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Warum RB Leipzig immer noch gehasst wird

Die Leipziger feiern das zehnjährige Gründungsjubiläum, nur will kaum jemand mitfeiern. Der Fanforscher Gunter A. Pilz nennt die Gründe.

Die Botschaft der Fans von Borussia Mönchengladbach beim Heimspiel vor einem Monat ist eindeutig. Die Proteste gegen RB Leipzig haben jedoch abgenommen.
Die Botschaft der Fans von Borussia Mönchengladbach beim Heimspiel vor einem Monat ist eindeutig. Die Proteste gegen RB Leipzig haben jedoch abgenommen. © dpa/Marius Becker

Der Imagefilm ist eine Minute lang, die Musik heroisch, die Botschaft eindeutig: RB Leipzig steht für Zusammenhalt, Fannähe, Nachwuchsförderung – und natürlich erfolgreichen Fußball. Die Ästhetik des Clips wirkt wie der gesamte Klub: hochprofessionell und ein bisschen zu glatt. Was der genaue Anlass war, das Video zu produzieren, ist unklar. Generell sollen Imagefilme – nomen est omen – natürlich helfen, das Image aufzupolieren.

Auch zehn Jahre nach der Vereinsgründung hat RB da ein Riesenproblem. Kein anderer Bundesligist wird derart angefeindet, bei keinem ist die Ablehnung so offensichtlich. Das jüngste Beispiel war vor einem Monat in Mönchengladbach zu beobachten, als die Fankurve auf zig Transparenten ihre Meinung artikulierte. Druckreif waren nicht alle Texte, in einem Fall wurde Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick sogar persönlich beleidigt.

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Totale Ablehnung bei den Ultras

Diese extreme und teils kriminelle Form der Ablehnung beschränkt sich für Gunter A. Pilz allerdings auf die Ultra-Szene. Die erforscht der Professor aus Hannover seit vielen Jahren. „Ultras stehen für Tradition und gegen die Kommerzialisierung im Fußball. RB ist ihnen deshalb völlig suspekt, das absolute Feindbild“, meint Pilz. Und daran, glaubt er, wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. „Wenn sich Leipzig weiter positiv entwickeln sollte, suchen sie dann eben das Haar in der Suppe. Ultras brauchen Feindbilder, das schärft den inneren Zusammenhalt.“

Dem Verein kritisch gegenüber stehen aber auch gemäßigtere Fußballanhänger. Der Kardinalvorwurf lautet: RB ist ein Retortenklub, ein künstliches Produkt. Entkräften lässt sich das nicht, es ist quasi ein Geburtsfehler, der, so erscheint es, dem Verein lebenslang anhaften wird. „Es ist schwierig, Nähe herzustellen zu einer Mannschaft, die von einem Sponsor gegründet wurde, und zu einem Verein ohne soziale und historische Wurzeln in der Region“, sagt Pilz.

Die Konkurrenz von Bayern München und Borussia Dortmund unterscheidet sich strukturell kaum von Leipzig, die großen drei im deutschen Fußball sind profitable Wirtschaftsunternehmen, der BVB sogar ein börsennotiertes, und werden auch so geführt. Doch in München wie in Dortmund saßen vor mehr als 100 Jahren Männer an einem Tisch, die gern Fußball spielen wollten, und deshalb einen Verein anmeldeten. Dieser Gründungsmythos fehlt RB. Dort hört sich das so an: Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz suchte vor zehn Jahren einen geeigneten Standort in Deutschland und dort einen Verein, um das Spielrecht abzukaufen, mit dem Ziel, sein Produkt besser bewerben zu können. Fußballromantik klingt irgendwie anders.

"Der Verein sollte seinen bisher eingeschlagenen Weg unbeirrt und konsequent weitergehe“, sagt Fanforscher Gunter A. Pilz
"Der Verein sollte seinen bisher eingeschlagenen Weg unbeirrt und konsequent weitergehe“, sagt Fanforscher Gunter A. Pilz © Emily Wabitsch/dpa

Es gibt einen weiteren Unterschied, meint Pilz: „Das Geld, das der FC Bayern jetzt für teure Transfers ausgibt, hat er vorher selbst erwirtschaftet.“ In Leipzig war erst das Geld da, dann kam der Erfolg. Das ruft Neid hervor und auch die Angst, die eigene Lieblingsmannschaft könnte durch den potenten Neuling verdrängt werden. In der Summe führt das zur Ablehnung.

In Leipzig und Umgebung ist die weitaus weniger zu spüren, dort konzentriert sich die Antipathie vor allem auf die Anhänger der Stadtrivalen 1. FC Lok und Chemie. Für Pilz ist das nicht überraschend. „Vor Ort ist die Akzeptanz größer, weil man in der Region besser mitverfolgen kann, was der Verein Positives leistet – etwa in der Jugendarbeit oder im sozialen Bereich“, argumentiert der 74-Jährige. Da ist der Klub sehr fleißig, er fördert zahlreiche Projekte, Rangnick unterstützt mit seiner Stiftung benachteiligte Kinder bei der Bildung.

Das schlechte Image klebt dennoch hartnäckig an RB. Erkannt wurde das als Problem längst. Vor vier Jahren bekam die vielköpfige Presseabteilung einen Chef, der sich nicht um Akkreditierungen und Interviewanfragen kümmert, sondern eher das Große und Ganze im Blick hat. Auffällig war etwa, dass Rangnick eine Zeit lang in vielen Talkshows und Journalistenrunden auftrat und dabei immer wieder die RB-DNA erklärte: Der Verein hat eine klare Philosophie, er schmeißt mit dem Geld nicht um sich, sondern holt und formt damit Talente, die sich auch viele andere Bundesligisten leisten könnten – das war die Kernbotschaft, die in den Köpfen haften bleiben sollte. Der Werbefeldzug um Sympathiepunkte hatte durchaus Erfolg.

Kein Vergleich zum FCB und BVB

Viele Konkurrenten und Experten loben inzwischen die Entwicklung der Rasenballer. „Außerhalb der Ultra-Szene wird die Akzeptanz deutschlandweit steigen“, prognostiziert auch Fanforscher Pilz. Erfolge wie ein Sieg im DFB-Pokalfinale könnten das beschleunigen. „Positive Schlagzeilen sorgen für ein positives Image.“ Die Antipathiebekundungen in und um die Stadien haben bereits nachgelassen, Transparente wie in Gladbach sind fast die Ausnahme. „Von immer geringer werdenden Widerständen“, schreibt RB in einer Art Selbstporträt. Das war mal anders. In Dortmund wurden RB-Fans attackiert. In Köln blockierten Anhänger den Leipziger Mannschaftsbus, in Leverkusen wurden auf ihn Farbbeutel geworfen. Und in Dresden warfen Jugendliche den Kopf eines geschlachteten Bullen im Stadion über den Zaun.

Die RB-Fans fallen dagegen kaum aus der Rolle, zählen zu den friedlichsten in der Liga – wohl auch, weil Verstöße vereinsintern hart sanktioniert werden. 51 Fanklubs gibt es inzwischen, die auch aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Osttirol kommen. Die Red-Bull-Arena, die momentan knapp 42.000 Zuschauer fasst, soll in den nächsten zweieinhalb Jahren für 50 Millionen Euro umgebaut werden und die Kapazität dann auf 48.000 steigen.

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Für einen solch jungen Verein sind das beeindruckende Zahlen, München und Dortmund können da aber ganz andere vorweisen. Sportlich ist Leipzig dem Spitzenduo schon sehr nahe gekommen, in den Punkten Fans und Merchandising-Umsätze trennen sie noch Welten. „Ich bin skeptisch, dass RB da mittelfristig gleichziehen kann. Die beiden Großen haben 100 Jahre Vorsprung und tun sehr viel, um die Leute an sich zu binden“, erklärt Pilz. Trikots und Tassen vom FCB und BVB gibt es deutschlandweit in Geschäften zu kaufen, die Klubs haben Büros im Ausland eröffnet. „Ich weiß nicht, ob RB darauf einen Schwerpunkt legen sollte. Den sehe ich eher darin, attraktiven Fußball zu spielen, den Nachwuchs zu fördern und wenig Angriffsflächen zu bieten. Kurz: Der Verein sollte seinen bisher eingeschlagenen Weg unbeirrt und konsequent weitergehen.“

Im letzten Teil: Warum es auch nach zehn Jahren unmöglich ist, Mitglied bei RB Leipzig zu werden

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