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Warum Frau Löser streikt

Rund 5000 Lehrer legten gestern die Arbeit nieder. Irina Löser von der Dippser Mittelschule war dabei. Sie hat dafür gute Gründe.

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Von Regine Schlesinger

Ein blauer Sonderbus brachte Irina Löser und ihre Kollegen gestern Mittag zurück nach Dippoldiswalde. Statt vor ihren Klassen standen sie am Vormittag auf dem Schützenplatz in Dresden, wo Tausende Lehrer mit Trillerpfeifen und Rasseln ihren Forderungen nach einer Altersteilzeitregelung, mehr Geld für mehr Lehrerstellen, höheren Löhnen und für einen besseren Unterricht Gehör verschafften.

Irina Löser war bei der Rückkehr sichtlich beeindruckt davon, wie viele Lehrer dem Aufruf zum Warnstreik gefolgt sind. „Aber anders geht es auch nicht. Wenn wir nicht dafür eintreten, wird nichts passieren“, ist sie überzeugt.

Keine gesunde Mischung

Die Lehrerin für Biologie, Chemie und das Fach Wirtschaft/Technik/Haushalt ist seit 1987 im Schuldienst und hat schon einiges mitgemacht. Als 50-Jährige ist für sie die Altersteilzeit eigentlich ein Thema, das noch ein Stück weg liegt. Trotzdem unterstützt sie die Forderung danach voll und ganz. „Es geht darum, endlich eine Möglichkeit zu schaffen, junge Kollegen einstellen zu können“, erklärt sie. Der Altersdurchschnitt bei den Lehrern der Dippser Mittelschule liegt mittlerweile bei über 50, zwei Kollegen sind bereits über 60. Im vergangenen Schuljahr kam nur ein einziger Neuzugang an die Schule, der gerade sein Referendariat beendet hatte. Das sei doch keine gesunde Mischung und auch nicht gut für die Schüler, sagt Irina Löser. „Die Kinder wollen doch auch mal junge Leute sehen, nicht immer nur uns Ältere.“ Wo jung und alt zusammen arbeiten, könnten außerdem die einen von den anderen profitieren. „Wir vermitteln unsere Erfahrungen und die Jungen bringen neue Ideen ein.“

Ihr ist aber auch klar, dass sich bei den jetzigen Arbeitsbedingungen an den sächsischen Schulen der Lehrernachwuchs lieber in anderen Bundesländern umsieht. Als Mittelschullehrerin muss Irina Löser in der Woche 26 Unterrichtsstunden halten, so viele wie kaum in einem anderen Bundesland.

Bei Grundschullehrern sind es sogar 28 Stunden in der Woche. „Da ist noch keine Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts dabei, keine für Elternabende, Klassenfahrten oder was sonst noch anfällt“, erklärt sie.

Im Schnitt wird davon ausgegangen, dass zu den Stunden vor der Klasse noch einmal so viele für alle anderen Arbeiten dazu addiert werden müssen. Hinzukommt, dass Sachsen seinen Lehrern nicht nur mehr abfordert, sondern sie auch noch schlechter entlohnt als andere Bundesländer – noch ein Anlass für den Berufsnachwuchs, sich woanders eine Stelle zu suchen. Auch für Irina Löser war das Geld gestern ein Grund, auf die Straße zu gehen. Sie fordert dabei aber nur, was ihr für ihre Arbeit als Mittelschullehrerin tariflich zusteht. Momentan ist sie in einer Einstufung drin, die für Grundschullehrer gilt. Das heißt, sie hat monatlich zwischen 300 und 400 Euro weniger im Portemonnaie als andere Kollegen, welche die gleiche Arbeit machen.

Noch heute kann sie nicht verstehen, wie 1998 an ihrer damaligen Schule diese Eingruppierung erfolgte. Die Lehrer mussten zwei Stunden Unterricht halten und danach wurde entschieden, ob sie die höhere oder die niedrigere Gehaltsstufe erhalten. Sie ist überzeugt, dass damals die Order ausgegeben wurde, möglichst wenige Kollegen höher einzustufen, damit Geld gespart werden kann. Denn mit ihrem Problem steht sie nicht allein da. Es betrifft gut die Hälfte aller Mittelschullehrer. Da sie über viele Jahre hinweg auch nur Teilzeit arbeiten durfte, obwohl sie bereit war, mehr zu leisten, ist es für sie heute umso wichtiger, dass ihre Arbeit angemessen bezahlt wird.

Stoff wird nachgeholt

„Ich bin gern Lehrerin, ich liebe meinen Beruf und es macht mir Freude, Kindern naturwissenschaftliche Zusammenhänge nahezubringen“, sagt sie. Gestern hatte sie eigentlich vor, Schülern der 7. Klassen die Holzbearbeitung beim Bau von Räucherhäuschen zu vermitteln. „Das wird nachgeholt“, versichert sie. Genauso sicher ist aber auch, dass Irina Löser wieder dabei sein wird, wenn es gilt, Druck zu machen, um die Forderungen der Lehrer durchzusetzen.