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Freital

Warum haben Kinder Sprachprobleme?

Der Bedarf an Logopädie steigt. Der Grund dafür ist auch unser Lebensstil, sagt die Freitaler Expertin Liane Fröbel.

2006 eröffnete Liane Fröbel ihre erste Praxis für Logopädie in Freital. Heute ist die 62-Jährige mit zehn Mitarbeitern an drei Standorten aktiv – und stets gefragt.
2006 eröffnete Liane Fröbel ihre erste Praxis für Logopädie in Freital. Heute ist die 62-Jährige mit zehn Mitarbeitern an drei Standorten aktiv – und stets gefragt. © Andreas Weihs

Diese Zahlen regen zum Nachdenken an: 34,5 Prozent der Kinder zwischen fünf und sieben Jahren sind nicht altersgemäß entwickelt. Das geht aus dem jüngsten Heilmittelbericht des wissenschaftlichen Instituts der AOK hervor. Sachsen ist dem Bericht zufolge das Bundesland mit der höchsten Patientendichte bei den unter 14-Jährigen. Mit 15,6 Prozent übersteigt der Freistaat den Bundesdurchschnitt von 11,4 Prozent deutlich. Die Logopädin Liane Fröbel betreibt drei Praxen in Freital. Die SZ hat sie zu den Gründen befragt.

Frau Fröbel, angenommen, es handelt sich um ein vierjähriges Kind, das noch nicht richtig flüssig und auch noch nicht deutlich spricht. Müssen sich dessen Eltern Sorgen machen?

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Das kommt ganz darauf an. Bis Viereinhalb sollten alle Laute normgerecht erworben sein, inklusive der Lautverbindungen. Eine korrekte Artikulation von „s“ und „sch“ wird oft etwas später erworben, sollte aber bis spätestens fünf Jahre auch abgeschlossen sein. Wichtig für die gesunde Sprachentwicklung sind ebenfalls Wortschatz und Grammatik, da Kinder schnell merken, wenn sie ,,anders“ als ihre Altersgenossen sprechen. Es kann sich dadurch ein Störungsbewusstsein beim Kind entwickeln, welches dann erst recht eine Sprachentwicklungsbehinderung befördert. Dies wäre für das Kind und für dessen Vorläuferfähigkeiten für die Schule fatal.

Wer nimmt darüber hinaus noch logopädische Hilfe in Anspruch?

Erwachsene. Das betrifft vor allem die neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Schlaganfälle, Hirntumore, Demenzen und andere. Darüber hinaus sind die Sprechberufe wie Lehrer, Erzieher, Call-Center-Mitarbeiter betroffen. Eine gesunde Stimme kann vier Stunden am Stück sprechen. Aber jeder Lehrer spricht länger und mitunter auch laut. Sie können aufgrund eines falschen Stimmgebrauchs Heiserkeit und Schmerzen entwickeln und bekommen dann Logopädie. Es gibt zudem immer mehr ältere Menschen und damit auch immer mehr, die mit Krankheiten behaftet sind. Solche Menschen beispielsweise kommen nach ihrem Klinikaufenthalt nach Hause und brauchen logopädische Unterstützung. Uns bereitet es große Sorgen, dass diese Hauspatienten nicht mehr ausreichend versorgt werden.

Warum das?

Weil Logopäden für einen Hausbesuch nur rund acht Euro bekommen – wohlgemerkt ab diesem Jahr. Zuvor waren es nur sechs Euro. Trotzdem ist es noch zu wenig. Dies zeitlich trotz vieler Patienten in der Praxis noch zu schaffen, ist für viele Therapeuten fast unmöglich. Unter dem Strich bleibt der Mensch auf der Strecke. Hier ist die Politik weiter gefragt. Hinzu kommen Nachwuchsprobleme.

Diese Sorgen haben mittlerweile viele Berufszweige …

In der Logopädie ist es dennoch etwas anderes. Die jungen Leute müssen ihre dreijährige Ausbildung selbst bezahlen. Sie erhalten keine Ausbildungsvergütung. Warum sollten sie einen Beruf ergreifen, bei dem sie noch etwas mitbringen müssen, um es zu erlernen? Dabei ist es ein wirklich toller und abwechslungsreicher Beruf und die Ausbildung zum Logopäden sehr anspruchsvoll, da auch wichtige anatomische Kenntnisse erlangt werden müssen.

Steigt dieser Bedarf an logopädischen Therapien auch bei Kindern?

Ja, der Lebensstil hat sich sehr verändert. Kinder bewegen sich weniger und konsumieren dafür mehr Medien, unabhängig vom Bildungsstand. Im Umkehrschluss sind aber die Anforderungen an die Kinder gestiegen. Vor 30 Jahren gab es noch viele Betriebe, in denen man auch mit nicht so super Zeugnissen eine gute und anerkannte Arbeit leisten konnte, heute müssen die Kinder schon die Grundlagen für viele hochkomplexe Berufsbilder erhalten. Die Sprache ist der Schlüssel dafür. Eltern können unglaublich viel dafür tun.

… machen es aber manchmal nicht?

Das auch. Hinzu kommt, dass Eltern, die viel um die Ohren haben, auch mal zur Ruhe kommen wollen. Das ist oftmals gar nicht böse gemeint. Manchmal macht es auch unser sächsischer Dialekt Kindern schwer, Sprache korrekt zu erwerben. Da ist die Rede von „ä Stuhl, ä Spieschel“ oder anstatt „Das liegt auf dem Tisch“, wird gesagt „das is offn Disch“. Dann gibt es Kinder, die werden früh an die Schnuller gewöhnt oder kommen mit vier Jahren noch nicht vom Schnuller weg. Damit erhalten sie ein ganz falsches Schluckmuster, welches Einfluss auf den Spracherwerb nimmt und die Zahnstellung und den Kiefer negativ verändert. Ein Drittel der Kinder, die wir betreuen, sind in der Schlucktherapie. Das gab es früher in dem Umfang nicht.

Vielleicht wollen wir auch zu perfekte Kinder. Sind die Anforderungen nicht manchmal auch etwas überzogen?

Der Anspruch ist viel höher geworden, das stimmt. Das liegt aber auch daran, dass die Anforderungen in den Schulen steigen. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder schon beim Schuleintritt die erforderlichen Basiskompetenzen haben, um mithalten zu können. Wenn beispielsweise Kindern die Worte fehlen, wie sollen sie sich äußern können, wie sollen sie dann wirken können? Grundlagen im Spracherwerb wachsen sich in der Regel nur aus, wenn Eltern konsequent ran gehen und wissen, was sie tun müssen. Es ist doch generell so, dass man viele Talente und Grundlagen fördern kann, wenn sich gekümmert wird. Unsere Arbeit ist ein Teil davon, darauf sind wir stolz. Wenn unsere Patienten Hilfe benötigen, versuchen wir schnellstmöglich einen Therapieplatz zu ermöglichen. Trotz dessen, dass wir eine sehr große Praxis mit zehn Logopäden an drei Standorten in Freital sind, haben wir eine lange Warteliste. Ganz dringende Fälle werden jedoch schnellstmöglich versorgt. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unglaublich engagiert und allen geht es auch immer nur um die Patienten. Dafür bin ich ihnen dankbar.

Woran merken Eltern, dass bei ihren Kindern Nachholbedarf besteht?

Wir bauen in erster Linie auf die Erzieher, die sprachlich gut ausgebildet sind. Dann gibt es die regelmäßigen Untersuchungen beim Kinderarzt, bei denen Nachholbedarf festgestellt wird. Manchmal stellen aber auch Eltern fest, dass bei dem ersten Kind etwas anders gelaufen ist als beim Zweiten.

Was können Eltern selbst für die Sprachentwicklung ihrer Kinder tun?

Ganz klassisch: den Kindern Vorlesen, bereits wenn sie noch ganz klein sind. Gedichte aufsagen, kann unterstützend wirken. Subjekte mit bestimmten Artikeln benennen, wie das ist „der Tisch“ und so weiter. Das ist wichtig für den Spracherwerb und das Verständnis für Sprache. Eltern sollten ihre Kinder anschauen beim Reden und ihren Kindern zuhören.

Das Gespräch führte Verena Schulenburg.

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