SZ +
Merken

Warum es 1911 so vielen Zugreisenden in Radeberg übel war…

Die SZ erzählt immer sonnabends witzige Geschichten aus dem Alltag des alten Rödertals. Heute: Was ist ein Grog-Kaffee?

Teilen
Folgen

Von Hans-Werner Gebauer

Die Radeberger Polizei in den Oktobertagen des Jahres 1911 fast schon ein „Dauergast“ in der Radeberger Bahnhofkneipe. Grund war, dass hier auch in den Nachtstunden Alkohol ausgeschänkt wurde. Dabei gab es aber seit dem 1.Oktober die Anweisung, dass alkoholische Getränke an den Eisenbahnwagen zwischen Mitternacht und 10 Uhr vormittags nur bei Unwohlsein oder Unfällen eines Reisenden von der Gastwirtschaft gereicht werden durfte. Zudem war das Aufenthaltsgebot, nachdem man mit dem Kauf einer Bahnsteigkarte auch kurzzeitig das Lokal aufsuchen konnte, dahingehend verschärft worden, dass nur Kaffee oder Limonade, ab 6 Uhr früh auch frische Milch an die Gäste abgegeben werden durfte.

Nun wurde in Radeberg also mit jeder Menge Tricks gearbeitet, um an das Objekt der Begierde „Alkohol“ zu kommen. Vom November 1911 kam erstmals eine Statistik dem Eisenbahnamt zu. Demnach hatte es in Radeberg an 26 Werktagen in der Zeit zwischen 4Uhr früh und 10 Uhr vormittags 536 Fälle von Unwohlsein gegeben. Mit mehr oder weniger Geschick erwarben 523 männliche Reisende und 13 weibliche Reisende beim Aufenthalt in Radeberg ein Glas Kognak „zum Vorzugspreis von 87 Pfennig“.

Radebergs Bahnhofswirt wurde daraufhin zu einer Aussprache in die Königliche Eisenbahndirektion bestellt. Dort machte er deutlich, dass der Ablauf der Zugabfertigung es nicht zulasse, den tatsächlichen Zustand mittels „eigener Inaugenscheinnahme festzustellen“. Auch wäre es außerhalb jedweder ernsthaften Überlegung, sich für diese Fälle „einen Arzt zu halten“. Es gebe doch durchaus begreifliche Gründe, den Leidenden im Zug eine solche Wohltat zu reichen. Im Übrigen war es auch üblich, auf Verlangen ein Glas Wasser für fünf Pfennig zu reichen. „Doch das macht mehr Aufwasch als Nutzen!“, so Radebergs Bahnhofswirt.

Man ließ ihn ohne nähere Anweisungen laufen, gebot aber der Gendarmerie, den Bahnhof im Auge zu behalten. Doch auch hier wusste man Rat. Als im Januar 1912 der Winter nachts eisige Temperaturen bescherte, kreierte Radebergs Bahnhofswirtschaft den „Radeberger Grog-Kaffee“. Mit nicht ganz so viel Kaffee… Das machte schnell die Runde. Und so wurde selbst vor den Arbeiterzügen der „schnelle Grog-Kaffee, die Tasse zu 45 Pfennig“ verkauft.

Als sich Bürgermeister Bauer ein Bild von der Angelegenheit machen wollte, hatte der Wirt wohl einen Wink aus dem Radeberger Rathaus erhalten. Denn am Dienstag, dem 30. Januar 1912, wurde in den Nachtstunden plakatiert: „Freiwilliger Abstinenzlertag“. Und am Zug wurde „wegen Personalmangels“ nichts gereicht. Schon am nächsten Tag war aber alles wieder beim Alten. Und Bürgermeister Bauer gab den Gendarmen die Anweisung, künftig nur noch gelegentlich zu kontrollieren…