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Warum ein Japaner in Dresden Kürbisse züchtet

Yasushi Iwai vermisste die süßen Kürbisse aus seiner Heimat. Darum begann der Künstler, sie mitten in Dresden zu züchten - und nicht irgendwelche.

Yasushi Iwai in den Internationalen Gärten Dresden: Hier baut er japanische Kürbisse an, um den süßen Geschmack seiner japanischen Heimat zu erleben.
Yasushi Iwai in den Internationalen Gärten Dresden: Hier baut er japanische Kürbisse an, um den süßen Geschmack seiner japanischen Heimat zu erleben. © Jürgen Lösel

Mitten in einem Garten in Dresden steht ein Japaner. Er scheint in Gedanken versunken. Das Rauschen der Autos, die Sirenen der Krankenwagen, alles ist fern und nur leise zu hören. Zwischen Bäumen ragen hier und da Betonhäuser empor. Manchmal fährt jemand mit dem Rad an den Internationalen Gärten in der Johannstadt vorbei. 

Eine ältere Dame schiebt einen Kinderwagen über den Fußweg neben dem Zaun, der den Garten und die Beete schützt. Auf den Beeten wachsen dicht gedrängt die unterschiedlichsten Pflanzen: Gemüse neben Blumen, Peperoni neben Rosen, Sojabohnen neben Gladiolen, dazwischen ein üppiges, farbenfrohes Gewucher aus Sonnenblumen, Auberginen, Kürbissen und Tomaten der unterschiedlichsten Größen und Formen. 

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Im Garten selbst ist an diesem warmen Dienstagnachmittag im August nichts los. Nur Yasushi Iwai ist da, um seine Kürbisse zu inspizieren, um sie vielleicht zu gießen. Und um etwas zu tun, was schwierig ist in diesen hektischen, getriebenen Zeiten: Nachdenken, zur Ruhe kommen.

„Ich bin kein Gärtner,“ sagt Herr Iwai. „Ich habe eigentlich keine besondere Affinität zu Gärten, ich bin kein grüner Mensch.“ Er ist vor allem Künstler, er malt, und er macht Musik. Nebenbei gibt er noch Kurse in Go, ähnlich wie Schach ein uraltes Strategie-Brettspiel. Dennoch ist ihm sein Beet in dem Gemeinschaftsgarten wichtig. Zu Beginn eines jeden Jahres geht er in den Garten und lässt sich ein kleines Beet zuteilen. Dann bestellt er im Internet Samen von japanischen Kürbissen, manchmal nutzt er auch Samen seiner Johannstädter Früchte vom Vorjahr. Steckt sie, gießt und wartet. 

Wenn sich genügend Blätter zeigen, beginnt er, die Pflanzen an Stäbe zu binden, so dass seine Kürbisse himmelwärts ranken. „Ich habe die Hoffnung, dass meine Kürbisse dadurch weniger krank sind und nicht so viele Insekten kommen“, erzählt Yasushi Iwai. „Aber leider hilft es nicht immer“. Er sagt es, wie alles, was er erzählt, sehr ernst und in seinem leicht gebrochenen, aber sehr durchdachten Deutsch. Aber dann lächelt er ein wenig. Das Lächeln erreicht zuerst die Augen und ganz allmählich und beinah unmerklich das Gesicht, das sich schlagartig aufheitert.

Einige der Blätter von Herrn Iwais Kürbis haben Mehltau. An jeder Pflanze hängen zwei, drei Kürbisse. Sie sind nicht allzu groß, eher flach und dunkelgrün mit einer leichten Maserung. Herr Iwai weiß nicht genau, was er da für eine Sorte im Beet hat. Vermutlich ein grüner Hokkaido. Vielleicht ein „Kastanienkönig“, vielleicht aber auch eine Sorte, die nach einem Gott benannt ist. Der genaue Name oder gar die wissenschaftliche Bezeichnung ist ihm nicht so wichtig. „Aber es ist ein Kürbis, wie ich ihn aus meiner Kindheit und aus meiner Heimat kenne“, sagt er. „Irgendwie und sehr viel süßer als die Kürbisse, die man hier in den Läden oder auf Märkten kaufen kann. Kürbis in Japan ist süßer, intensiver. Besser kann ich es nicht erklären. Man denkt an Esskastanien oder Süßkartoffeln, wenn man ihn verspeist. Und Japaner essen Kürbis oft als Eis, im Kuchen.“

Mittendrin zwischen beiden Polen

Herr Iwai kann nicht genau sagen, wann die Sehnsucht nach dem süßen Geschmack seiner Kindheit begann. Der Künstler stammt von der japanischen Insel Hokkaido, aus einer Stadt, deren Name in Deutschland nicht geläufig ist, die aber 200.000 Einwohner hat. Keine Stadt mit einem Meer aus Hochhäusern. Eher eine wie Dresden, die die Menschen nicht einschließt mit Beton und Stahl, sondern eine Nähe gewährt zu grünen Hügeln, Bäumen, Landschaft, Natur. Die auch nachts nicht zu grell ist und den Blick ermöglicht auf den Nachthimmel und die Sterne.

Yasushi Iwai war noch sehr jung, als er auf die Sterne blickte und sich fragte, was es soll, dieses menschliche Leben. Ob es eine Rolle spielt in dem gigantischen schwarzen Raum, der seine Heimatstadt überspannte. Ob es spurlos und vollkommen verschwindet nach dem Tod. Im Alter von sieben Jahren begann er, die Menschen dazu zu befragen. Seine Eltern, Erwachsene, andere Kinder. Er suchte Antworten in Büchern und in jenen Religionen, die in Japan am meisten verbreitet sind, „im Alltag aber oft auch keine große Rolle spielten“ – im Shintoismus und im Buddhismus. „Damals gab es noch keine Computerspiele und nicht so viele Filme und Fernsehserien. Da hatte ich viel Gelegenheit, über diese Fragen nachzudenken.“ 

Wieder blitzt ein Lächeln im Gesicht auf. Nachdenklich blickt er auf die Beete. Manche erinnern an kleine Naturgärten, in denen Brennnesseln wachsen dürfen. Andere sind ordentlich, frei von jedem Wildkraut und durch kleine Steine abgegrenzt vom Nachbarn. Herr Iwai ist mit seinem Kürbisbeet so mittendrin zwischen diesen beiden Polen. Aber er blickt mit Respekt auf das akkurate Beet seiner Gartennachbarn, die aus China stammen. „Wer kleine Sachen beherrscht, beherrscht auch Großes“, meint er.

Yasushi Iwai war 15, als er in der Schule die europäische Geschichte des 16. Jahrhunderts durchnahm und von Martin Luther hörte. „Das hat mich sehr fasziniert, was er sagte, wofür er kämpfte. Für die Freiheit im Denken, wissend, dass der Mensch nicht Herr über das Leben ist.“ Yasushi Iwai las noch mehr Bücher und ging zu einer der ungefähr zehn christlichen Kirchen, die es in seiner Heimatstadt gab. Anders als in vielen asiatischen Ländern war das Christentum in Japan bis ins 19. Jahrhundert verboten, die christliche Religion ist daher kaum verbreitet. Ein Jahr darauf, im Alter von 16 Jahren, ließ sich Herr Iwai taufen. Ein Schritt, den seine Eltern und seine Familie nicht verstanden.

Statt zu grübeln, vertieft er sich in die Kunst

Nicht nur Martin Luther, auch die Kirchenmusik faszinierte ihn. In der Schule hörte er auf Platten erstmals eine Orgel. Und Werke von Johann Sebastian Bach, den er heute noch über alles schätzt, vor allem „Die Kunst der Fuge“. „Als ich Bach hörte, wusste ich: Das muss ich auch spielen. Eigentlich wollte ich nur Bach spielen, nichts sonst“. In seiner Gemeinde stand ein Klavier. Herr Iwai begann, darauf zu spielen, wenn man das so nennen kann. Er schaute in Musikbücher und begann, sich das Klavierspielen beizubringen. „Nach dem Gottesdienst wollten alle noch beieinandersitzen, Tee trinken und reden, und ich spielte sehr langsam und war ein Anfänger. Ich bin häufig davongejagt worden“, sagt Yasushi Iwai. Weil er auch sehr gern und sehr gut malte, besuchte er nach der Schule eine Kunstschule und übte weiter Klavier. In einer Kirche in Tokio saß er dann zum ersten Mal in seinem Leben selber an einer Orgel. Wann immer er in den folgenden Jahren auf ein Harmonium oder eine Orgel stieß, nutzte Herr Iwai die Chance und übte weiter.

Die Orgel und Bach ließen den Japaner nicht mehr los. Er schrieb an alle möglichen Musikhochschulen und Hochschulen für Kirchenmusik, ob er ein Gaststudium machen dürfe. So studierte er zunächst Kirchenmusik in Süddeutschland, dann in Dresden. Lernte eine deutsche Frau kennen, heiratete, bekam Kinder mit ihr und blieb in Sachsen. Seit über zwanzig Jahren lebt und arbeitet er in Dresden, „und noch immer werde ich gefragt, was ich als Japaner hier mache und ob ich als Japaner überhaupt Christ sein kann.“ Manchmal kommt die Frage auf eine freundliche, interessierte Weise. Aber manchmal empfindet Yasushi Iwai auch eine Befremdung und das Unverständnis, die dahinterstehen können.

Herr Iwai hat es inzwischen aufgegeben, alle Fragen des menschlichen Lebens beantworten zu wollen. Wie zum Beispiel die Frage, was nach dem Tod kommt. „Wir leben in einer Zeitlichkeit in dieser Welt. Solange es so ist, ist es gut“, sagt Herr Iwai. Statt zu grübeln, vertieft er sich in die Kunst; seine Bilder kann man in Ausstellungen oder auf seiner Internetseite betrachten. Oder er geht spazieren. Neulich war er mit seiner Frau an der Elbe: „Da haben wir der Stimme des Flusses gelauscht. Das war sehr schön.“

Sehr gern antwortet Herr Iwai hingegen auf die Frage, wann und wo man ihn auf der Orgel hören kann: Regelmäßig in Roßwein, das nächste Mal in der Kirche am 5. Oktober. Oder wann seine grünen Japan-Kürbisse denn nun reif und gelb-rot werden, so wie jene Hokkaido-Kürbisse, die sich hierzulande ab Spätsommer in den Regalen der Discounter türmen. Die einfache Antwort lautet: „Nie. Sie sind grün und bleiben grün, jedenfalls die Schale, aber süß sind sie trotzdem.“ Ungefähr zehn bis zwölf Kürbisse erntet Familie Iwai seit einigen Jahren. „Damit kommen wir gut über den Winter, denn Kürbis macht satt, und man kann nicht ständig Kürbis essen“, sagt Yasushi Iwai. Und wieder blitzt das leichte Lächeln auf.

Yasushi Iwai und seine Frau kann man am 12. September um 17 Uhr bei einer Führung in den Internationalen Gärten Dresden, Holbeinstraße 30, erleben, die im Rahmen der Ausstellung des Hygienemuseums „Von Pflanzen und Menschen“ angeboten wird. Infos und Anmeldung: www.dhmd.de

Infos zum Mitmachen bei den Internationalen Gärten gibt es beim Gartencafé. Wieder am 6.9., 16 Uhr

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