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Warum dieser Weinberg gerodet wurde

Der kahle Hang in Radebeul fällt auf. Dort sollen bald neu gezüchtete Rebsorten wachsen, die bisher in Sachsen kaum angebaut werden.

1,7 Hektar ist die Fläche groß, auf der Felix Hößelbarth, Kellermeister der Hoflößnitz, hier steht.
1,7 Hektar ist die Fläche groß, auf der Felix Hößelbarth, Kellermeister der Hoflößnitz, hier steht. © Arvid Müller

Radebeul. Das sieht ja aus, als kommt hier eine Skipiste hin. Solche nicht ganz ernst gemeinten Gerüchte machten zuletzt in Radebeul die Runde. Dass es in der schneearmen Lößnitzstadt wohl eher keine Abfahrtsstrecke geben wird, war sicherlich allen klar, trotzdem wunderten sich viele Radebeuler über den großen, kahlen Hang oberhalb von Zitzschewig, der komplett abgeräumt wurde. Selbst im Rathaus fragten die Bürger nach, warum der alte Weinberg gerodet wurde und was nun aus dem Gelände werden soll.

Felix Hößelbarth kann dazu bestens Auskunft geben. Er ist Kellermeister der Hoflößnitz und zuständig für den Weinbau. Auf dem Hangareal am Krapenberg wird ein komplett neuer Weinberg angelegt, erklärt er. 

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Früher von Kleinwinzern bewirtschaftet

Viele Jahre wurde der städtische Weinberg von privaten Hobbywinzern bewirtschaftet, die dort einzelne Parzellen gepachtet hatten. "Zu Spitzenzeiten gab es zwölf Kleinwinzer, von denen jeder drei bis vier Sorten angebaut hat", sagt Hößelbarth. Die Ernte wurde - das stammt noch aus DDR-Zeiten - an die Genossenschaft abgegeben. Ein Teil der Trauben ging in den letzten Jahren  auch schon an die Hoflößnitz. Nach und nach liefen die Pachtverträge aus, der letzte 2017 und der Weinberg ging komplett an das städtische Weingut.

Die alten Reben, die in den 70er- und 80er-Jahren gepflanzt wurden, waren inzwischen jedoch alt und kaputt. "Es war klar, dass wir den Berg komplett anfassen müssen", sagt der Kellermeister.

Maschinen statt Chemie gegen Unkraut

Künftig sollen dort auch maschinelle Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Denn der Weinbau hat wie viele andere Branchen ein Problem: Es fehlen Fachkräfte und Azubis. "Gleichzeitig ist gerade der Steillagenweinbau wahnsinnig arbeitsaufwendig", sagt Hößelbarth. Erst recht, da die Hoflößnitz auf Bio setzt. Beim konventionellen Weinanbau kommen bei der  Unterstockpflege, also beim Bearbeiten des Bodens unter der Rebe, Herbizide, meist Glyphosat, zum Einsatz, damit dort keine unerwünschten Pflanzen sprießen. 

Nicht so beim Ökobetrieb. Wer sich bewusst gegen Chemie im Weinberg entscheidet, dem bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten. "Entweder man muss fünf- bis sechsmal im Jahr per Hand hacken. Dafür haben wir aber nicht genug Leute", sagt Hößelbarth. "Oder man braucht eine Maschine." Für Letzteres hat sich die Hoflößnitz entschieden. Der Weinberg wird so angelegt, dass ein kleiner Traktor zwischen den Rebzeilen fahren kann.

Entlang des Areals stehen noch alte Weinbergsmauern, die im nächsten Schritt restauriert werden sollen.
Entlang des Areals stehen noch alte Weinbergsmauern, die im nächsten Schritt restauriert werden sollen. © Arvid Müller

Neue Rebsorten mit besonderen Eigenschaften

Zwei Weinsorten werden künftig auf dem Krapenberg angepflanzt: der weiße Sauvitage und der rote Pinotin. Beides sogenannte Piwi-Neuzüchtungen. Das sind pilzwiderstandsfähige Pflanzen, die für den Bio-Weinanbau genutzt werden. Kreuzungen von Wildreben aus Nordamerika, die Krankheiten wie Mehltau gut abwehren können, mit einheimischen Rebsorten. Der Sauvitage hat erst in diesem Jahr seine Zulassung bekommen, obwohl die Sorte schon 1988 gekreuzt wurde. 

Doch bis eine neue Rebsorte wirklich marktreif ist, vergeht einige Zeit, erklärt Hößelbarth. Die positiven Eigenschaften der Ursprungssorten müssen in der Züchtung immer weiter herausgekitzelt werden, es folgen der Testanbau, die erste Ernte, der Anbau in der Praxis, Zulassungen - da gehen 20 bis 30 Jahre ins Land, sagt Hößelbarth.

Erste Ernte in vier Jahren

Auch für die Umgestaltung des Krapenbergs in Radebeul muss sich die Hoflößnitz Zeit nehmen, wenn auch nicht ganz so viel. "Seit fünf bis sechs Jahren planen wir die Umstellung", sagt der Kellermeister, der sich lange umgehört, angeguckt und verkostet hat, welche Sorten sich für den neuen Weinberg anbieten. Während Pinotin schon mancherorts in Sachsen wächst, wird der Krapenberg die erste größere Fläche sein, auf der Sauvitage im Freistaat angebaut wird. 

Die Kosten, um ein Hektar Weinberg komplett neu anzulegen, belaufen sich zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Das Areal in Radebeul ist 1,7 Hektar groß. In den letzten Wochen und Monaten wurde der Berg komplett abgeräumt. "Wir hatten sehr viele Container mit Sperrmüll und Bauschutt", sagt Hößelbarth. Denn auf dem Berg standen noch alte Holzhütten, manche gefüllt mit viel Gerümpel. Auch alte Betonpfeiler, zu DDR-Zeiten aus Mangel an Holzpfeilern aufgestellt, und alte Drahtanlagen wurden entfernt. Als Nächstes kommt eine ordentliche Schicht Humus und Stroh vom Bauern auf die Fläche. Gepflanzt werden die Reben dann nächstes Jahr im Mai und ab dem dritten Standjahr soll geerntet werden.

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