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Warum die Waggonbauer auf die Manager sauer sind

Der Betriebsrat sieht eine „desaströse Entwicklung“ im Görlitzer Werk. Dafür zählen die Mitarbeiter viele Gründe auf.

© SBB

Von Sebastian Beutler

Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Görlitz. Die Freude im Mai 2010 war in Görlitz riesig: Die Schweizer Bundesbahnen orderten bei Bombardier 59 Züge einer neuen Generation von Doppelstockwaggons für 1,4 Milliarden Euro. Sie sollen die größeren Schweizer Städte im Express-Tempo verbinden. Ein Auftrag aus dem Bahnland Schweiz, das ist der Ritterschlag für ein Unternehmen in der Bahnindustrie. Doch der Erfolg von vor acht Jahren schmeckt inzwischen den Görlitzer Waggonbauern bitter. Jetzt soll das Werk sogar für einen Verlust von 100 Millionen Euro verantwortlich sein. Zwar gibt Bombardier keine Zahlen für einzelne Standorte heraus, doch hält sich die Summe zäh. Die Görlitzer Waggonbauer fühlen sich vorgeführt, denn sie erleben den Alltag ganz anders. Und nun prüft Bombardier sogar den Verkauf des Waggonbaus. Wie konnte es dazu kommen? Die SZ erklärt die Lage.

So ist die Lage bei Bombardier

Warum ist der Erfolg des Schweizer Auftrages so schnell verblasst?

2010 war ein tolles Jahr für den Görlitzer Waggonbau. Erst landeten die Doppelstockzüge der Schweizer im Görlitzer Auftragsbuch, dann folgten weitere Aufträge der Deutschen Bahn und der Israelischen Staatsbahn. Die Vermarktungskampagne des damaligen Görlitzer Werkleiters Siegfried Deinege war sehr erfolgreich. Er wollte das Werk zum Komplettanbieter von Eisenbahnwaggons machen: von der Entwicklung über die Produktion bis zur Vermarktung. Das Problem: Das Görlitzer Werk war darauf gar nicht vorbereitet. Der Betrieb war einfach zu klein für diese Auftragsberge, heißt es in Dresdner Regierungskreisen. Zudem verfolgte die Bombardier-Spitze in Berlin nach dem Wegloben von Deinege in die Bombardier-Zentrale eine andere Strategie. Einzelne Werke sollten sich auf eng umrissene Arbeitsfelder konzentrieren. Die Folgen des strategischen Kuddelmuddels: Es vergingen Jahre, bevor die Produktion überhaupt anlaufen konnte. Wenig hilfreich war auch, dass ein neuer Werkleiter dem nächsten die Klinke in die Hand gab. Geholfen hätte eine Modernisierung des Werks und Effizienzverbesserungen in „ruhigen Zeiten“. Doch die gab es seitdem für das Görlitzer Werk nicht mehr. In einem Schreiben des Görlitzer Betriebsratschef René Straube an die Mitarbeiter heißt es jetzt: „Schuld an der desaströsen Entwicklung hat allein das katastrophale Management in Bezug auf die Bewertung technischer Ressourcen sowie kapazitativer Aspekte dieses Projektes“. Der nunmehr seit 2012 als Oberbürgermeister amtierende Siegfried Deinege erklärte zu seinem Neujahrsempfang vor ein paar Tagen: „Bombardier hat die Zeit verpasst.“

Wie wirkten sich die Verzögerungen auf die Produktion aus?

Eine ganze Reihe listet der Betriebsrat des Görlitzer Werkes in dem Schreiben auf. Darin wird ein Bombardier-Mitarbeiter zitiert, der vor mehreren Jahren auf einer Betriebsversammlung gesagt haben soll: Das Projekt SBB hat das Potenzial, ganz Bombardier zu ruinieren. „Leider sind dieser frühen Erkenntnis“, heißt es in dem Schreiben von Betriebsratschef René Straube und seinem Vize Thomas Fellmann, „keine erkennbaren Maßnahmen gefolgt.“ Nicht bezahlte Rechnungen, ausbleibende Zulieferungen, unterlassene Investitionen hindern ihrer Meinung nach die Mitarbeiter daran, den Schweizer Auftrag fristgemäß abzuarbeiten. Mitarbeiter klagen über fehlenden Material-Nachschub. Dann käme wieder Material, worauf hektisch gearbeitet werden müsse, um den Rückstand wieder aufzuholen. Jetzt stehen sogar halbfertige Wagen auf dem Parkplatz in Görlitz, die eigentlich längst zum Ausbau in Villeneuve sein müssten.

Wie versuchte Bombardier, die Probleme zu lösen?

Zum einen stellte der kanadische Konzern allein 2017 rund 1000 Leiharbeiter ein, die aus Ostmitteleuropa, aber auch aus Großbritannien kamen. Sie sollten die wöchentliche Wagenproduktion von drei auf 6,5 verdoppeln helfen, um einen Auftrag für die Deutsche Bahn fristgemäß ausliefern zu können. Doch trotz ihres Einsatzes gelang es lediglich, einen Wagen mehr pro Woche herzustellen – also vier. Warum? Viele der Leiharbeiter verstanden gar kein Deutsch, es mussten Dolmetscher eingesetzt werden, auch ihre Einarbeitung band wieder heimische Mitarbeiter, die in dieser Zeit selbst nichts tun konnten.

Zum zweiten baute Bombardier seine Produktion in Wroclaw aus. Dort wurde im November 2016 eine neue Halle eingeweiht, die für über 60 Millionen Euro errichtet wurde, und produziert Wagenkästen und Wagenrahmen für verschiedene Schienenfahrzeuge. Darunter auch für Aufträge, die eigentlich in Görlitz abgearbeitet werden sollten. Das betrifft die Wagenkästen für den IC, der von Siemens fertiggestellt wird. Die Verlagerung der Produktion bestätigt der Betriebsrat in seinem Aushang im Werk. „Das beste Problem ist ein billigeres Problem“, heißt es da. „Einer Totalkostenbetrachtung verweigert man sich aber nach wie vor, würde diese doch sofort dazu führen, diese ,Strategien‘ als untauglich zu entlarven“, schreiben René Straube und Thomas Fellmann. Zumal die Qualitätsanforderungen in Wroclaw nicht immer erfüllt werden. Auch OB Deinege kritisierte dafür den Konzern und sprach das Problem auch beim Besuch von Siemens-Chef Joe Kaeser im Görlitzer Rathaus Mitte Dezember an. Schließlich solle es Siemens und der Deutschen Bahn als Auftraggeber nicht egal sein, wo ihr Geld hinfließt.

Wie geht es nun weiter beim Görlitzer Waggonbau?

Seit vergangenem Frühjahr werden von Bombardier parallel der Verkauf des Werkes auf der einen Seite oder dessen Spezialisierung auf den Bau von Wagenkästen und Einbindung in das Sächsische Schienenfahrzeugzentrum in Bautzen andererseits geprüft. Beim Betriebsrat in Görlitz hat man jetzt den Eindruck, dass der Verkauf des Görlitzer Standortes favorisiert wird. Allerdings: Es soll dadurch kein weiterer Konkurrent den europäischen Wettbewerb verschärfen. Deswegen soll bei der Übernahme ganz detailliert vereinbart werden, was Görlitz überhaupt noch tun darf. Der Betriebsrat hat von Bombardier-Deutschland-Chef Michael Fohrer verlangt, bei den Verkaufsverhandlungen beteiligt zu werden. Die Wagniskapitalfirma Quantum, der der nunmehr insolvente Waggonbau Niesky gehört und die auch für Görlitz bietet, lehnt der Betriebsrat als neuen Eigentümer ab. Straube und Fellmann appellieren an die Mitarbeiter in Görlitz, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, den Standort zu erhalten. „Ob mit oder ohne Bombardier wollen wir endlich wieder vernünftig und geregelt das tun, was wir am besten können: gute Fahrzeuge in hoher Qualität und Zuverlässigkeit an zufriedene Kunden und damit Fahrgäste zu liefern.“

Wenn die Schweizer zufrieden mit den neuen Doppelstockzügen sind und auch Vertrauen zu Görlitz haben, dann könnten sie sogar eine Option im Vertrag ziehen: Die sah Folgeaufträge bis 2024 über 3,9 bis 4,3 Milliarden Euro vor. Dahinter verbergen sich weitere 100 Züge für die Schweiz.

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