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Warum Sie diesen Film über ein DDR-Tabu sehen sollten

Bei den Filmnächten hat „Und der Zukunft zugewandt“ Deutschland-Premiere:  Hauptdarstellerin Alexandra Maria Lara und Regisseur Bernd Böhlich im Interview.

Antonia (Alexandra Maria Lara) wird nach ihrer Rückkehr Leiterin eines Kulturhauses. Auch sonst kümmert sich die DDR um sie. Doch schon bald gerät sie in Konflikte, die ihre Überzeugung als Kommunistin auf einige harte Proben stellen.
Antonia (Alexandra Maria Lara) wird nach ihrer Rückkehr Leiterin eines Kulturhauses. Auch sonst kümmert sich die DDR um sie. Doch schon bald gerät sie in Konflikte, die ihre Überzeugung als Kommunistin auf einige harte Proben stellen. © Neue Visionen Filmverleih

Am Donnerstag feiert „Und der Zukunft zugewandt“ am Dresdner Elbufer Deutschlandpremiere. Der Film behandelt ein Thema, das in der DDR offiziell verschwiegen wurde: In den Fünfzigern holte der junge Staat deutsche Kommunisten aus der Sowjetunion zurück, die Stalin jahrelang in den Gulag gesperrt hatte. Man nahm sie auf und kümmerte sich um sie, doch im Gegenzug mussten die Rückkehrer über ihre Erlebnisse schweigen. Denn dass Kommunisten nicht nur in NS-Lagern gelitten haben, sondern auch in kommunistischen – das passte nicht ins DDR-Selbstbild. Wir sprachen mit Regisseur Bernd Böhlich und seiner Hauptdarstellerin Alexandra Maria Lara darüber, wie und warum man diese Geschichte heute erzählen kann.


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Frau Lara, was wussten Sie schon vor dem Lesen des Drehbuchs vom Schicksal kommunistischer Lagerhäftlinge in der Sowjetunion?

Lara: Durch meine Familiengeschichte und die Flucht meiner Eltern aus Rumänien waren die Themen Stalinismus und Sowjetunion natürlich auch bei uns präsent. Trotzdem waren mir einige Aspekte unserer Geschichte neu. Wenn man  einmal anfängt, sich damit zu beschäftigen, lassen einen die Gedanken dazu auch nicht so schnell wieder los.

Das Thema war in der DDR tabu. Wann und wie haben Sie davon erfahren, Herr Böhlich?

Böhlich: Durch Zufall und aus Neugier. Das war noch zu DDR-Zeiten, bei Dreharbeiten 1988. Wie in der DDR üblich, mussten wir beim Einchecken an der Hotelrezeption unsere Personalausweise vorlegen. Ich las Swetlanas Geburtsort, da stand Kolyma. Sie sagte: „Ja, ich bin in Sibirien geboren, im Lager. Wenn dich das interessiert, kann ich dich gerne mal mit meiner Mutter und deren Freundinnen zusammenbringen. Allerdings schalten sie, bevor sie sich unterhalten das Radio an, damit niemand die Unterhaltung mithören kann.“ Da wurden mir zum ersten Mal die Dimensionen ihres Traumas und ihrer Angst bewusst.

Auch die Angst, noch 1988 abgehört und denunziert zu werden?

Böhlich: Das war für mich kaum zu glauben. Ich war ja weder ein großer Fan der DDR noch habe ich besonders gelitten oder wollte das Land unbedingt verlassen. Aber als ich diese offiziell verschwiegene Geschichte über das Verfolgen, Einsperren, Quälen, sogar Töten von Gesinnungsgenossen hörte – und sie ist ein wichtiger Teil der DDR-Geschichte – und die Angst der alten Damen sah, das hat schon etwas in mir in Bewegung gebracht.

Trotzdem haben Sie fast 30 Jahre gebraucht, um aus der Geschichte einen Film zu machen?

Böhlich: Ich habe an keiner anderen Idee so lange und so intensiv gearbeitet. Am Anfang gab es kaum Literatur darüber, die erschien erst nach und nach. Außerdem habe ich Zeitzeugenberichte gesammelt, mich mit Betroffenen unterhalten – und schließlich hatte ich so viel Material, dass es enorm schwierig war, daraus überhaupt irgendwie eine stimmige Geschichte mit starker Hauptfigur zu machen.

Was hat Sie am meisten an diesem Kapitel der Geschichte erstaunt, Frau Lara?

Lara: Dass Stalins Spionage-Angst auch dazu geführt hat, die eigenen Leute, also überwiegend loyale ausländische kommunistische Exilanten und Aufbauhelfer, einzusperren oder gar umzubringen. Menschen, die unschuldig waren. Und deren Existenz und Schicksal dann fast in Vergessenheit zu geraten drohte.

Der Hamburger Arzt Konrad (Robert Stadlober) ist freiwillig in der DDR und verliebt sich in Antonia. Als er von ihrem Schicksal erfährt und ihrer Pflicht, darüber zu schweigen, desillusioniert ihn das. Er geht zurück in den Westen.
Der Hamburger Arzt Konrad (Robert Stadlober) ist freiwillig in der DDR und verliebt sich in Antonia. Als er von ihrem Schicksal erfährt und ihrer Pflicht, darüber zu schweigen, desillusioniert ihn das. Er geht zurück in den Westen. © Neue Visionen Filmverleih

Erst Anfang der Fünfziger, haben sich einige junge Politiker der DDR dafür eingesetzt, dass kommunistische Gulag-Häftlinge zurückkehren durften. Wie die Frauen im Film. Warum?

Böhlich: Das hatte mehrere Gründe: weil die Frauen überzeugte und verdiente Kommunistinnen waren, weil man sie am Aufbau der DDR teilhaben lassen wollte und weil diese jungen Politiker erkannt hatten, dass vielen Gulag-Häftlingen eine große Ungerechtigkeit widerfahren war.

Entsprechend groß muss deren Dankbarkeit gewesen sein.

Böhlich: Natürlich. Stellen Sie sich das doch mal vor: Nach all den Jahren in der Hölle erlebst du völlig unerwartet ein Wunder und darfst noch zurück, in die DDR, wo man dir Wohnung und Arbeit gibt, nur um den Preis, dass du niemandem von deiner Vergangenheit erzählst. Da ist es doch nur normal, wenn man sich darauf einlässt.

Lara: Nicht bei allen. Aber die Figur Antonia Berger ist ja schon etwas Besonderes: Sie hat eine sehr kranke Tochter. Die Erleichterung über deren umfassende Betreuung und die Tatsache, dass sie endlich wieder Hoffnung hat, führt dazu, dass bei ihr sehr große Dankbarkeit vorhanden ist. Das macht wiederum verständlich, wie sie sich in dieser Situation verhält und entscheidet.

Nun war das Verbot, niemandem von seinem Leiden im Gulag zu erzählen, ja kein kleiner Preis. Warum war die Schweigeverpflichtung obligatorisch?

Böhlich: Weil ein junger betont antifaschistischen und kommunistischer Staat das natürlich nicht zugeben konnte: Nicht nur Nazis, auch Kommunisten haben Kommunisten ins Lager gesperrt.

Zumal in DDR-Speziallagern damals ja das Gleiche vorkam.

Böhlich: Richtig. Genau deswegen sagt im Film Silberstein, der Sekretär für Agitation und Propaganda: Ich verstehe euch Frauen ja, wir werden auch über eure Geschichte sprechen, aber das braucht noch Zeit, das können wir erst später tun. Noch ist unser Staat zu sehr gefährdet und das Volk zu wankelmütig ... Aber dieses Versprechen ist nie eingelöst worden.

Lara: Eben das schätze ich an der Darstellung in unserem Film besonders: Dass es Figuren wie Silberstein gibt, deren Motive man auch verstehen kann. Bei denen es nachvollziehbar wird, warum sie so handeln – ohne dass man diese Handlungen und Haltungen deshalb teilen oder gutheißen muss. Keine der Hauptfiguren wird diskriminiert, jede hat ihre Würde.

Hatten Sie an irgendeiner Stelle größere Schwierigkeiten, sich in das Schicksal von Antonia hineinzuversetzen?

Lara: Nein, ich konnte mich sehr gut in sie hineinfühlen. Ein Mensch mit einem solchen Leben, einer solchen Traurigkeit und zugleich Hoffnung in sich; ich kann ihn mit allem, was er empfindet und tut, sehr gut verstehen. Auch dass Antonia am Ende einen Schlussstrich für sich zieht, zu ihrer Mutter ins Erzgebirge zurückkehrt und sagt: Jetzt fangen wir ganz von vorne an - diese Kraft bewundere ich, wenngleich ihre Hoffnung illusorisch ist

Als Antonia denunziert wird, erzählt sie in U-Haft dem Verhör-Offizier und Ex-Buchenwaldhäftling (Peter Kurth, r.) von ihrer Zeit im Lager. Der will nicht glauben, dass auch Kommunisten andere Kommunisten eingesperrt haben.
Als Antonia denunziert wird, erzählt sie in U-Haft dem Verhör-Offizier und Ex-Buchenwaldhäftling (Peter Kurth, r.) von ihrer Zeit im Lager. Der will nicht glauben, dass auch Kommunisten andere Kommunisten eingesperrt haben. © Neue Visionen Filmverleih

Antonia wird Leiterin eines Kulturhauses. Als sie einer Kommission ein Kindertheaterstück vorführen muss und deren Leiter lospoltert, sie müsse das ändern, das sei nicht sowjetfreundlich genug und also nicht realistisch; schon da scheint etwas in ihr zu bröckeln ...

Lara: Ich glaube, da stößt sie nicht nur an eine Überzeugungsgrenze, sondern eher an eine instinktive, ganz natürliche Grenze in sich. Weil sie weiß: Was der Funktionär da behauptet und geändert haben will, das ist nicht richtig, das ist falsch. Trotzdem lässt sie sich davon nicht tiefer beirren. Sie hat immer noch Vertrauen in die grundsätzliche Richtigkeit der Sache. Sie vertraut vor allem Leo Silberstein und glaubt zu diesem Zeitpunkt noch an sein Wort, dass irgendwann die Zeit kommen wird, in der man über alles reden kann. Ebenso glaubt sie daran, dass es neben solchen Funktionären noch genug Leute gibt, die genau wie er und sie das wirklich Beste wollen.

Böhlich: Dass dieses Vertrauen derart missbraucht wurde, ist für mich das Allerschlimmste an der Geschichte.

Eine weitere Szene hat sich in mir festgehakt: Als Antonia in U-Haft dem Verhörer von ihrem Lagerleben erzählt, springt der auf, entblößt seine Beinprothese und schreit voller Wut: Sie wollen mir was von Lager erzählen? Das hier, das ist Lager!

Lara: Das ist ein wichtiger Moment: Antonia wird klar, dass ihr Verhörer damals als KZ-Häftling der Nazis in Buchenwald gewesen ist. Und dass sie jemandem wie ihm ihre Geschichte einfach nicht erzählen kann.

Haben Sie den Buchenwald-Aspekt mit in die Geschichte genommen, um zu zeigen: Das Wissen um kommunistische Opfer des Kommunismus war nicht nur für den SED-Staat ein ideologisches Problem, sondern für manche Menschen auch seelisch unerträglich?

Böhlich: Ich könnte es nicht besser beschreiben. Es ist doch völlig klar, dass jemand, der wegen seiner Überzeugung als Kommunist im KZ war, sich massiv angegriffen fühlen muss, wenn jemand aus dem Mutterland des Kommunismus kommt und ihm sagt: Ich war da auch in einem Lager und habe Ähnliches erlebt. Dem müssen ja alle Sicherungen durchbrennen!

Lara: Eben das geht Antonia danach in ihrer Zelle durch den Kopf: Dass es Menschen mit einem ähnlich grausamen Schicksal gibt. Und dass sie beide ungeheures Glück hatten, zu überleben. Sie den kommunistischen Terror, ihr Verhörer den nationalsozialistischen. Und dass die Geschichten beider Menschen ihre Gültigkeit haben.

Nur war die eine Opfergeschichte staatlich erwünscht, die andere nicht. Trotz allem bleibt Antonia ja überzeugte Kommunistin. Oder sollte man sagen: Gerade wegen ihrer Leiden im Gulag?

Lara: Diese Frage hat mich bei der Arbeit immer wieder beschäftigt. Als sie die Möglichkeit zur Flucht hat, macht sie diese, wie ich finde, wirklich eindringliche Aussage, die zeigt, dass Abhauen für sie niemals infrage käme: „Wenn ich gehen würde, dann wäre alles umsonst gewesen.“ Ihr Glaube hat sie überleben lassen.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard

Die Deutschlandpremiere am Donnerstag um 20 Uhr wird präsentiert von der Sächsischen Zeitung und saechsische.de. Wir verlosen dafür 10 x 2 Freikarten.

Interessenten schreiben bitte ab Donnerstag 14 Uhr eine Mail mit der Kennung „Zukunft“ an [email protected]

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