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Warum Senioren Roßwein verlassen

Die Taffels sind im hohen Alter noch einmal umgezogen. Sie sind nicht die Einzigen, die auswandern.

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Von Heike Stumpf

Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Das sagt man so schön und meint damit, dass ältere Leute in ihrer gewohnten Umgebung bleiben sollten. Doch manchmal geht das schlichtweg nicht. So war es auch bei Edith (85) und Herbert (88) Taffel. „Seit ich 1948 aus dem Krieg zurückgekehrt bin, habe ich in Roßwein gelebt“, erzählt der schlanke Rentner. Nun wohnen er und seine Ehefrau seit fast drei Jahren im ehemaligen Krankenhaus in Nossen. Dort bietet der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) eine Kombination von betreutem Wohnen in den eigenen vier Wänden und eine Pflegeeinrichtung an.

In zwei Zimmer, Küche und Bad sind die Taffels von der Straße der Einheit in Roßwein nach Nossen gezogen. Ihre Wohnung erreichen sie, ohne steigen zu müssen. In viele Gemeinschaftsräume gelangen sie bequem mit dem Fahrstuhl. So oft es geht, ist Edith Taffel mit ihrem Rollator im parkähnlichen Freigelände unterwegs. Um Pause zu machen, setzt sie sich mit ihrem Mann gern auf eine der Bänke und genießt draußen Sonnenschein oder jetzt das erste zarte Frühlingserwachen.

Herbert Taffel gibt zu, dass seine Edith noch besser zu Fuß ist als er selbst. Dafür übernehme er, wenn sie draußen spazieren geht, mal die eine oder andere Hausarbeit. Um einen Teil kümmert sich die Familie, um den anderen das Personal des Hauses. „Zuerst habe ich mich hier wie im Urlaub gefühlt“, erzählt die 85-Jährige.

Ihr kommt die Bewegungsfreiheit sehr entgegen. 20 Jahre lang hat sie in der Sportgruppe von Bärbel Petters, die sich vor ein paar Wochen erst in den sportlichen Ruhestand verabschiedet hat, mitgemacht. Selbst heute turnt sie noch manche Übung vorm Fernseher mit – ihr Mann passt vom Sessel aus auf, dass sie sich nicht zu viel zumutet oder ordentlich festhält.

„Meiner Frau ist das Einleben hier leichter gefallen als mir“, berichtet Herbert Taffel. Er war in Roßwein bis zu seiner Rente als Fleischer, anfangs im eigenen Geschäft, dann für die staatlichen Betriebe, tätig. Seine Frau hat ebenfalls im Geschäft mitgearbeitet und Verkäuferinnen ausgebildet. In Roßwein haben sich die beiden durchaus wohl gefühlt. „Nein“, bescheinigt der 88-Jährige, „wenn wir da eine Wohnung für uns gefunden hätten, wären wir nicht weggezogen. Doch irgendwann waren wir gesundheitlich so gestellt, dass es nicht anders ging.“ Sowohl an der Betreuung durch Pflegedienste als auch durch Ärzte in Roßwein hatten die Taffels überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Auch deshalb und wegen der sozialen Kontakte wären sie gern dort geblieben, wo sie Jahrzehnte mit ihrer Familie gelebt haben.

Doch inzwischen hat sich die Familie umgestellt. Sohn Roland Taffel weiß seine Eltern in guten Händen. Kann er sie wegen Schnee oder der Arbeit mal nicht besuchen, ist die Tochter vor Ort und kümmert sich. Außerdem haben Herbert und Edith Taffel in der Wohnanlage Familie Hänsel – die ebenfalls aus Roßwein kommt – kennen- und schätzen gelernt. „Der Gunter kann besser fort als wir und bringt uns manchmal eine Kleinigkeit aus der Stadt mit“, berichtet Herbert Taffel. Aber auch die Gespräche mit den Hänsels wollen er und seine Frau nicht mehr missen. Insgesamt fühlt sich Edith Taffel in der Gesellschaft ihrer Mitbewohner wohl. Sie nimmt gern die Möglichkeit wahr, in einer gemütlichen Ecke mit anderen zu würfeln, zu spielen oder zu plaudern. Dafür hat die 85-Jährige auch ein wenig mehr Zeit als zu Hause in Roßwein. Ums Mittagessen braucht sie sich nämlich nicht mehr kümmern. „Frühstück und Abendbrot machen wir aber noch allein“, erzählt Herbert Taffel, hörbar stolz auf die Portion Selbstständigkeit, die sie sich erhalten können.

Dass es eines Tages weniger wird, sie mehr als bisher auf Hilfe angewiesen sind, das ist dem früheren Handwerker durchaus bewusst. Sorgenfalten zeichnen sich deshalb trotzdem nicht auf seiner Stirn ab. „Wenn es einmal notwendig sein sollte, und einer von uns beiden mehr Pflege braucht, dann haben wir das Heim ja nebenan“, sagt der 88-Jährige. Solche Angebote hätte er sich für Roßwein ebenfalls gewünscht.