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Warum Dresden seine beste Schwimmerin vergessen hat

Dreifach-Olympiasiegerin Rica Reinisch fehlt in der Ahnengalerie Dresdner Top-Athleten. Die Gründe dafür sind nebulös.

Rica Reinisch (rechts) mit ihren DDR-Kolleginnen der bei Olympia 1980 in Moskau siegreichen 4x100-m-Lagenstaffel: Caren Metschuk, die 2019 verstorbene Andrea Pollack und Ute Geweniger (von links).
Rica Reinisch (rechts) mit ihren DDR-Kolleginnen der bei Olympia 1980 in Moskau siegreichen 4x100-m-Lagenstaffel: Caren Metschuk, die 2019 verstorbene Andrea Pollack und Ute Geweniger (von links). © Imago Sport

Stellen Sie sich vor, Dynamo Dresden listet die besten Spieler der Vereinsgeschichte auf und verzichtet beispielsweise auf Dixie Dörner oder Ralf Minge. Der Aufschrei wäre vorprogrammiert. Beide zählen aufgrund ihrer herausragenden Fähigkeiten und der Erfolge verdientermaßen zu den Menschen, die ohne jeden Zweifel als Vereinslegenden durchgehen.

Gleiches trifft auch auf Rica Reinisch zu. Mit ihren drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau zählt die Schwimmerin zu den erfolgreichsten deutschen Sommersportlern überhaupt. Bei ihrem früheren Verein, dem SC Einheit Dresden, hat nur Wasserspringerin Ingrid Gulbin-Krämer eine noch eindrucksvollere Vita mit dreimal Olympia-Gold und einmal -Silber, was im neuen Dresdner Schwimmsportkomplex an der Freiberger Straße auch entsprechend gewürdigt wird. Ein Foto von Gulbin-Krämer, untersetzt mit ihren größten Erfolgen, hängt dort in der Ahnengalerie. Ein Motiv von Reinisch aber sucht man vergeblich – und das nicht erst seit der Sanierung, sondern seit Jahrzehnten.

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Genau genommen ist Reinisch seit 1993 nicht nur in der Dresdner Schwimmhalle offenbar eine Persona non grata. Die ehemalige Weltklasse-Rückenschwimmerin, die als 15-Jährige zu ihren drei Olympiasiegen schwamm und gut ein Jahr später aus gesundheitlichen Gründen die Karriere beendete, hat über die auch an ihr durchgeführten Dopingpraktiken berichtet. Öffentlich, ausführlich und vor Gericht. „Ich hänge dort nicht in der Ahnengalerie – dabei war ich mit eine der erfolgreichsten Sportlerinnen des Vereins und für Dresden“, stellt Reinisch fest.

Verein arbeitet Geschichte nicht auf

Sie vermutet, dass ihre Enthüllungen zum staatlich verordneten und eben auch beim SC Einheit Dresden praktizierten Dopingmissbrauch der Grund dafür sind. „Ich denke, da ist der Eindruck entstanden: Die hat uns geschadet oder wollte uns schaden. Das ist für mich nicht nachvollziehbar“, sagt die 55-Jährige.

In der Tat hat eine gründliche, transparente und öffentliche Aufarbeitung dieser dunklen Phase bei den meisten der damals beteiligten Vereine nie stattgefunden, auch nicht beim SC Einheit und dessen Nachfolge- bzw. Vorgängerverein Dresdner SC.

Der SC Einheit gehörte zum Leistungszentrum-System des DDR-Sports – mit allen Konsequenzen. Die Konfrontation damit empfinden viele als störend, nicht aber als erforderlich oder gar hilfreich.

„Ich merke, dass der DSC auch stolz auf die Zeit des SC Einheit ist und dass man sich zunehmend gegen den Generalverdacht wehrt, sportliche Erfolge in der DDR mit Staatsdoping gleichzusetzen. Das hat es gegeben, das ist eine historische Tatsache“, sagte DSC-Präsident Wolfgang Söllner 2018 in einem SZ-Interview. „Die Erfolge des DDR-Sports waren in erster Linie auf die Qualität der Trainerausbildung zurückzuführen, auf die wissenschaftliche Begleitung und die schlichte Erkenntnis, dass man privilegiert war, wenn man erfolgreich war“, sagte der Rechtsanwalt und betonte: „Wir verdrängen unsere Vergangenheit nicht, stellen uns einer Diskussion, wenn es sie gibt. Wir verfolgen aber keine initiativen Ideen, die Vereinsgeschichte historisch aufzuarbeiten.“

Nun ist weder der Verein dafür zuständig, wer Platz findet in die Ahnengalerie, unterteilt in Wasserspringer und Schwimmer, und auch nicht die Bäder GmbH, die den Komplex betreibt. Die Kriterien stellt der Stadtschwimmverband Dresden auf, die Bäder GmbH unterstützt die Vorstellungen finanziell. Die Auserwählten müssen in der Nationalmannschaft gewesen und international mindestens bei einer Jugend-Europameisterschaft gestartet sein.

„Das ist kein Thema, dass Rica dort eingeordnet wird“, sagt Steffen Böhmert, der den Stadtverband kommissarisch führt, auf SZ-Nachfrage. Er erklärt, dass die Verwerfungen, für die Reinisch mit ihren Doping-Enthüllungen nach der Wiedervereinigung gesorgt hat, dazu führten, dass sich beide Seiten voneinander entfremdet haben. „Es besteht seit mehr als 20 Jahren kein Kontakt, wir haben nie ein Bild von ihr bekommen oder eine Zuarbeit“, betont der ehemalige DDR-Meister Böhmert.

Zweifel an der Begründung

Dies sei aber eine der Voraussetzungen für die Aufnahme in der Fotoreihe. „Rica müsste unmissverständlich ihre Einwilligung dazu geben. Das ist aufgrund der Datenschutzbestimmungen nicht anders möglich“, sagt Böhmert.

Reinisch hält das für ein schwaches Argument. „Die Begründung ist hanebüchen. Mein Porträt hing ja früher schon – da hatte mich im Vorfeld auch niemand um mein Einverständnis gebeten“, sagt sie und betont: „Mein wunderbarer Bruder Dirk, der in Dresden lebt, machte mich Mitte der 1990er-Jahre darauf aufmerksam, dass ich aus der Galerie entfernt worden sei.“ Außerdem hatte Reinisch ihre Daten beim Deutschen Schwimmverband hinterlegt. „Das Einverständnis hätte man schnell holen können.“ Die Galerie der Besten musste im Zuge der Modernisierung des Komplexes ohnehin neu sortiert und platziert werden. „Wir sind der Bäder GmbH dankbar, dass wir die Galerie weiterführen können, damit auch Dresdner Schwimmsport dokumentiert werden kann“, sagt Böhmert.

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Reinisch ist nicht die Einzige, die in der Aufreihung fehlt. An Frank Wiegand, der Olympia-Silber 1964 über 400 Meter Freistil und drei weitere Olympia-Silbermedaillen mit DDR-Staffeln gewann, erinnert auch noch kein Bild. Der heute 77-Jährige war 1966 DDR-Sportler des Jahres. „Wenn das Einverständnis einmal vorliegt, lässt sich das schnell an der Galerie umsetzen“, sagt Bäder-Pressesprecher Lars Kühl. An ihr, meint Reinisch, soll es nicht scheitern.

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