem Auge verloren werden, sagte Innenminister Ulbig. Er kennt auch Zahlen – nämlich die der Einbrüche in Keller und Dachböden, die um 25 Prozent gestiegen sind. Einbruchshemmende Fenster und Türen könnten Diebe abhalten. Wenn es länger als fünf Minuten dauert, ziehen die meisten wieder ab, so Ulbig. „Das sollte man beachten, sonst ist es vertanes Geld.“ Genossenschaftsvorstand Stefan Viehrig gab zu, dass Sicherheitsaspekte, auch aus Kostengründen, bei den Sanierungen bisher nicht die große Rolle spielten.

Die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt wird vom Axel Viehweger, Chef des sächsischen Verbandes der Wohnungsgenossenschaften, gerne als Mustergenossenschaft vorgeführt. Seit 2008 setzt Fortschritt ein Marketing-Konzept, das den Mitgliedern ein Rundum-Wohlfühlpaket frei Haus liefert. Seitdem wurden 20 Millionen Euro in die Häuser investiert. Es gibt 26 Freizeitgruppen, die von Ehrenamtlichen geleitet werden und in denen 400 Genossenschaftler Rad fahren, wandern, Gymnastik treiben oder klöppeln. Mit der Servicekarte der Genossenschaft können die Mitglieder günstig ins Theater oder bei einem der 55 Partner mit Rabatten einkaufen. Die Erfolge sind beeindruckend. Der Leerstand konnte von 24 auf heute 3,3 Prozent gesenkt werden. Gerade arbeitet die Wohnungsgenossenschaft mit karitativen Einrichtungen und Krankenkassen zusammen, um Dienstleistungen und Hilfen für die älteren Mieter anzubieten. Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer sieht die Vorteile für seine Stadt. „Fortschritt macht viel mehr als andere.“ Das habe auch den größten Mitbewerber, die TAG Wohnen, in Bewegung gebracht.

Bei manchen Projekten geht es aber nicht so voran, wie es sich alle wünschen. In Döbeln Ost II will die Genossenschaft mit dem Döbelner SC einen Mehrgenerationensportplatz mit Bewegungselementen bauen. Allerdings gibt es dafür keine Fördermittel, sagte Heiner Hellfritzsch, Präsident des Sportclubs. Nach den Richtlinien der Sächsischen Aufbaubank bestehe ein Sportplatz aus zwei Toren und einer Laufbahn, was nun gar nicht ins Konzept passt. „Für 70- bis 80-Jährige ist das schwer zu bewältigen“, meint Hellfritzsch. „Vielleicht gibt es ja noch eine andere Definition für eine Sportplatzeinrichtung.“

An anderer Stelle klappt das mit der Förderung besser. Die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt hat 310 000 Euro in den Wohnblock Blumenstraße 50/52 investiert und dafür zwei zinsgünstige Kredite der Sächsischen Aufbaubank in Anspruch genommen: insgesamt fast 200 000 Euro bei 25 Jahre Laufzeit, einem Prozent Zinsen und 1000 Euro Tilgungszuschuss pro Darlehn. Mit einer Kaltmiete von 5,20 Euro für diese sanierten Wohnungen liegt Fortschritt unter dem Sachsendurchschnitt von etwa 5,50 Euro. Die Durchschnittsmiete der Genossenschaft beträgt 4,70 Euro.