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Warum Jens Spahn zur Hassfigur wurde

Der Bundesgesundheitsminister wird öffentlich niedergebrüllt. Nach mehreren Vorfällen gibt es erste Konsequenzen.

Vielfach angefeindet: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
Vielfach angefeindet: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn © Christian Charisius/dpa

Von Robert Birnbaum

Die Botschaft ist eindeutig. „Wer Jens #Spahn mal zu seiner super Politik gratulieren will, der ist herzlich eingeladen, vorbeizukommen“ – gefolgt von Datum, Ort und Uhrzeit. Tweets wie dieser sind nicht schwer zu finden. Spahn ist viel unterwegs im Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Für Prediger von Hass und Verschwörungsmythen wird der Bundesgesundheitsminister zum leichten Ziel. Am Montag wird er in Bottrop niedergebrüllt.

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Bisher ist nichts Gravierendes passiert. Aber die Sorge wächst. Im CDU-Präsidium ist die Empörung jedenfalls einhellig. In Bergisch Gladbach war Spahn im Straßenwahlkampf niedergebrüllt worden. Jemand soll versucht haben, ihn anzuspucken. Handyvideos zeigen eine Frau, die erregt auf Spahn einredet. Der wendet sich resigniert ab. „Ich hab’ Corona nicht erfunden“, zitieren ihn Augenzeugen. Solche Szenen häufen sich. „Das geht so nicht“, sagt CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag im Konrad-Adenauer-Haus unter beifälligem Nicken der Parteispitzen. Im nächsten Jahr ist ständig irgendwo Wahlkampf, von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz über drei Ost-Länder und Berlin bis zur Bundestagswahl.

Man werde die Lage beobachten müssen, sagt Kramp-Karrenbauer. Sie steht als Verteidigungsministerin selbst unter starker Bewachung. Aber bisher hatte das Bundeskriminalamt Terroristen im Visier. Jetzt schaffen aufgeputschte Esoteriker, „Reichsbürger“ und Neonazis eine neue, unübersichtliche Gefahrenlage. Bilder aus dem harten US-Wahlkampf heizen die Stimmung in diesen Szenen an. Spahn wird erst später per Video zur Sitzung zugeschaltet, als das Thema schon durch ist.

Am Abend ist er im „heute-journal“ zu Gast. Der 40-Jährige wirkt konzentriert – und ratlos. Woher dieser Hass? Wer schwingt die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung zwischen Reichsflaggen? Spahn hat immer gern politische Debatten gepflegt, ja daraus sogar ein Programm gemacht. Gelegentlich war das ein Trick. „Darüber muss man debattieren“ fungierte als Abwimmelformel. Doch ausgerechnet in der Corona-Pandemie steht der Satz für die einzig angemessene Grundhaltung. Und ausgerechnet Spahn hat von Anfang an offen eingeräumt, dass er auf unsicherem Grund steht. Nur die AfD lachte über sein Bekenntnis im Bundestag, man werde einander noch einiges zu verzeihen haben. „Es gibt keine Wahrheiten“, sagt er im ZDF, nur Abwägungen aufgrund von „Tagesinformationen“. Deshalb seien Einwände völlig legitim.

Aber seine Gegner akzeptieren diese Haltung nicht. Sie glauben sich selbst im Besitz der Wahrheit. „Tja, beim Glauben ist die Diskussion ja immer schwierig“, sagt Spahn. Es klingt nach Lebenserfahrung eines Jungen aus dem katholischen Münsterland. Beeindrucken lassen will er sich nicht. „Ich find’, wir dürfen diese Bilder nicht als die Gesamtstimmung im Land nehmen“, sagt er. Das sind sie auch nicht.

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