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Bautzen

Wegen Corona: Kein Zutritt mit Kinderwagen

Ein Bautzener Supermarkt wies jetzt eine Mutter ab, weil sie keinen Einkaufswagen schob. Das steckt hinter der Regel.

Sylvia Rentsch durfte nicht in den Supermarkt, weil sie durch ihren Kinderwagen keine Hand frei hatte für einen Einkaufswagen.
Sylvia Rentsch durfte nicht in den Supermarkt, weil sie durch ihren Kinderwagen keine Hand frei hatte für einen Einkaufswagen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Seit diesem Sonnabend war Sylvia Rentsch nicht mehr einkaufen. Die 30-Jährige wusste einfach nicht wie. Denn an diesem Tag wurde sie mit ihren Kindern in Kleinwelka aus dem Penny-Markt geworfen. „Ich hatte mir eigentlich extra Gedanken gemacht“, erzählt Sylvia Rentsch. Zwei Kinder hat die junge Mutter, zehn Monate und drei Jahre alt. Ihr Mann arbeitet im Schichtsystem, ist gerade selten tagsüber zuhause. Auch an diesem Sonnabend war Sylvia Rentsch alleine mit ihren Töchtern.

„Ich habe mir vorher überlegt, wie ich angesichts der Corona-Situation am besten einkaufen gehen kann“, erzählt sie. Sie habe ihren Kinderwagen extra so umgebaut, dass beide Kinder darin Platz finden. „Ich dachte, dann laufen sie nicht frei herum. Und durch den Kinderwagen hält man ja auch Abstand zum Vordermann.“ Ihr jüngstes Kind in den Plastiksitz in einem Einkaufswagen zu setzen, kam für sie nicht in Frage – „die Kleine ist gerade in dem Alter, in dem sie alles in den Mund nimmt und anleckt“, erzählt die Mutter, das wollte sie gerade in Zeiten von Corona vermeiden.

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Penny entschuldigt sich

Das Problem: Der Supermarkt, in dem Sylvia Rentsch an diesem Tag einkaufen wollte, hatte jene Regel eingeführt, die so viele Supermärkte im Landkreis Bautzen jetzt angeordnet haben: Einkaufen dürfen die Kunden nur mit einem Einkaufswagen. Diese Regel ist es, die der jungen Mutter dann zum Verhängnis wurde: „Ich sollte mir einen Einkaufswagen holen“, erzählt sie, „aber ich hatte durch den Kinderwagen dafür keine Hand mehr frei“. Dennoch: Eine Verkäuferin schloss der jungen Mutter die Absperrung auf, Rentsch musste den Laden verlassen.

Fassungslos sei sie im ersten Moment gewesen, jetzt fragt sie sich: „Wie soll ich es denn machen?“ Schließlich sei sie häufig alleine, ihr Mann fahre oft vor der Ladenöffnung zur Arbeit und käme erst nach Ladenschluss zurück. Eine Woche warten, bis frisches Obst und Gemüse ins Haus kommen? Für Rentsch keine Option. Und überhaupt: Was ist mit Alleinerziehenden?

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Andreas Krämer, Pressesprecher der Rewe- und Penny-Märkte, nennt das Geschehene einen Irrtum. Die Kundin dürfe auf jeden Fall mit einem Kinderwagen in den Markt. Um die Corona-Pandemie einzudämmen, sei das Unternehmen verpflichtet, Menschenansammlungen zu vermeiden. „Die Vorschrift zur Nutzung eines Einkaufswagens soll die Kunden darin unterstützen, den Mindestabstand von 1,5 Metern im Markt einzuhalten“, erklärt er.

 „Als Unternehmen sind wir gezwungen, diese Maßgaben strikt umzusetzen. Andernfalls drohen Sanktionen bis hin zur Schließung.“ Die Mitarbeiterin des Marktes habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, dabei aber die Behörden-Maßgaben falsch interpretiert. „Wir entschuldigen uns“, sagt er, „bitten aber auch um Verständnis, dass es in der Fülle von Informationen und den derzeitigen Belastungen unserer Markt-Mitarbeiter zu einem Missverständnis gekommen ist“.

Auch andere Märkte fordern Einkaufswagen

Tatsächlich gibt der Freistaat grob vor, wie sich Supermärkte angesichts der Ausbreitung des Coronavirus zu verhalten haben. Es gibt Hygiene-Auflagen, wie ausreichende Waschgelegenheiten und Desinfektionsmittel für das Personal. Einkaufswagen sollen regelmäßig desinfiziert werden, Backwaren dürfen nicht mehr in Selbstbedienungstheken ausgegeben werden. Der Zutritt zu den Geschäften soll gesteuert werden – um Warteschlangen zu vermeiden.

Und wie handhaben das andere Märkte? Auch Aldi setzt auf die Einkaufswagenregelung, allerdings nicht in allen Märkten. „Um ausreichend Abstand zu ermöglichen, begrenzen wir in einigen Märkten bei Bedarf die Höchstanzahl der Kunden, die sich gleichzeitig im Geschäft aufhalten“, erklärt ein Sprecher. Edeka schlägt seinen Marktleitern vor, auf gewisse Abstände zu achten. „Wir wenden in unseren von uns als Großhandlung betriebenen Märkten die Daumenregel 5 Personen pro 100 Quadratmeter Verkaufsfläche an“, erklärt Sprecherin Stefanie Schmitt. 

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Alternativ gebe es in vielen Märkten die Regelung von einem Kunden pro Einkaufswagen; das sei leichter regulierbar und erspare aufwändiges Zählen. „Dies bedeutet in der Konsequenz jedoch, dass ein Kunde auch dann einen Einkaufswagen nehmen muss, wenn er nur eine in der Hand tragbare Kleinigkeit erwerben möchte.“ Für Personen, die einen Rollator benutzen oder mit Krücken gehen müssen, müssten individuelle Lösungen gefunden werden. Netto setzt nach Unternehmensangaben auf die Strategie, die Zahl der Einkaufswagen an die Fläche der Märkte anzupassen. In einigen Märkten gibt es zudem die Bitte, einen Wagen zu nutzen.

Und wie ist die Geschichte für die Mutter in Kleinwelka ausgegangen? Eine andere Mutter kam ihr zur Hilfe. Sie hatte das Spektakel beobachtet, erzählt Sylvia Rentsch – die Frau hätte die Situation ebenfalls nicht verstanden. Ihre Kinder seien schon größer gewesen, konnten im Auto warten. „Ich habe ihr das Nötigste gesagt, sie hat mir dann die Einkäufe mitgebracht.“

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