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Sachsen

Warum Schall für die Sachsen gefährlich ist

Vorübergehender Lärm ist nervig – auf Dauer macht er krank. Für mehr Ruhe kann jeder Einzelne sorgen.

Lärm macht krank, so viel ist klar. Problematisch ist zu viel Krach aber auch im Bereich von Schulen und Kindergärten.
Lärm macht krank, so viel ist klar. Problematisch ist zu viel Krach aber auch im Bereich von Schulen und Kindergärten. © Zacharie Scheurer/dpa

Ein nächtlicher Regenschauer kann ziemlich gemütlich sein. Das gleichmäßige Prasseln wiegt viele beruhigt in den Schlaf, während ein heulender Staubsauger den Schlaf rauben kann. Warum ist das so? Beide Geräusche sind ähnlich laut, nur unser Lärmempfinden ist sehr von der Art des Geräuschs abhängig.

Auch die Klangkulisse auf der Straße empfinden die meisten als Lärm. Regelmäßige Umfragen des Umweltbundesamts zeigen: Straßenverkehr ist sogar die Lärmquelle Nummer eins. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung fühlen sich von vorbeirauschenden Autos und Lkws belästigt. Erst weit dahinter liegen Nachbarschafts- und Gewerbelärm.

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Verbindliche Grenzwerte, ab wann es zu laut wird, existieren nicht. Um das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen, gibt das sächsische Umweltministerium aber Lärmkarten heraus, die Lärmschwerpunkte im Freistaat zeigen. Dafür wird mit „Auslösewerten“ von 55 Dezibel bei Nacht und 65 Dezibel (fast so laut wie in einer Universitätsmensa) am Tag gearbeitet. 

Oberhalb dieser Werte sei mit einer verstärkten Erhöhung des Gesundheitsrisikos zu rechnen, heißt es vom Ministerium: „Eine dauerhafte Lärmbelästigung kann sich durch Stress und erhöhte gesundheitliche Störungen wie Nervosität, Konzentrationsmängel bis hin zu Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen äußern.“ Gesundheitsschädlich sind außer kurzfristig lautstarken Geräuschen im sehr hohen Schallbereich auch deutlich niedrigere Schallpegel, wenn sie über einen längeren Zeitraum penetrieren. Vor allem beim Verkehrslärm ist das gut erforscht.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb, die durchschnittliche Lärmbelastung durch den Straßenverkehr möglichst unter 54 Dezibel zu halten. Für jeden zwölften Sachsen haut das aber nicht hin – allein in den Ballungsräumen von Dresden und Leipzig ist die Lärmbelastung für 100.000 Menschen permanent höher.

Je mehr tiefer das Rot, desto mehr Menschen klagen über zu viel Lärm.
Je mehr tiefer das Rot, desto mehr Menschen klagen über zu viel Lärm. © SZ Grafik

Das höchste Lärmrisiko tragen die Menschen in Freital: Mehr als 400 Menschen sind einer ständigen Lärmbelastung von mehr als 75 Dezibel ausgesetzt – so laut wie eine Waschmaschine im Schleudergang. In Freital trifft das vor allem die Anwohner der Dresdner Straße, eine der Hauptverkehrsstraßen. 

Das Klischee der ruhigen Dorfidylle erlebt manche sächsische Gemeinde nicht mal bei Nacht. Niederwürschnitz im Erzgebirgskreis zum Beispiel, wo nicht viel mehr als 2.500 Menschen leben. Fast sechs Prozent sind einem so großen Straßenlärm ausgesetzt, dass ihnen das Umweltministerium ein erhöhtes Gesundheitsrisiko prognostiziert. Wohl kaum vermeidbar, wenn eine Bundesautobahn mitten durch die Gemeinde führt.

Steigender Verkehrslärm verursacht Herzkrankheiten, kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen befördern und soll Depressionen auslösen. Kurz gesagt, kann ein lautes Leben im Krankenhaus enden. Und selbst da bleibt die Lärmbelästigung. In der jüngsten Lärmkartierung sind in Sachsen 14 Krankenhäuser eingezeichnet, die einer „gesundheitsrelevanten“ Lärmbelastung ausgesetzt sind. Neun davon befinden sich in Chemnitz.

Schulen oft an Lärm-Punkten - ein Problem

Für Annelie Treu vom sächsischen Ableger des Umwelt- und Naturschutzbundes BUND ist das bedenklich, denn Krankenhäuser und Kurkliniken, aber auch Schulen und Kindergärten sollten möglichst frei von Lärm bleiben. Die Realität sieht anders aus. Wieder Chemnitz: Dort liegen gleich drei Schulen an einer Hauptverkehrs- oder sogar Bundesstraße und sind deshalb einer permanenten Lärmbelastung von etwa 70 Dezibel ausgesetzt. Aber noch nicht überall wurde mit einem Schallschutz nachgebessert.

Dabei sind Schüler besonders schutzbedürftig. „Kindern sollten im Hinblick auf ihren oft jetzt schon stressigen Alltag mehrere Ruhephasen angeboten werden. Prinzipiell ist es ratsam, auch ohne straffen Alltagsablauf kleine Oasen der Ruhe zu schaffen, um die psychische und damit die physische Gesundheit vorbeugend zu schonen“, sagt Annelie Treu.

Die Entscheidung über Dezibel-Vorgaben oder Schallschutzmauern muss von der Politik fallen. Doch es kann auch jeder Einzelne dabei helfen, den Lärm zu senken. Jeder Lärmbetroffene ist an einer anderen Stelle auch Lärmverursacher – vor allem beim Autofahren.

Schon vorausschauendes und möglichst niedertouriges Fahren kann für die Umwelt und für das Ohr viel bewirken. Außerdem sollte man auf unnötiges Hupen verzichten und den Motor nicht im Stand warm laufen lassen. Schon der richtige Reifendruck oder regelmäßige Kontrollen der Auspuffanlage lassen uns leiser über die Straßen rollen. Ein Elektroauto hingegen ist da nicht wirklich von Vorteil, schon ab Tempo 30 dominieren ohnehin die Reifen das Fahrgeräusch.

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