Merken
PLUS Plus Feuilleton

Warum ich Dresden trotz allem liebe

Der Musiker Eze Wendtoin hat einen Dresden-Hit gelandet, jetzt macht er Comedy. 

Von Johanna Lemke
 7 Min.
2015 kam Ezé Wendtoin als Student nach Dresden. Über die Musik fand er Anschluss, und so wurde die Stadt zu seiner zweiten Heimat. Der ersten, Burkina Faso, ist er noch immer verbunden – jetzt will er dort eine Schule bauen.
2015 kam Ezé Wendtoin als Student nach Dresden. Über die Musik fand er Anschluss, und so wurde die Stadt zu seiner zweiten Heimat. Der ersten, Burkina Faso, ist er noch immer verbunden – jetzt will er dort eine Schule bauen. © André Wirsig

Vielleicht ist Dresden seine Glücksstadt. Vielleicht kommt es aber auch immer darauf an, wie man die Dinge angeht, und vielleicht hätte Ezé Wendtoin jede Stadt zu seiner Glücksstadt gemacht.

Als Germanistikstudent kam Ezé Wendtoin nach Sachsen, als Musiker ist er nun stadtbekannt. Dafür brauchte der junge Mann vier Jahre. So lange lebt er nun in Dresden. Seine Promotion steht in den Startlöchern, er muss nur noch das Konzept fertigschreiben. Dass er dazu nicht unbedingt kommt, ist kein Wunder bei dem, was alles in seinem Leben los ist.

Anzeige
Tierische Strategien gegen Kälte
Tierische Strategien gegen Kälte

Warum frieren Enten nicht an den Füßen? Wieso zittern manche Tiere im Winter, während andere wochenlang schlafen? Zoo-Biologe Thomas Brockmann erklärt es.

„Tobe, zürne, misch dich ein, sage Nein!“, sang im April Ezé Wendtoin in einem Video, das innerhalb weniger Tage durchs Land ging. Es war der 25 Jahre alte Konstantin-Wecker-Song, den der nur zwei Jahre ältere Musiker da interpretierte. Für das Video hatte er Menschen unterschiedlicher Kulturen und vor allem viele deutsche Prominente gefunden, die ihre Lippen zum Text bewegten. Ein Gemeinschaftssong für Toleranz. Die Musik dazu im typischen Ezé Wendtoin-Stil, irgendwo zwischen Punk, Ska und Funk. Hunderttausende klickten das Lied auf Youtube und Facebook. Ein viraler Hit.

Über das N-Wort lachen

Spätestens seit „Sage Nein“ ist Ezé Wendtoin auch über Dresdens Grenzen hinaus bekannt. Deutschlandfunk machte einen Beitrag über ihn, das ZDF, die Deutsche Welle. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über sein neues Album, das er zwischendurch auch noch aufgenommen hat. Die Studioaufnahmen machten sie in seiner Heimat Burkina Faso, verfeinert wurden die Songs in Deutschland. Im Anschluss war er sechs Wochen lang mit seiner Band – Kumpels aus Afrika – auf Tour. Außerdem spielt Ezé Wendtoin in der Dresdner Band Banda Comunale mit, und demnächst wirkt er bei einer Theaterproduktion im Staatsschauspiel Dresden mit. Noch was? Ach ja: Es kommt noch sein eigenes Comedy-Programm.

„Lach mal, Mensch“ hat am 29. August Premiere im Comedy und Theater Club in Dresden. Lachen die Sachsen zu wenig, Ezé Wendtoin? „Es ist kein sachsenbezogenes Programm“, antwortet er, es gehe generell darum, lockerer zu werden. Denn ja, das stelle er schon fest hier in Deutschland, „dass es manchen schwerfällt, einfach mal mit anderen loszureden.“ Das will er aufzeigen in seinem Programm mit Musik und Geschichten vom Ankommen und Dableiben in Deutschland.

Das klingt zunächst unterhaltsam, kurzweilig. Aber wenn man es sich genau überlegt, könnte es sich um die Ezé Wendtoin-Methode handeln. Zunächst einmal wirkt das, was er tut, nämlich oft etwas harmlos. Auch naiv ist ein Adjektiv, das bemüht wurde, wenn man ihn beschrieb. Es ist symptomatisch, dass in der Berichterstattung über ihn gern nur sein Vorname genannt wird: Ezé. Das ist nicht böse gemeint, aber es nimmt Ezekiel Wendtoin Nikiema, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, eben auch eine gewisse Vollständigkeit. Und das wird ihm nicht gerecht.

Denn hört man ihm zu, wie er in seinem weichen Deutsch mit dem rollenden R und der bis auf den letzten Buchstaben betonten Präzision, dann versteht man: Es steckt immer ein bisschen mehr dahinter, als man im ersten Moment denkt.

Wie bei dem Dresden-Lied.

Er war Ezé Wendtoins Durchbruch, der Song „Dresden Daheeme“. Er singt darin über seine „neue Heimat Dresden“, über „tolle Freunde“, die Frauenkirche und das Café Toskana. Er singt „Ich trinke in der Tram ein Bier, aber niemals vor vier“ oder „Auch als Ausländer bin ich pünktlich“. Ja, es geht auch um Vorurteile und Ablehnung. Doch dann der Refrain: „Trotzdem liebe ich euch alle und fürchte mich nicht – Dresden, nu nu, ich liebe dich“. Dazu seichte Gitarren- und Mundharmonikaharmonien. Ohrwurmpotenzial.

Einer, der mit Akzent eine Ode an Dresden singt, das tat der geschundenen Sachsen-Seele gut, damals, vor zwei Jahren. Endlich durften sie wieder ein patriotisches Lied singen in dieser Stadt, die durch Patrioten in Verruf gekommen war.

Was viele nicht wissen: Das Lied entstand aus einer tiefen, traurigen Wut.

Ezé Wendtoin wird häufig konfrontiert mit Rassismus. „Mikroagressionen“ nennt er diesen im perfekten Soziologensprech, und wieder ist es ein Umschreiben. Was er meint: den gezückten Mittelfinger. Blicke. Auch: „Das N-Wort, das ich hasse.“ All das erlebte der junge Masterstudent regelmäßig. Und es setzte sich fest.

Was macht das mit einem, der aus Liebe zur deutschen Sprache nach Dresden kam, aus Neugier auf das Land, Interesse an den Menschen? „Wenn man irgendwo lebt und ein Stück der Gesellschaft werden möchte, dann ist Ablehnung ein Schlag ins Gesicht.“ Die Kränkungen ließen ihn nicht los. Abends in seinem Zimmer habe er sie verarbeitet, sagt Wendtoin. Seine Methode war die Musik. „Der Rohtext von ‚Dresden Daheeme’ war voller Wut und Enttäuschung. Doch das wäre keine Lösung gewesen“, sagt er. Und: „Man muss die Menschen mit Liebe ansprechen.“ So sang er eben: „Dresden, ich liebe dich.“

Das war eine Provokation, etwas Unerhörtes: Ein Afrikaner, der in Dresden Opfer von Rassismus wird, schreibt eine Ode auf die Stadt. „Es ist kaum zu glauben, dass einer wie ich sagt: Ich bin hier zu Hause. Ich gehöre dazu. Das wollen viele nicht hören.“

„Dresden Daheeme“ ist die größtmögliche Umkehr des Hasses, den er erfuhr. Und zugleich ein großes Dankeschön an alle, die ihn willkommen hießen und die Stadt wirklich zu seiner Heimat werden ließen. Mit dem Lied eignet er sich die Stadt an, macht sich zum Teil von ihr. Er spielt mit den Zuschreibungen und bricht sie, wenn er eine Szene beschreibt, in der er „Neger“ genannt wird – in dem Lied spricht er das N-Wort aus – und darüber nur lacht.

Ja, die Sache mit dem Lachen. In der Ankündigung zu seinem Comedy-Abend schreibt das veranstaltende Theater von dem „fröhlichen Musiker“. Er denke viel über solche Zuschreibungen nach, sagt Ezé Wendtoin. Klischees, die man über Afrikaner kennt: fröhlich, temperamentvoll, musikalisch. Es sind Bezeichnungen, die das Individuum dahinter ausklammern. Aber er sagt auch: „Ich werde wahrgenommen als ein Mensch, der viel lacht und ausstrahlt. So bin ich eben. Ich kann jetzt nicht sagen: Ich lache nicht mehr.“ Sagt er und: lacht, natürlich.

Einen Effekt hat seine offene, strahlende Art: Er kann Menschen für sich gewinnen. Konstantin Wecker und andere Prominente für das „Sag Nein“-Video. Fans, die sein Album und die Konzertkarten kaufen. Unterstützer, die ihm helfen, eine Schule in Burkina Faso zu bauen. Ja, auch das macht Ezé Wendtoin: Er hilft bei einer Schulgründung. Der Verein Atticus e.V. ist mit an Bord, und gerade wurde die Stadt Dresden als Partner gewonnen. „Der von uns gesammelte Betrag von 10 000 Euro wird vom Oberbürgermeister verdoppelt“, erzählt Ezé Wendtoin nicht ohne Stolz. Bald ist Baubeginn.

Ein Glück für Dresden

Natürlich liebt Ezé Wendtoin Dresden. Aber da ist eben auch das Band in die „erste“ Heimat. Dort, wo er das erste Mal die deutsche Sprache hörte, sich in Goethes Verse verliebte. Wo er begann, nach deutschen Rappern zu googeln. Sido und Bushido waren die ersten deutschen Texte, die er „sang“. Er entdeckte die „Mathematik in der deutschen Sprache“, hatte Spaß an den Regeln. „Das ist, als würde man ein Instrument lernen“, sagt Ezé Wendtoin, „am Anfang ist es schwer, und wenn es irgendwann klappt, macht es glücklich.“

Seinen Liedern merkt man an, dass er mehr mit dem Klang der Sprache spielt als andere deutschsprachige Musiker. Auch das sei ein Rückgriff auf seine Muttersprache, die Mooré. Er zitiert ein Sprichwort: „Pass auf deine Zunge auf, die aus Fleisch ist, weil sie deinen Kopf aus Knochen schneiden kann“ Wer in Burkina Faso Sprache beherrsche, sei der Weisheit näher gekommen, sagt Ezé Wendtoin. „Mir macht es Spaß, das aufs Deutsche zu übertragen: Ich benutze Redewendungen und erzähle damit eine Geschichte.“

In seinem Lied „Lach mal, Mensch“, dem Titelsong für seine Comedy-Show, singt Ezé Wendtoin: „Warum sagst du, dass du bangst? Wovor hast du denn Angst? Ich find, es ist der Hammer, wenn du tanzt und du dazu lachen kannst!“ Ein schnelles Lied, treibend, tanzbar, und ja: fröhlich. Aber eben auch mit einem deutlichen Seitenhieb in Richtung der steifen Deutschen, die ungern ihr Tanzbein schwingen und denen es oft schwerfällt, einfach mal so drauflos zu quatschen.

Und so ist vielleicht nicht nur Dresden die Glücksstadt von Ezé Wendtoin. Vielleicht ist Ezé Wendtoin auch ein großes Glück für Dresden – und darüber hinaus.

„Lach mal, Mensch“: Premiere am 29. August im Comedy und Theater Club Dresden, nächste Vorstellung am 6. November. Kartentel. 0351 4644877

Mehr zum Thema Feuilleton