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Warum Erzieher mehr Zeit fordern

Die Betriebskosten in den Kitas steigen, die Betreuer sind an der Belastungsgrenze. Schnelle Lösungen sind nicht in Sicht.

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Von Thomas Christmann

Sie hat ein Buch geholt. Kerstin Wilsdorf lädt alle Mädchen und Jungen der Fuchsgruppe, die sich um den Tisch versammeln, zum Hören und Mitmachen ein. Die Erzieherin vom Kinderhaus Märchenland in Mittelherwigsdorf stößt bei 18 individuellen Wesen von vier und fünf Jahren manchmal an ihre Belastungsgrenze. Es sei schwierig, auf jeden einzugehen, sagt die 54-Jährige. Träger der Einrichtung ist die Gemeinde. Die kämpft zudem mit steigenden Betriebskosten. Wegen der angespannten Personal- und Finanzsituation in den Kitas hat Bürgermeister Markus Hallmann (Freier Wählerverein) zu einer Gesprächsrunde mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Stephan Meyer, bildungspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion Lothar Bienst und der Leiterin der Kita Spielkiste aus Olbersdorf sowie Kreistagsabgeordneten der Freien Wähler Petra Schoening geladen. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Mit welchen Problemen kämpfen

die Kitas und Kommunen?

Nach der Wende hat die Gemeinde Mittelherwigsdorf zwei Kitas geschlossen. Zwei bestehen noch. „Die sind mittlerweile wieder rappelvoll“, sagt Markus Hallmann. Seit der letzten Erhöhung des Landeszuschusses 2005 ist die Zahl der Kinder um 50 auf 231 gestiegen. Genauso wie die Betriebskosten, von 740 000 auf 1,15 Millionen Euro. Oftmals muss ein Erzieher mehr Mädchen und Jungen betreuen als der Personalschlüssel vorgibt. Danach hat ein Erzieher sechs Kinder unter drei und 13 über drei Jahre – das ist der drittschlechteste Wert im bundesweiten Vergleich. Wenn die Mädchen und Jungen aber nur viereinhalb oder sechs Stunden kommen, zählen sie auch nur anteilig. Damit stimmt das Ergebnis zwar rechnerisch, tatsächlich sind zeitweise mehr da – und brauchen dieselbe Aufmerksamkeit. Bedingt durch das Elterngeld und den gesetzlichen Kita-Anspruch werden die Kinder vom Alter her eher in die Einrichtungen gebracht und täglich länger. Zudem steigt die Zahl der verhaltensauffälligen Jungen und Mädchen. „Die Schmerzgrenze ist erreicht“, sagt Carola Hübner, Leiterin der Kita Märchenland. Ihre Kollegen sind wegen des Schlüssels oft auf 35 Stunden angestellt. Urlaub und Krankheit sind gar nicht berücksichtigt.

Welche Folgen hat die Situation für

die Erzieher, Eltern und Kinder?

Die Erzieher haben das Problem lange geschluckt. Sie seien so gestrickt, sagt Ruth Scholze vom Kinderhaus Sonnenblume in Eckartsberg. „Schaffen wir nicht, gibt’s nicht“, sagt die Leiterin. Doch die Aufgaben sind durch den Bildungsplan mehr geworden. Vor- und Nachbereitung, Portfolio, Elterngespräche und anderes sind kaum zu schaffen. Die Folge: Überstunden. „Wir sind nicht mehr nur zuständig für die Kinder, die bringen ihre Familie mit“, sagt Petra Schoening. Für Heidi Irmer von der Kita Märchenland fängt der Traumberuf an zu bröckeln. „Das tut weh.“ Ein grippaler Infekt haue sie inzwischen um. Voriges Jahr fielen in ihrer Einrichtung vier der acht Erzieher wochenlang aus, gesundheitlich. Das sei eine Ausnahme gewesen, sagt Markus Hallmann. „Aber sowas kommt von sowas“, kommentiert er mit Blick auf die angespannte Personalsituation. Eine betroffene Mutter wundert sie sich nicht über den Ausfall, zeigt sich in der Diskussionsrunde dennoch schockiert und spricht punktuell vom fahrlässigen Handeln gegenüber der Kinder. Eine Folge der steigenden Betriebsausgaben sind hingegen höhere Elternbeiträge. Diese dürfen für die Krippe bei maximal 23 Prozent, den Kindergarten bei 30 Prozent der Kosten liegen. In Mittelherwigsdorf sind die Beiträge seit über zehn Jahren gleichgeblieben, in Oderwitz mussten sie 2013 angeglichen werden. „Man will’s eigentlich nicht“, sagt Hauptamtsleiterin Jana Erbe. Deshalb sei es jetzt an der Zeit, dass der Freistaat seinen Beitrag leiste.

Wie lässt sich die Personal- und Finanzsituation verbessern?

Die Erzieher aus Mittelherwigsdorf und Oderwitz schließen sich der sachsenweiten Initiative „Weil Kinder Zeit brauchen“ an, die unter anderem einen geringeren Personalschlüssel fordert. Danach hat eine Fachkraft vier Kinder unter drei und zehn über drei Jahre zu betreuen. Über 77 000 Unterschriften sind zusammengekommen, auch aus Mittelherwigsdorf und Oderwitz. Der Petitionsausschuss beschäftigt sich derzeit damit. Doch sollte der Freistaat alles finanzieren, kämen auf die derzeit 400 Millionen Euro für die frühkindliche Betreuung im Doppelhaushalt noch mal 300 Millionen drauf. „Das kriegen wir nie durch“, sagt Lothar Bienst. Zudem stehen die Landtagswahlen an, ein neuer Haushalt wird erst nächstes Frühjahr beschlossen. Vorher passiere nichts, sagt er. Und der Freistaat will weiter Schulden abbauen. Stephan Meyer lässt da als junger Mensch auch keine Luft ran. In erster Linie seien die Familien verantwortlich für die Erziehung, sagt er. Der Landtagsabgeordnete sieht aber Handlungsbedarf beim Personalschlüssel, allerdings nicht in der Kinderzahl, sondern Berechnung. Zudem schlägt er einkommensabhängige Elternbeiträge vor. Diese nur wegen der Familienfreundlichkeit niedrig zu halten, sei nicht die Lösung. Ina Niegisch von der Kita Märchenland in Oderwitz hat eine andere Idee. Für sie muss ein Kind auch als vollwertiger Platz im Personalschlüssel berücksichtigt werden und nicht nur anteilig. „So entstehen die Lücken“, sagt die Leiterin. Dann sei jede Diskussion überflüssig.

Wie können sich Kommunen

und Erzieher noch wehren?

Während die Kommunen die Elternbeiträge bei steigenden Betriebskosten erhöhen können, haben Erzieher die Möglichkeit zu streiken. „Nicht für mehr Geld, sondern bessere Arbeitsbedingungen“, sagt Heidi Irmer. Nicht nur sie ist inzwischen soweit. Sollte die