merken
PLUS

Feuilleton

Warum Mädchen nie Kruzianer werden

Mögen noch so viele Mädchen und ihre Eltern dagegen klagen: Es gibt Gründe, dass Knabenchöre unter sich bleiben.

Die Kruzianer – auch die Dresdner pflegen den unverwechselbaren Knabenchor-Klang. Sie sind kein Klein-Männerbund, sondern ein Kulturinstitut von Rang.
Die Kruzianer – auch die Dresdner pflegen den unverwechselbaren Knabenchor-Klang. Sie sind kein Klein-Männerbund, sondern ein Kulturinstitut von Rang. ©  dpa

Sie klagt sich ein – und kommt dann nicht. Ein neunjähriges Mädchen aus Berlin und deren Mutter beschäftigen seit Monaten Ensembles und Gerichte, um in reinen Knabenchören aufgenommen zu werden. Zwar ist beispielsweise ihre Klage gegen die Ablehnung des Berliner Staats- und Domchores im August gescheitert, der Leipziger Thomanerchor aber hat das Mädchen nun zum Vorsingen eingeladen. Dies sei allerdings keine grundsätzliche Entscheidung zur Zulassung von Mädchen, informierte die Stadt Leipzig als Träger der Thomaner. „Es ist die künstlerische Entscheidung des Kantors, ob das Mädchen mitsingen darf. Seine Stimme muss dem Klangbild der Thomaner entsprechen.“

Dazu wird es wohl nicht kommen. Bereits bei der Verhandlung in Berlin hatte die Mutter des Mädchens, eine Anwältin, erklärt, dass es für eine Gesangsausbildung im Chor inzwischen zu spät sei. Aber vielleicht kämen andere Mädchen und hätten Erfolg. „Das Neue braucht Mut.“

Anzeige
Küchendesigner gesucht
Küchendesigner gesucht

Wenn Sie voller Ideen stecken, wie die moderne Küche aussehen sollte, dann sind Sie beim KÜCHENZENTRUM DRESDEN genau richtig!

Natürlich: Ein Knabenchor ist in Zeiten einer angestrebten absoluten Gleichberechtigung ein Anachronismus. Und in Zeiten, wenn alles auf den Prüfstand kommt, auch Gewohnheitsrecht oder eine „gewohnheitsrechtliche Diskriminierungserlaubnis“, so die Stadt Leipzig im Thomaner-Fall, erst recht. Schließlich kommen Knabenchöre aus einer mönchischen Tradition des Mittelalters. Für Mädchen war da kein Raum in der Kirche. Die hatten laut Bibelverdikt zu schweigen. Die Satzungen der meisten Chöre sind uralt und überholt.

Und doch gibt es Gründe, warum die Jungs in manchen Ensembles unter sich bleiben sollten. Dresdens Kreuzkantor Roderich Kreile ist ein Verfechter dieser Sache. Er weiß, dass Jungs in gemischten Chören meist deutlich in der Unterzahl sind. In dem Alter, kurz vor der Pubertät, ist das Verhältnis von Jungs und Mädchen schwierig. „In reinen Knabenchören gibt es ältere Vorbilder, und es lässt sich auch durch einen gewissen behutsamen Konkurrenzdruck das Potenzial der Jungs besser fördern.“ Zu den Fakten: Warum klingen Knabenchöre anders? Warum passen meist Mädchenstimmen nicht zur Klangfarbe des Knabengesangs? Es gibt anatomische Unterschiede, die den Klangraum und die Klangfarbe einer Stimme beeinflussen wie Größe des Kehlkopfes und der Stimmlippen. Ebenso sind etwa das Lungenvolumen und die Muskelspannung wichtig.

Kreuzkantor Roderich Kreile applaudiert seinen Kruzianern zu. 
Kreuzkantor Roderich Kreile applaudiert seinen Kruzianern zu.  © Foto: Ronald Bonß

Am stärksten sind diese bei Knaben kurz vor Stimmbruch ausgebildet, weshalb die Sänger ein bis zwei Jahre davor zu Leistungsträgern profiliert werden können. Dank des größeren Kehlkopfes und der hohen Muskelspannung ist die Stimme kräftiger und obertonreicher. Deshalb sind diese Chöre so klar und monochrom in der Grundfarbe, ist ihr Gesang hoch, geschlechtslos, geradezu engelhaft. So inspirierten sie zu Hunderten Meisterkompositionen seit dem Barock. Bachs Kantaten oder Passionen sind mit diesem Klang im Ohr entstanden und mit diesem bis heute populär. Speziell zur Adventszeit ist für viele die reine Knabenmelodie das Ideal.

Mädchen hingegen klingen vor dem meist unauffälligeren Stimmbruch wegen anderer körperlicher Voraussetzungen verhaltener, weniger durchschlagend. Das könne man trainieren, meinte die Klägerin. „Ja, mit leistungssportlicher Gewalt“, erwiderten Chorleiter. Deshalb entschied das Berliner Gericht: Die Freiheit der Kunst aus Artikel 5 des Grundgesetzes wiege schwerer als das Diskriminierungsverbot aufgrund des Geschlechts aus Artikel 3.

Kreuzkantor Kreile verweigert sich keiner Öffnung. Es gibt – obwohl in Dresden leistungsstarke Mädchen- und gemischte Chöre existieren – sogar den Vorschlag, unter dem Dach des Kreuzchores einen Mädchenchor zu gründen. „Sollte der politische Wille bestehen, möge der Stadtrat nur für die entsprechende finanzielle, personelle und räumliche Ausstattung sorgen.“

Mehr zum Thema Feuilleton