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Warum leuchtet diese Zahl bei Zeithain?

Autofahrer auf der B 169 haben sie am Montagabend als Erste bemerkt. Dahinter verbirgt sich eine bundesweite Aktion.

Diese Lichtinstallation steht auf einem Feld zwischen der B 169 und dem Ehrenhain Zeithain.
Diese Lichtinstallation steht auf einem Feld zwischen der B 169 und dem Ehrenhain Zeithain. © Sebastian Schultz

Zeithain. Überraschung in der blauen Stunde. Damit hat wohl kaum ein Kraftfahrer auf der B 169 gerechnet. Auf einem Feld zwischen Zeithain und Neudorf leuchten seit Montag 17 Uhr fünf große Ziffern: die Zwei, die Drei, die Sieben, die Fünf und nochmal die Zwei. Etwa 200 Meter von der Bundesstraße entfernt ziehen sie die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Und je dunkler es wird, umso mehr.

Bereits ab Mittag war dort, wo sich im Winter kaum etwas regt, ein weißer Transporter zu sehen. Mitten auf einem Grünstreifen, der von bestellten Feldern umgeben ist. Neben dem Fahrzeug machte sich ein Mann zu schaffen. Es ist der Berliner Künstler Alexander Callsen. Nacheinander holte er fünf rund vier Meter hohe Holzrahmen aus dem Wagen und stellte sie auf. Das ist gar nicht so einfach, denn sie müssen Wind und Wetter trotzen. Nach etwa zwei Stunden war er damit fertig.

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Auf den Latten sind mehrere LED-Leuchtröhren geschraubt. Von Weitem wirken die Lichter wie die Anzeige einer Digitaluhr. Nur mit der Einschränkung, dass sich die fünfstellige Zahl nicht verändert. Dabei wird sie es sicherlich in den nächsten Jahren. Denn die leuchtende Zahl "23.752" ist die Anzahl der bisher namentlich bekannten Opfer, die im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Zeithain ums Leben kamen.

"Die Leuchtziffer 23.752 veranschaulicht die Masse der mittlerweile aufgeklärten Einzelschicksale, die sich hinter der Zahl verbergen", sagt die Zeithainer Gedenkstätten-Mitarbeiterin Nora Manukjan. Erst seit 2015 werden die Namen der Opfer auf den Friedhöfen genannt. "Mit der Installation möchten wir die Dimension der Verbrechen an Kriegsgefangenen in Zeithain sichtbar machen."

Am Montagnachmittag baute der Berliner Künstler Alexander Callsen die Holzrahmen mit der Lichtinstallation auf. Am Abend wurde sie eingeschaltet.
Am Montagnachmittag baute der Berliner Künstler Alexander Callsen die Holzrahmen mit der Lichtinstallation auf. Am Abend wurde sie eingeschaltet. © Sebastian Schultz

Dass die Lichtinstallation am Montagabend zum ersten Mal angeschaltet wurde, ist kein Zufall. Sie gehört zu einer bundesweiten Aktion am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, der 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt wurde. Das ist fast ein Vierteljahrhundert her. "Aber noch immer ist dieser Gedenktag nicht wirklich in der Bevölkerung verankert", sagt Nora Manukjan.

103 Gedenkstätten beteiligen sich an der bundesweiten Aktion. "Viele Gedenkstätten beleuchten ihre Häuser", berichtet die Ehrenhain-Sprecherin. "Aber wenn wir unsere Gebäude anstrahlen, würde das wohl niemand von Weitem sehen." Deshalb hätten sich die Mitarbeiter der Zeithainer Gedenkstätte auf die Suche nach einem Künstler gemacht und erhielten die Empfehlung, bei Alexander Callsen anzufragen.

Der Berliner hat bereits mit anderen Kunstwerken im Freien von sich reden gemacht. So stellte er 2009 eine zwölf Meter hohe Kopie des Hauses des Reisens, der ehemaligen Zentrale der DDR-Fluggesellschaft Interflug, auf eine Wiese der Hochebene in der Auvergne in Frankreich. Dazu benötigte er ein Baugerüst. 

Der Auftrag für die Zeithainer Gedenkstätte ist zwar weniger spektakulär, aber für Callsen mindestens genauso wichtig. Wenn nicht sogar mehr. "Was mir besonders an dieser Leuchtaktion gefällt ist, dass das Ehrenhain sich mal auf eine andere Art und Weise auf sich aufmerksam macht, als nur Schulklassen durchs Gelände zu führen", sagt der 53-Jährige.

Die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain befindet sich auf einem der Friedhöfe, die zum Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht in Zeithain gehörten. Auf drei weiteren Friedhöfen wurden am Montagabend mehr als 150 Kerzen entzündet. An jeder Namenstafel und jedem Einzelgrab. Am 23. April jährt sich die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers zum 75. Mal.

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