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Warum musste Khaled sterben?

Der rätselhafte Tod des Asylbewerbers aus Afrika wirft viele Fragen auf.

© Foto: Christian Juppe

Von Alexander Schneider

Ein 20-jähriger Mann liegt tot vor seinem Wohnhaus. Der Asylbewerber aus Ostafrika wurde erstochen, doch die Polizei hat vor Ort keine Messerstiche erkannt. Nur eine blutende Schlüsselbeinfraktur. Fundort und Tatort sind nicht identisch. Das sind die Fakten, die von der Dresdner Staatsanwaltschaft bestätigt wurden. Sie können nur bedeuten, jemand – der Täter? – muss die Leiche nach der Tat absichtlich vor das Haus gelegt haben. Wahrscheinlich hat er dem Toten sogar etwas übergezogen. Wie sonst ist es zu erklären, dass selbst den erfahrenen Ermittlern der Dresdner Mordkommission keine Stichwunden aufgefallen sind?

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Tod eines Asylbewerbers in Dresden

Am Jorge-Gomondai-Platz liegen am Mittwochnachmittag nach einer Kundgebung Blumen im Gedenken an den ums Leben gekommenen jungen Eritreer.
Am Jorge-Gomondai-Platz liegen am Mittwochnachmittag nach einer Kundgebung Blumen im Gedenken an den ums Leben gekommenen jungen Eritreer.
Das mit Trauerflor geschmückte Foto soll den getöteten Khaled I. zeigen.
Das mit Trauerflor geschmückte Foto soll den getöteten Khaled I. zeigen.
Mahnwache am Gomondai-Platz für den toten 20-Jährigen.
Mahnwache am Gomondai-Platz für den toten 20-Jährigen.
Ein Polizeifahrzeug steht vor einem Plattenbau an der Johannes-Paul-Thilman-Straße im Stadtteil Dresden-Leubnitz-Neuostra.
Ein Polizeifahrzeug steht vor einem Plattenbau an der Johannes-Paul-Thilman-Straße im Stadtteil Dresden-Leubnitz-Neuostra.
Der Eritreer ist dort am Dienstag tot im Hof gefunden worden.
Der Eritreer ist dort am Dienstag tot im Hof gefunden worden.
Weiße Tulpen liegen neben einer getrockneten Blutlache an der Stelle, an der der Tote aufgefunden wurde.
Weiße Tulpen liegen neben einer getrockneten Blutlache an der Stelle, an der der Tote aufgefunden wurde.
Nachdem bekannt wurde, dass der Eritreer umgebracht worden sein soll, formierte sich eine Spontandemonstration von Asylbewerbern auf der Hauptstraße in Dresden.
Nachdem bekannt wurde, dass der Eritreer umgebracht worden sein soll, formierte sich eine Spontandemonstration von Asylbewerbern auf der Hauptstraße in Dresden.
An der Demo für den jungen Mann beteiligten rund 200 Asylbewerber und Unterstützer.
An der Demo für den jungen Mann beteiligten rund 200 Asylbewerber und Unterstützer.
Asylbewerber aus Eritrea sprachen davon, dass sie Angst haben und Hilfe brauchen. In der Stadt herrsche ein fremdendfeindliches Klima.
Asylbewerber aus Eritrea sprachen davon, dass sie Angst haben und Hilfe brauchen. In der Stadt herrsche ein fremdendfeindliches Klima.
Vor dem Albertinum, wo der Neujahrsempfang des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) stattfand, sprach Petra Köpping (SPD), Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, mit den Demonstranten.
Vor dem Albertinum, wo der Neujahrsempfang des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) stattfand, sprach Petra Köpping (SPD), Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, mit den Demonstranten.

Der Tod von Khaled I. aus Eritrea ist ein rätselhafter Fall und wirft viele Fragen auf. Am Dienstag um 7.40 Uhr haben Anwohner die Leiche im Hinterhof eines in die Jahre gekommenen Plattenbau-Komplexes in der Johannes-Paul-Thilman-Straße entdeckt. Wie lange er schon dort lag, ist ungewiss. Wahrscheinlich war es erst zu dieser Zeit ausreichend hell, sodass der leblose Körper erkannt werden konnte. Er könnte schon viele Stunden dort gelegen haben.

Warum legt jemand einen Toten vor dessen Wohnadresse? Was sagt das über die Tat aus? Was über den Täter? Ein Raubüberfall? Eine Beziehungstat nach einem handfesten Streit? Ein rassistisch motivierter Mord? Kannten sich Täter und Opfer? Hat der Täter gewusst, wo Khaled I. lebte?

Es ist anzunehmen, dass der Leichnam nicht zufällig vor das Wohnhaus gelegt wurde. Wenn sich der Tatort in größerer Entfernung zum Wohnhaus befindet, hätte sich der Täter seiner Leiche auch andernorts entledigen können – in der Elbe, im Wald, eine Klippe in der Sächsischen Schweiz. Kurz: Man brauchte ein Auto, um den Leichnam zu transportieren.

Wahrscheinlicher ist, dass Khaled I. in der Nähe seiner Wohnung umgebracht wurde. Schon wegen der kurzen Wege. Der junge Mann hatte erst seit wenigen Wochen dort gelebt, zusammen mit sieben weiteren Asylbewerbern aus Afrika in einer Vier-Raum-Wohnung. Ein Bekannter beschreibt Khaled I. als ruhigen, angenehmen Freund. „Ich habe ihn vor fünf Monaten kennengelernt, als wir noch in Schneeberg waren“, sagte der 27-jährige Lehrer, der ebenfalls Asylbewerber aus Eritrea ist.

Am Montag gegen 20 Uhr soll I. das Haus verlassen haben. Er wollte angeblich im nahen Netto-Markt einkaufen. Danach will ihn niemand mehr in der WG gesehen haben. Wurde Khaled in der Nähe erstochen, könnte die Tat also draußen oder in einer Wohnung stattgefunden haben.

Rätselhaft ist zudem, dass auf der Kleidung des Toten offensichtlich keine Löcher von Messerstichen gefunden wurden. Allerdings hatte I. eine offene, blutüberströmte Schlüsselbeinfraktur, wie gestern bekannt wurde. Die Stichverletzungen seien unter geronnenem Blut nicht sichtbar gewesen, sagte Oberstaatsanwalt Lorenz Haase. Der Täter muss den Toten also angezogen haben, nachdem er ihn erstochen hatte. So könnte man Wunden kaschieren. Hat er ihm aber auch das Schlüsselbein gebrochen? Das würde für die Kaltblütigkeit des Täters sprechen.

Sie wollen am liebsten weg

Laut Staatsanwaltschaft Dresden habe die Polizei bereits beim Fund des Toten ein Verbrechen nicht ausgeschlossen. Nach der Position der Leiche zu urteilen, sei ein Sturz plausibel. Das allein erkläre jedoch nicht den Tod. „Die Polizei veranlasste eine Obduktion und rührte die Leiche nicht mehr an, um keine Spuren zu verwischen“, so Haase. Etwa 50 bis 70 „nichtnatürliche“ Todesfälle werden von der Dresdner Mordkommission Monat für Monat bearbeitet – Suizide, Krankheiten, Unfälle, Verbrechen. Als am Mittwochmorgen in der Rechtsmedizin Stichwunden gefunden wurden, habe die Mordkommission sofort ermittelt, sagte Haase. „Uns wäre jetzt natürlich am liebsten gewesen, man hätte es sofort getan.“ Dringlich sei der Fall erst mit den entdeckten Stichen geworden.

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Khaled I. war ein Flüchtling aus Eritrea. Er wurde nur 20 Jahre alt. Er wurde erstochen.

Der Fall zeigt, dass die Mordkommission vor einer schwierigen Aufgabe steht – auch angesichts einer aufgeheizten Stimmung in Dresden. Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) besuchte gestern Khaleds Mitbewohner. „Sie haben unendliche Angst und wollen Sachsen am liebsten verlassen“, sagte sie und versprach ihnen Hilfe – Sprachkurse, Arbeit und Sicherheit. Auch Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) besuchte die Flüchtlinge und sprach ihnen ihr Mitgefühl aus.