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Warum Hippie-Horst Yoga übt

Studenten der Hochschule Mittweida sollen mit einem Film den Wohnungsgenossenschaften einen neuen Anstrich verpassen.

Von Jens Hoyer

Hippie-Horst steht auf dem Wäscheplan und übt sich etwas wacklig in Yoga. Die hübsche junge May zeigt ihm, wie man sich richtig verrenkt. Um die beiden wuseln etliche junge Leute. Sie halten Mikrofon und Aufheller. Einer bedient die Kamera, die an einem Ausleger hängt. Aber wie es ist beim Film: Der Schein ist nicht das Sein. Der Wind bläst kalt und Hippie-Horst fröstelt. Er heißt auch nicht Horst, sondern Peter. Hans-Peter Schlag, um ganz genau zu sein. Im wirklichen Leben trägt er auch keine roten Westen, flippige Hemden und schlabbrige Leinenhosen. Hippie ist er nicht und Yoga macht er nicht. „Ich bin Kleingärtner“, sagt er.

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Hans-Peter Schlag hat sich weichklopfen lassen, beim Film mitzumachen. „Das ist mal eine Abwechslung für einen Rentner.“ Seit 1972 wohnt der knapp 70-Jährige in Döbeln Ost II in einer Wohnung der Genossenschaft Fortschritt. Und aus diesem Grund steht er auch einbeinig auf der Wiese. Etwa 20 Studenten drehen einen Imagefilm. Nicht nur für die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt, sondern für alle Genossenschaften in Sachsen.

229 Wohnungsgenossenschaften gehören zum Landesverband. Und viele haben das gleiche Problem: Das Durchschnittsalter der Mitglieder ist hoch. In ganz Sachsen liegt es bei 60,3 Jahren, sagte Vivien Jakob, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim sächsischen Verband der Wohnungsgenossenschaften. In Döbeln bei der WG Fortschritt ist der Altersdurchschnitt sogar noch ein Jahr höher. Der Verband will den Genossenschaften jetzt einen neuen Anstrich verpassen lassen. Einen, der auch jüngeren Leuten gefällt.

Die Wohnungsgenossenschaften haben ein Image, das nicht besonders anziehend auf junge Leute wirkt; altmodisch und verstaubt, sagt Vivien Jakob. Zu unrecht, wie sie findet. Gut, da ist der Genossenschaftsanteil, den jeder Mieter erwerben muss. Aber das ist auch nichts anderes als die Kaution, die bei anderen Anbietern zu stellen ist. Die Genossenschaften wollen sich nach außen als modern darstellen. Und als sicher. Durch die Finanzmarktkrise sei man stabil durchgekommen, so Jakob.

Die Akteure, die den Genossenschaften den neuen Anstrich verpassen, kommen von der Hochschule Mittweida. Die meisten der Studenten studieren im fünften Semester Medientechnik und Medienmanagement. Der Imagefilm ist nur ein Teil der Kampagne, die von den Studenten für den Genossenschaftsverband entwickelt wurde. Zwei Tage dauern die Dreharbeiten für den Film, der dann vor allem übers Internet verbreitet werden soll. Drei Monate Vorbereitung, einen Monat Nachbereitung. Das gewollte Ergebnis sind 30 bis 40 Sekunden Film, auf die Zielgruppe von 18 bis 30 Jahren zugeschnitten. Auf junge Familien, Studenten, Azubis. Der Gemeinschaftsgedanke spielt dabei die zentrale Rolle. Jeder hilft jedem, so unterschiedlich man auch ist. Eine Gothic-Dame holt dem kleinen Jungen seinen Ball aus dem Baum. Der Rapper hilft der schwangeren Frau, die Oma bringt einen Kuchen zur lautstarken Geburtstagsparty, statt zu meckern. „Die Leitidee ist: Manchmal brauchst du ein Wir“, sagte Student Maximilian Embert.

Das „Wir“ ist in der Döbelner Wohnungsgenossenschaft Fortschritt mit ihren Freizeitgruppen schon ziemlich ausgeprägt. Deshalb hatte der Genossenschaftsverband in Döbeln nachgefragt. Gedreht wurde auf den Außenanlagen und auch in zwei Wohnungen. Fünf der Darsteller sind Mitglieder bei der WG Fortschritt. Die anderen haben die Studenten mitgebracht.