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Kamenz

Warum die Städtebahn keine Chance hatte

Das Aus des Privatunternehmens war bereits in seinen Anfängen abzusehen. Es ist ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht.

Abgestellt auf totem Gleis: Die 16 Triebwagen mit dem VVO-Logo fahren derzeit nicht. Wann sie oder andere Regiosprinter wieder rollen, ist noch völlig offen.
Abgestellt auf totem Gleis: Die 16 Triebwagen mit dem VVO-Logo fahren derzeit nicht. Wann sie oder andere Regiosprinter wieder rollen, ist noch völlig offen. © René Plaul

Kamenz. Die Erschütterung über das Aus der Städtebahn Sachsen hält an. Vor allem in und um Kamenz wird der Verlust auch in den sozialen Medien beklagt. Für Andrea Zwoch etwa ist es „ein großer Einschnitt im negativen Sinne“. Mit der Bahn habe man nirgends günstiger nach Dresden kommen können, als von Kamenz aus. „Und das richtige Chaos wird erst ausbrechen, wenn die Ferien und die Urlaubszeit vorbei sind. Dann werden die Busse überfüllt sein – das ist kein Spaß.“ Danny Dietrich sieht die Lessingstadt ohne Zugverbindung gleich ganz in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Und Benny Hunger bringt es so auf den Punkt: „Hab’s doch gewusst: Bahnfahren setzt sich nicht durch!“

Nun, am Anfang klang das ganz anders. Irgendwie hoffnungsvoller. Vor fast zehn Jahren ging es darum, das Regionalbahn-Geschäft auch in Sachsen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Und damit auch den Steuerzahler zu entlasten. Für das regionale Dieselnetz war fast überall die DB Regio zuständig. Mit ordentlichen Renditen von knapp 13 Prozent, während private und kommunale Wettbewerber nur höchstens drei Prozent erwirtschafteten. Die unterlagen nämlich einem strengen Ausschreibungswettbewerb, und da gewinnt halt stets der günstigste Anbieter. Für die DB Regio galt das vielerorts nicht, an sie wurden Leistungen frei vergeben – meist verbunden mit Zugeständnissen beim Ausbau der lukrativeren Langstreckengleise durch die DB Netz. Eine Hand wäscht die andere ...

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Das ging im Grunde bis zu einem richtungsweisenden Prozess im Jahr 2011. Ein gewisser Dr. Ralf Böhme hatte als Geschäftsführer der Firma Wersus bei der Vergabekammer Münster und beim OLG Düsseldorf gegen einen solchen konkreten Deal zwischen der DB Regio und dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR – vergleichbar mit dem VVO) geklagt. Die Bahn und der Verbund hatten sich ohne Ausschreibung auf einen Verkehrsvertrag geeinigt, der der DB Regio über die gesamte Laufzeit geschätzt etwa eine halbe Milliarde Euro als Erlös (oder gar Gewinn?) eingebracht hätte. Böhme bekam insofern recht, als die Rechtswidrigkeit eines solchen Deals grundsätzlich festgestellt wurde. Allerdings hätte er nicht dagegen klagen dürfen, weil Wersus erst nach dem Vertragsabschluss zwischen DB und VRR gegründet worden war. Deshalb wurde Böhme vom Gericht dazu verdonnert, die 315 000 Euro Anwaltskosten der Gegenseite mit zu übernehmen. Die DB jubelte offiziell über die Verurteilung eines Kriminellen, der den Steuerzahler beinahe um einen sechsstelligen Betrag geprellt hatte.

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Dr. Ralf Böhme war inzwischen geschäftsführender Gesellschafter der Städtebahn Sachsen GmbH. In der SZ-Redaktion in Kamenz sagte er damals: „Ich bin im Grunde für alle Privatbahnen vor Gericht gezogen. Und deshalb werde ich auch von vielen unterstützt.“ Und er sah sich im Recht, weil er der Freivergabe von lukrativen Bahnleistungen endgültig den Garaus gemacht hatte. Inzwischen war sein kleines, mittelständiges Unternehmen auf seinen vier Städte-Strecken um Dresden nach einem sehr holprigen Start einigermaßen ins Rollen gekommen. Die Geschäftsführung wechselte später, aber eines sollte sich nicht mehr ändern: Für die DB AG ist die Böhmsche Neugründung auf dünnem Eis (ohne Fuhrpark und Betriebswerk) für alle Zeiten ein grellrotes Tuch geblieben. Vielleicht lässt sich auch aus den Anfängen der Städtebahn ableiten, warum gerade hier so viele Bäume auf den Gleisen der DB Netz AG gelandet sind? Dann wäre dies ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht.

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