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Warum gerade ich?

Immer wieder kommt es in Dresden zu Fällen von Gewalt in der Partnerschaft. Ein neues Projekt will helfen.

Gewalt in der Beziehung kommt in Dresden häufig vor.
Gewalt in der Beziehung kommt in Dresden häufig vor. © dpa

Wenn aus der Nachbarwohnung Schreie dringen, hören viele oft weg und trauen sich nicht zu helfen. Das ist der falsche Weg – sagen Jana Erler und Christin Lewandowski vom Stop-Projekt der Treberhilfe. Im Interview erzählen sie von Ursachen und Formen der Gewalt in der Partnerschaft.

In den letzten Jahren gab es einige Fälle von Vätern in Dresden, die ihre Kinder umgebracht haben. Was geht Ihrer Erfahrung nach in einem Menschen vor, der so etwas tut?

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Da spielen viele Dinge eine Rolle: die Verletzung nach der Trennung und die Angst vor Kontrollverlust. Wenn die Frau mit den Kindern auszieht, verliert der Mann in diesem Fall die Macht über sie.

Welche Anzeichen gibt es für Gewalt in der Partnerschaft?

Die Opfer ziehen sich zurück in eine soziale Isolation, da sie oft Scham und Schuld empfinden. „Warum gerade ich?“, fragen sich viele. Oft verbietet der Partner auch den Kontakt mit Freunden oder Familie.

Warum machen die Opfer das überhaupt mit? Manche von ihnen ja jahrelang ...

Die Gewalt in einer Beziehung entsteht oft über Jahre, der eine Partner macht den anderen klein und kontrolliert ihn. Oft hat der oder die Betroffene keinen Zugang zum Geld. Zwei Drittel der betroffenen Frauen haben einen mittleren bis hohen Bildungsabschluss. Gerade Frauen in Führungspositionen werden häufiger Opfer von häuslicher Gewalt.

Christin Lewandowski (links) und Jana Erler wollen Betroffenen helfen und Nachbarn ermutigen, bei einem Verdacht einzuschreiten. 
Christin Lewandowski (links) und Jana Erler wollen Betroffenen helfen und Nachbarn ermutigen, bei einem Verdacht einzuschreiten.  © Marion Doering

Warum gerade sie?

Das ist schwer zu beurteilen, viele von ihnen suchen oft die Schuld bei sich, weil sie vielleicht weniger Zeit für die Familie haben als andere Frauen. Die Gründe sind sehr vielfältig. Angst, Unsicherheit, Druck durch Erpressung und Drohungen, Scham- und Schuldgefühle der Betroffenen. Bei höheren Bildungsabschlüssen auch häufig ein größeres Machtgefälle in der Beziehung. Partner können deutlich mehr Druck auf die Partnerin ausüben.

Wenn Kinder involviert sind, halten es die Opfer wahrscheinlich auch länger aus, um die „heile“ Familie aufrechtzuerhalten?

Genauso ist es.

Warum gehen die Opfer nicht zur Polizei und zeigen ihre Peiniger an?

Viele haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, oder dass sie das Sorgerecht für die Kinder verlieren. Oder dass der Partner den Kindern etwas antun könnte. Gerade bei Frauen mit Migrationshintergrund kommt die Sorge um die Bleibeperspektive und die Sprachbarriere dazu. Viele der Betroffenen wurden von klein auf dazu erzogen, sich still zu verhalten und alles zu ertragen. Vor allem in Verbindung mit dem gesellschaftlich geprägten Frauenbild.

Was wissen Sie über die Täter?

Die Täter kommen wie die Opfer aus allen gesellschaftlichen Schichten. Laut einer EU-Statistik haben 37 Prozent der Täter höchste Bildungsabschlüsse.

Warum werden sie zu Tätern?

Einige sind mit Gewalt aufgewachsen und haben sie als „normales“ Mittel in einem Konflikt kennengelernt. Viele sind mit sich und ihrem Leben unzufrieden und kompensieren das mit seelischer oder körperlicher Gewalt gegenüber dem Partner. Auch hier sind die Ursachen sehr vielschichtig. Partnergewalt steht häufig mit der Angst vor Kontrollverlust in Verbindung. Der Einsatz von physischer, sexualisierter oder psychischer Gewalt als Machtmittel dient daher vor allem dem gefühlten Rückgewinn von Kontrolle.

Wie verhalten sich die Kinder, wenn es in ihrer Familie Gewalt gibt?

Oft ziehen sich die Kinder komplett zurück, reden mit Freunden, in der Kita oder der Schule nicht mehr viel.

Ihr Projekt will die Nachbarschaftshilfe stärken. Was kann ich als Nachbar tun, wenn ich einen Verdacht habe, dass es nebenan gewalttätig zugeht?

Es gibt verschiedene Warnsignale: Wenn aus der Nachbarwohnung zum Beispiel Schreie oder Poltern oder laute Auseinandersetzungen zu hören sind. Das können Anzeichen sein, müssen es aber nicht. Wir arbeiten an den Nachbarschaftstischen zu verschiedenen Warnsignalen mit den Frauen. Physische Gewalt ist nach außen meist leichter zu erkennen.

Viele werden sich fragen: Darf ich mich einfach einmischen, auch wenn ich die Nachbarn vielleicht nicht gut kenne?

Das fragen sich viele, das stimmt. Trotzdem ist es wichtig, aktiv zu werden. Wer sich allein nicht traut, kann sich auch mit anderen Nachbarn zusammentun und gemeinsam klingeln.

Welche Hilfe bieten Sie noch an?

Wir bieten auch offene Treffs für Betroffene an. Neben den Nachbarschaftstischen bieten wir Neustädterinnen ein Info-Frühstück jeden zweiten Dienstag im Monat und eine Sprechzeit jeden Mittwoch.

Das Gespräch führte Julia Vollmer.

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