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Warum hinkt Bautzen beim Lohn hinterher?

Im Kreis fehlt vor allem Industrie, sagt Experte Robert Lehmann. Er sieht die Region vor großen Herausforderungen.

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Herr Lehmann, kaum irgendwo anders in Sachsen werden so niedrige Löhne gezahlt, wie im Landkreis Bautzen. Ist die Arbeit der Menschen weniger wert?

Auf gar keinen Fall. Die Arbeit der Menschen ist dort nicht weniger wert. Die Ursachen für die niedrigen Löhne liegen stattdessen in den schwachen wirtschaftlichen Strukturen und der Bevölkerungsentwicklung in der Region begründet.

Eine Behauptung, die sich mit Blick auf die wirtschaftlich starken Zentren um Bautzen, Kamenz und Radeberg nicht gleich nachvollziehen lässt.

Es gibt Ecken im Landkreis, die gut da stehen. Es gibt aber innerhalb des Kreises noch einmal Unterschiede, bedingt durch den hohen Anteil der Landwirtschaft. In der Summe ist die Industrie, welche am meisten Wachstum generiert, im Landkreis im Vergleich zu anderen Teilen des Freistaats doch deutlich geringer vertreten.

Wo genau liegt dabei das Problem?

Die Industrie ist die Branche, die den meisten Wert an Gütern ins Ausland transferiert. An der Industrie hängen nachgelagert auch gut bezahlte Jobs im Management, im Finanz- und Versicherungswesen sowie in anderen, höherwertigen Dienstleistungsbereichen dran. Zudem fehlen in der Region größere Standorte in der Forschung.

Das gibt es so auch nicht im Kreis Görlitz. Trotzdem haben die Menschen dort laut Statistik mehr Geld in der Tasche.

Warum ist schwierig zu sagen. Die wirtschaftlichen und demografischen Perspektiven für den Kreis Görlitz sind tatsächlich noch schlechter als für Bautzen. Möglicherweise spielt die Braunkohle im Norden des Kreises Görlitz eine Rolle. Im Energiesektor werden hohe Pro-Kopf-Löhne gezahlt, was sich auch in der Statistik niederschlägt.

Alarmierend ist auch der Blick auf die Lohnsteigerungen in den vergangenen zehn Jahren. Dort hängt der Landkreis Bautzen ebenfalls hinten dran. Verpasst die Oberlausitz gerade den Anschluss?

Diese Tendenzen sehen wir gegenwärtig noch nicht. Man muss aber auch deutlich sagen: Die Region hat große Probleme, die sie bewältigen muss. Schafft man es nicht, Fachkräfte in der Region zu halten, sie besser zu qualifizieren oder neue Menschen von außerhalb anzulocken, dann wird die Schere innerhalb der Landkreise künftig noch sehr viel weiter auseinandergehen.

Das Thema Mindestlohn steht derzeit ganz oben auf der Agenda. Wäre das ein geeignetes Instrument, um das Ruder in Ostsachsen herumzureißen?

In einzelnen Branchen macht der Mindestlohn vielleicht Sinn. Insgesamt halten wir ihn aber für keine tragbare Lösung, weil er viele Arbeitsplätze kosten würde. Viele der mittelständischen Firmen im Landkreis Bautzen könnten die höheren Löhne nicht stemmen, weil sie viel zu klein sind.

Was hilft stattdessen?

Fakt ist, einfach ein paar Straßen bauen und warten, bis die großen Firmen von alleine kommen, funktioniert so nicht. Man muss versuchen, Ostsachsen für junge Fachkräfte attraktiv zu machen. Wenn Firmen für sie interessante Lösungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie präsentieren, wären die Leute sicher auch bereit, Abschläge beim Lohn hinzunehmen.

Auf ein Wort

Gespräch: Sebastian Kositz

Robert Lehmann ist wiss. Mitarbeiter am Ifo-Institut in Dresden im Bereich Konjunktur und Wachstum.