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Feuilleton

Warum Katie Melua gerne auf Deutsch singt

Die Sängerin aus Georgien kommt nach Dresden. Im Interview spricht sie über Politik, Peter Maffay und die bedrohte Umwelt.

Popstar Katie Melua war jetzt auf Stippvisite in Dresden und kommt im Sommer für ein Open-Air-Konzert wieder in die Stadt.
Popstar Katie Melua war jetzt auf Stippvisite in Dresden und kommt im Sommer für ein Open-Air-Konzert wieder in die Stadt. © Stephan Floß

Katie Melua ist schon zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit da. Klein und zierlich und gut gelaunt. Als wir die Dachterrasse des Hotels an der Dresdner Frauenkirche betreten, zückt sie begeistert ihr Handy und knipst. „Was für ein toller Blick auf diese Kuppel!“ Ein Moment für die Dresden Marketing Gesellschaft. 

Katie Melua plaudert gleich weiter. Wie schön es ist, mal ein bisschen Zeit zu haben in einer Stadt, „das ist Luxus, das kenne ich sonst gar nicht.“ Aus einer kleinen, leicht zerknautschten Papiertüte holt sie noch schnell das Make-up hervor und pudert ihr Gesicht ein wenig nach. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen ...

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Im Moment kann man gar nicht anders, als nach dem Brexit zu fragen.

Oh ja, alle reden darüber! Beim Brexit kommt es mir zum ersten Mal so vor, als ob die Leute wirklich leidenschaftlich geworden sind. Bei mir ist das ein wenig seltsam: Ich habe, bis ich neun war, in Georgien gelebt. Und ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich dort als Kind in der Schlange gewartet habe, um Brot mit einem Coupon zu kaufen. Es gab nichts anderes in den Läden, nichts. Nur Brot. Und ich hatte solche Angst, zerquetscht zu werden, so dicht drängten sich die Leute! Manchmal fiel die Schule aus, weil man sie nicht heizen konnte. An dieses Level politischen Wahnsinns erinnere ich mich. Deshalb hab ich mich in Großbritannien nicht so sehr mit Politik befasst, die politischen Probleme dort kamen mir immer wie Finetuning vor. Die Leute fangen an, über den Brexit zu lachen. Es gibt diesen Ausdruck „Brexiteering“, das ist, wenn man sagt, dass man sich von einer Party verabschiedet, sich dann aber die ganze Zeit noch vorm Kühlschrank rumdrückt.

Werden es Briten in der Popszene künftig wegen des Brexits schwerer haben?

Ich hoffe nicht. Ich glaube, dass, egal was auf der politischen Ebene abgeht, die Menschen sehr eng beieinander sind. So war es doch auch zwischen Georgien und Russland. Und da standen sich die Länder offiziell feindselig gegenüber, aber im Privaten haben sich die Leute gut verstanden. Solange es genügend zu essen gibt und niemand umgebracht wird, glaube ich nicht, dass die Leute wirklich davon beeinflusst werden, was auf der politischen Ebene passiert. Und die Musik- und Touring-Industrie in Europa ist sehr eng verwoben. Die Leute werden, egal welche Formulare sie künftig ausfüllen müssen, klarkommen miteinander. Es wird funktionieren.

Im Winter sind Sie bereits mit dem georgischen Gori Choir durch Deutschland getourt, mit dem Sie ihr vorletztes Album aufgenommen haben.

Ja, da hab ich vor allem Lieder vom „In Winter“-Album gesungen. Und ein paar andere Songs. Ich kann schlecht ein Konzert geben ohne „Nine Billion Bicycles“ oder „The Closest Thing To Crazy“, weil es das ist, was die Leute auf jeden Fall hören wollen. Die Sommer-Tour wird sehr anders sein. Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit. Natürlich werde ich den Chor vermissen, aber das Repertoire mit dem Chor ist ein Winter-Repertoire. Ich brauchte etwas, was ich im Winter anhören kann, was mich wärmt. Deshalb hab ich dieses Album gebraucht. Aber im Sommer ist die Stimmung anders, wir machen ein bisschen Jazz und Blues. Es wird ganz anders als die Winter-Konzerte!

Bekommen Sie die Stimmung im Publikum bei einem Konzert mit? Und können Sie spontan darauf eingehen?

Mein Instrument als Sängerin ist nicht so sehr die Stimme, mein Instrument sind die Worte. Die Spontaneität liegt eher in den Emotionen, in dem, was der Song in mir auslöst. Wenn ich „The Closest Thing To Crazy“ jetzt singe, mit 34, fühlt es sich anders an als damals, als ich 25 war. Und ich weiß, es wird sich noch mal anders anfühlen, wenn ich 60 oder 75 bin.

Wird „Nine Billion Bicycles“ dann noch dabei sein?

Ich denke ja, denn es ist ein lustiger Song. Er ist so jugendlich, so leicht, so kindlich sorglos. Manchmal habe ich Probleme mit dem Lied, weil es sich künstlerisch nicht ernsthaft genug anfühlt. Aber wenn ich auf der Bühne stehe und es singe und sehe, wie Paare plötzlich ineinander verschmelzen und sich an den Händen halten, dann kann man nicht so richtig darüber streiten. Also muss ich es weiter singen.

Sie covern erstaunlich viel. Warum?

Um gute Texte schreiben zu können, ist es wichtig, gute Songs selbst zu singen. Das ist, als würde man ein Kleid selbst anprobieren und nicht nur auf der Kleiderstange bewundern. Denn wenn du es anziehst und darin herumläufst und dich darin drehst, dann macht das ein bisschen eine andere Person aus dir. Es gibt nichts Besseres, als einen Song zu covern, um seine Qualität zu begreifen. Zum Beispiel „Bridge over troubled water“ oder „What a wonderful world“, die Qualität, das Arrangement, die Architektur dieser Lieder sind großartig! Songwriting ist sehr hypnotisch, man kann sich sehr täuschen. Woran merkt man denn, ob man etwas Außergewöhnliches geschrieben hat? Deshalb sind für mich Cover-Songs eine gute Möglichkeit, die Qualität meines eigenen Materials zu prüfen.

Vor zwei Jahren sangen Sie mit Peter Maffay bei dessen MTV-unplugged-Konzert. Wie kam es dazu, und wie fühlte es sich an, auf Deutsch zu singen?

Da ich oft in Deutschland bin, wusste ich, wer Peter Maffay ist. Aber was mich wirklich für Peter eingenommen hat, war, dass er die E-Mail an mich selbst geschrieben hatte. Und dass er alle Musiker, die mitmachen würden, genau vorstellte. Man merkte, mit wie viel Sorgfalt er die Band zusammengestellt hat. Das ist auch meine Philosophie. Deshalb habe ich zugesagt. Zuerst sollte ich „Ich wollte nie erwachsen sein“ auf Englisch singen. Aber ich hatte gerade „In Winter“ aufgenommen, mit Liedern in fünf Sprachen. Mich fasziniert, wie unterschiedlich Sprachen klingen. Und ich spreche mehr als eine Sprache, meine Oma sprach Russisch mit mir, als ich klein war. Also schlug ich vor, es auf Deutsch zu versuchen. Und es hat viel Spaß gemacht.

Sie haben „Wonderful World“ gemeinsam mit Lang Lang bei der Verleihung der Goldenen Kamera an Greta Thunberg gesungen, im Hintergrund liefen sehr eindringliche, fast kitschige Bilder.

In der Performance ging es nicht um Lang Lang und mich, es ging um Greta Thunberg und ihre Arbeit und darum, sie zu ehren. Popmusiker haben die Chance, beispielsweise mithilfe einer großen Fernsehshow, eine Botschaft zu verbreiten. Und manchmal wirkt das sehr laut und groß und übermächtig, aber diese Botschaft ist sehr, sehr wichtig. Wenn ich mich bei mir zu Hause umschaue und sehe, wie viele Sachen ich habe, wie viel wir reisen, und wie sehr wir die Umwelt damit schädigen ... Ich stehe hinter dem Anliegen der Show und finde die Auszeichnung für Greta sehr gut.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ich tendiere dazu, nicht zu politisch zu sein. Weil ich nicht das Expertenwissen habe, um bestimmte Themen tiefgründig zu diskutieren. Aber jemand wie Greta, die sich so hineingestürzt hat in die Materie, hat dann die Kraft und das Selbstbewusstsein, dafür zu streiten. Ich bin in der sehr glücklichen Situation, den Umweltschutz unterstützen zu können, einfach nur mit dem Job, den ich sowieso habe. Ich liebe die Natur! In Georgien gibt es die Berge und das Schwarze Meer und das Land, das uns ernährt. Freunde meiner Eltern hatten eine Gurkenfarm, im Sommer haben wir nur die Erdbeeren und Himbeeren und natürlich die Gurken gegessen – so schön! Jetzt lebe ich in der Metropole London, das tägliche Leben hat nichts mehr mit Natur zu tun. Die Bedrohung der Umwelt ist etwas, das uns alle angeht. Da muss man keine Expertin sein, man muss sich einfach nur die Bilder anschauen von den Eisbergen jetzt und wie sie vor 15 Jahren aussahen.

Wollen Sie irgendwann zurückgehen nach Georgien?

Im Moment nicht. Meine Eltern wollen zurückgehen, wenn mein Vater in Rente ist. Ich möchte mehr Zeit in Georgien verbringen. Die Kunstszene dort ist echt aufregend, ich habe so viel gelernt, als ich mit dem Gori Choir zusammengearbeitet habe. Ich mache meine Arbeit sehr gern, und ich denke, das kann ich im Moment besser von London aus. Aber ich bin so stolz darauf, dass Georgien sich gerade ökonomisch, touristisch und in der Kunstszene so wunderbar entwickelt. Ich bin froh, dass meine Eltern darauf bestanden haben, dass ich jeden Sommer in Georgien war. Jedes Jahr am Schwarzen Meer. Das war so schön!

Das Interview führte Katja Solbrig.


Das Dresden-Konzert: 30. Juli, „Junge Garde“; Tickets gibt es in den SZ-Treffpunkten und unter sz-ticketservice.de