merken
PLUS Leben und Stil

Warum rechnen Krankenhäuser nicht richtig ab, Herr Professor?

Der Chef der Uniklinik Dresden über Fallpauschalen, Fehlbelegungen und die finanziellen Folgen.

© Rolf Vennenbernd/dpa

Absicht oder Unvermögen – oder nur ein großes Missverständnis? Das Thema Krankenhausabrechnungen sorgt für viel Streit und Frust. Was läuft hier schief? Die Sächsische Zeitung sprach mit Professor Michael Albrecht. Er leitet den Verband der deutschen Universitätsuniklinika und ist Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums, des zweitgrößten Krankenhauses in Sachsen.

Herr Professor Albrecht, warum stimmen so viele Krankenhausabrechnungen nicht?

Anzeige
Ferientipps für Sachsen
Ferientipps für Sachsen

Da ist sie, die schönste Zeit des Jahres - die Sommerferien! Wir haben die Freizeittipps für Familienausflüge in Sachsen und Umgebung.

Zunächst: Es wird nur ein kleiner Teil der Abrechnungen geprüft. Bundesweit sind das etwa 17 Prozent, bei uns 25 Prozent. Und davon wurde etwa jede zweite beanstandet. Was auch noch nicht bedeutet, dass die alle falsch waren. Unser Ziel ist es nicht, falsch abzurechnen.

Wer sagt denn, dass die ungeprüften Rechnungen alle richtig sind?

Die Prüfungen erfolgen nicht ins Blaue hinein. Die Kassen und der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) arbeiten mit einer Software, die mögliche Fehler herausfiltert. Das wird dann geprüft. Inzwischen ist das Raster so fein, dass immer mehr hängenbleibt. Es macht deshalb für ein Krankenhaus keinen Sinn zu tricksen.

Selbst dann wären aber noch weit über eine Million Abrechnungen nicht korrekt. Ist das Unwissen oder Absicht?

Weder noch. Wir arbeiten seit 2004 mit dem DRG-System. Es ist weltweit das komplizierteste Abrechnungssystem. Für ähnliche Behandlungen gibt es die gleiche Vergütung – die Fallpauschale. Am Anfang waren das 620 Pauschalen, inzwischen haben wir mehr 1 400. Und trotzdem lässt das System viel Interpretationsspielraum.

Was genau beanstanden die MDK-Prüfer?

Ich kann nur für unser Haus sprechen. Da geht es in zwei Dritteln aller Fälle um eine Fehlbelegung. Also um die Frage, ob der Patient zu lange oder zu kurz im Krankenhaus verweilte oder ob überhaupt ein stationärer Aufenthalt nötig war. Ein typisches Beispiel ist die Entfernung der Rachenmandeln. Natürlich kann man die ambulant durchführen. Aber wenn die Patientin noch Pflege benötigt und weder Pflegeheim, ambulante Pflege noch Angehörige sie betreuen können oder wollen, dann dürfen wir sie nicht einfach nach Hause schicken. So etwas ist im DRG-System aber nicht vorgesehen.

Und was ist mit dem übrigen Drittel der beanstandeten Rechnungen?

Das betrifft meist Kodierungen. In anderen Krankenhäusern kann dieser Prozentsatz möglicherweise größer sein.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen sich am Dresdner Uniklinikum mit den Prüfungen des MDK?

Allein im Medizin-Controlling sind es 13 Mitarbeiter. Jetzt werden wir noch mal fünf Sachbearbeiter und zwei Juristen in drei Bereichen einstellen. Viele Sachbearbeiter sind Ärzte, die wir mal ausgebildet haben, und die dann zum MDK gewechselt sind – und nun wieder zu uns kommen. Ich hätte sie lieber auf der Station als bei den Akten.

Michael Albrecht (69) ist seit 1989 Professor für Anästhesiologie.
1994 wechselte er von Heidelberg nach Dresden. An der TU wurde er zum Professor berufen, am Uniklinikum übernahm er die Leitung einer Klinik.
Von 1999 bis 2002 wirkte er als Dekan der TU D
Michael Albrecht (69) ist seit 1989 Professor für Anästhesiologie. 1994 wechselte er von Heidelberg nach Dresden. An der TU wurde er zum Professor berufen, am Uniklinikum übernahm er die Leitung einer Klinik. Von 1999 bis 2002 wirkte er als Dekan der TU D © Christian Juppe

Warum dann dieser Aufwand?

Weil es um unser Geld geht, das wir erwirtschaftet haben. Zwischen den Kassen ist inzwischen ein regelrechter Wettbewerb entbrannt, wer das meiste Geld zurückholt, und sie rüsten immer mehr personell auf. Da müssen wir gegenhalten. Dass sich der Aufwand lohnt, sehen Sie daran, dass 90 Prozent der strittigen Fälle am Ende in unserem Sinne entschieden werden. Die Quote der Rückzahlungen sinkt von Jahr zu Jahr.

Was ist mit den übrigen zehn Prozent?

Wenn es um größere Summen geht, kämpfen wir es juristisch durch. Seit 2014 sind etwa 184 Verfahren mit einem Streitwert von insgesamt 2,6 Millionen Euro an das Sozialgericht gegangen.

Wer hat Recht bekommen?

In der Zeit von 2014 bis 2018 wurden erst 54 der Verfahren abgeschlossen. Davon haben wir ungefähr 60 Prozent gewonnen. 20 Prozent der Verfahren endeten mit einem Vergleich und nur 20 gingen verloren. Das Problem: Wir gehen immer in Vorleistung, das strittige Geld wird bis zur Klärung einbehalten.

Bundesgesundheitsminister Spahn will den MDK zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts machen. Wird das das Problem lösen?

Es sorgt zumindest für mehr Fairness. Der MDK in Sachsen ist zurzeit ein Verein, der im Auftrag der Krankenkassen prüft. Ich will ihm keine Mauschelei vorwerfen. Aber als öffentliche Einrichtung könnte er unabhängig von den Kassen agieren.

Das geplante MDK-Reformgesetz soll auch die Prüfquote begrenzen. Das käme Ihnen doch entgegen – oder sollten die Prüfungen ganz abgeschafft werden?

Man könnte auch pauschal ein Prozent von den Erlösen abziehen, und der ganze Aufwand würde entfallen. Aber die Idee findet keine Unterstützung. Um es klar zu sagen: Wir haben nichts gegen Prüfungen. Deshalb ist die Begrenzung ein vernünftiger Weg. Wenn beispielsweise zehn Prozent aller Abrechnungen fehlerhaft sind, würden im folgenden Jahr nur noch zehn Prozent aller Rechnungen geprüft. Was ich an dem Entwurf mindestens genauso wichtig finde: Bei Beanstandungen dürfen die Kassen den strittigen Betrag nicht mehr einfach einbehalten. Das fördert unsere Liquidität und schränkt auch die Klageflut ein.

Jedes vierte Krankenhaus in Deutschland schreibt rote Zahlen. Verführt das nicht zur Schummelei?

Das ist heute, zumindest in Größenordnungen, gar nicht mehr möglich. Es ist alles reglementiert, das Personal hoch qualifiziert, die Software ausgefeilt. Mit Abrechnungsbetrug wird sich ein Krankenhaus, das in den Miesen steckt, nicht über Wasser halten können. Übrigens: Die Situation wird sich dieses Jahr dramatisch verschärfen. Vergangenes Jahr schrieb jedes dritte Uniklinikum rote Zahlen. Dieses Jahr wird es wahrscheinlich jedes zweite sein. Manche haben es mit zweistelligen Millionen-Defiziten zu tun.

Wie sieht es in Dresden aus?

Weiterführende Artikel

Streit um Krankenhausrechnungen

Streit um Krankenhausrechnungen

Wollen Kassen nicht zahlen, landet der Streit in Sachsen immer häufiger vor Gericht. Die Folgen spüren alle Beitragszahler.

Auch wir rechnen mit horrenden Kostensteigerungen. Einerseits wegen des Personalstärkungsgesetzes, andererseits wegen der kräftigen Tarifsteigerungen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das mit unserem gestärkten Profil auffangen können.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.

Mehr zum Thema Leben und Stil