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Feuilleton

Warum Vertrauen für uns alle so wichtig ist

Ob Paarbeziehung, Familie oder Staat – wer nicht vertraut, bleibt oft auf sich allein gestellt. Und die Ur-Erfahrung beginnt direkt nach der Geburt.

Vertrauen entsteht in der Kindheit.
Vertrauen entsteht in der Kindheit. © dpa

Von Josefine Gottwald und Ralf Günther

Ende Mai wird das europäische Parlament neu gewählt. Im September können Menschen in Sachsen und anderen Bundesländern die Abgeordneten wählen, denen sie die Geschicke ihres Landes anvertrauen. Doch eins zeigt sich auf kleiner wie großer Ebene deutlich: Das Vertrauen in die Politik ist erschüttert. Neun von zehn Bürgern sind der Überzeugung, dass Politiker ihre Versprechen nicht halten. Das besagt eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung. Schätzungen glauben, dass zwei Drittel der Wähler der aktuellen Bundesregierung nicht trauen. Die Ursachen werden oft in den Handlungen der Politiker gesucht: Sie gingen nicht mit den Menschen in Kontakt, hielten keine Wahlversprechen, so meinen viele. Die Verhandlungen um den Brexit, die mitunter Züge eines Pokerspiels annahmen und selbst erfahrene Politprofis sprachlos machten, erschütterten den Glauben an die Parlamente.

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Wir leben in einer Gesellschaft mit fundamentalen Unsicherheiten. Die früheren „absoluten Sicherheiten“ der Religion oder einer staatstragenden Ideologie gibt es nicht mehr. Jeder sorgt heutzutage selbst für seine Sicherheiten. Die Flexibilität, die im Arbeitsleben gefordert ist, vereinzelt Menschen zusätzlich. Großstädte sind Single-Hochburgen. Nicht erst seit „Sex and the City“ ist New York die Single-Hauptstadt der Welt. Leipzig hat eine Ein-Personen-Haushalts-Quote von 53 Prozent. Der Rückzug auf das Ich ist ein massenhafter Prozess, in dem soziale Bindung abhanden kommt. Bindung, welche die Grundlage von Vertrauen ist. Und umgekehrt.

Simple Techniken, die äußerst wirkungsvoll sind

Der Samen des Vertrauens keimt unmittelbar nach der Geburt. Wenn Säuglinge im Leben ankommen, ist alles neu und fremd. Die Geborgenheit des Mutterleibs wird durch etwas ersetzt, das kalt und lebensfeindlich wirkt: Nahrung muss mühsam durch Saugen erarbeitet werden, und der Körper – im Bauch der Schwangeren wunderbar leicht – kämpft nun mit der Schwerkraft. Diese Fremdheit löst Angst aus. Es ist die Aufgabe vor allem der Mutter als primärer Bindungsperson, diese Urangst, allein und von Gefahr umgeben zu sein, in Nähe und Trost aufzulösen und dem Kind zu signalisieren: „Du bist zwar nicht mehr Teil von mir, aber wenn du mich brauchst, bin ich für dich da.“

Kindheitsforscher und Entwicklungspsychologen erfanden dafür das Wort „Urvertrauen“, das sich in den ersten Lebenswochen und -monaten bildet. Es bezeichnet die Grundlage all dessen, was späteres Vertrauen ausmacht. Es ist außerdem der Anfang von Gemeinschaft: Hier bekommt der noch hilfsbedürftige, kleine Mensch das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein, das Sicherheit bietet.

Schon mit den ersten Regungen im Leben versucht der Säugling, ein soziales Wesen zu werden. Um Bindung aufzubauen, entwickelt er sein Kommunikationssystem: Er schreit, um negative Gefühle und Unwohlsein zu äußern, und gluckst vor Zufriedenheit. Bereits diese simplen Techniken sind äußerst wirkungsvoll. Hirnphysiologische Reflexe befördern die Kommunikation: So ermöglichen die Spiegelneuronen, dass Säuglinge das Lächeln ihrer Eltern nachahmen und damit ihrerseits Reaktionen ernten. Denn erst die Reaktion der Bezugspersonen ist der Beginn von Kommunikation.

Strategische Absicht ist undenkbar

Die Ausbildung von Bindung ist für die frühkindliche Entwicklung überlebenswichtig. Doch schon die erste zarte Kontaktaufnahme scheitert manchmal, wenn Eltern das Hilfsbedürfnis bei Kindern ignorieren, etwa um sie in Selbstdisziplin zu üben und nicht zu verzärteln. „Schreien stärkt die Lungen“, ist eine noch immer geläufige Volksweisheit. Doch Babys, die in ihren ursprünglichsten Bedürfnissen nicht ernst genommen werden, erfahren so erste Frustrationen. Dies lässt sich hirnphysiologisch messen: Der Säugling steht unter Stress. Abgesehen von der entwicklungs- und lernhemmenden Wirkung dieser Überforderung hat die Nicht-Reaktion der Eltern Folgen. Das Kind möchte kommunizieren; wird das ignoriert oder falsch verstanden, hemmt das die Ausbildung des Urvertrauens.

Zweifellos können Säuglingsschreie Eltern in die Verzweiflung treiben, vor allem, wenn die Ursachen nicht klar festgestellt werden können. Unhaltbar und schädlich ist allerdings die Unterstellung, das Baby wolle die Eltern terrorisieren, um Zuwendung zu erzwingen. Zu derart strategischem Vorgehen fehlt Säuglingen schlichtweg die Fähigkeit. Der Kinderarzt und Kindheitspsychologe Rüdiger Posth hat in seinen Schriften immer wieder betont, dass Babys den Effekt ihrer Handlungen nicht vorausberechnen können. Eine strategische Absicht ist also – zumindest im Säuglingsalter – undenkbar.

Eben weil Säuglinge so sensibel sind, ist misslungene Kommunikation fatal. Ständige Frustration durch ignorierte Gefühlsäußerungen machen das frühkindliche Hirn zu einem überlasteten Organ und verursachen damit schwere Folgen für die Entwicklung. Kinder, die früh unter Stress stehen, sind von vornherein benachteiligt. Das Schreien setzt wiederum die Eltern unter Stress. Und aus Ratlosigkeit entsteht manchmal Ablehnung, bis hin zur Verletzung von Babys, die von überforderten Eltern „zur Vernunft geschüttelt“ werden – mit fatalen, manchmal tödlichen Folgen.

Zurückweisung und mangelnde Zuwendung

Was wird aus Kindern, denen Zuwendung versagt bleibt? Die kanadische Psychologin Mary Ainsworth kategorisierte in den 1970er-Jahren vier Bindungstypen: Ihr System reichte von Kindern mit sicherer Elternbindung und gut ausgebildetem Urvertrauen bis zu unsicher gebundenen Kindern. Eine weitere Steigerung sind laut Ainsworth sogenannte desorganisiert gebundene Kinder, die schon als Einjährige emotional auf sich allein gestellt sind. Dies waren oft Kinder, die im Heim aufwuchsen oder instabile Elternhäuser hatten. Diese Kinder waren im Alter von einem Jahr nicht in der Lage, ohne Stress und Angst allein oder mit einer fremden Person zu sein.

So paradox es klingt: Je mehr Bindung und Urvertrauen aufgebaut wurden, desto einfacher ist es für Kleinkinder, von ihren Eltern getrennt zu sein. Je mehr Liebe und Zuwendung sie in den ersten Lebensmonaten erfahren, desto sicherer werden sie später etwa den Besuch der Kita meistern, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Eltern verlässlich für sie da sind.

Das Ergebnis früher Zurückweisung und mangelnder Zuwendung sind Menschen, die nicht vertrauen können, nicht im Kindesalter, nicht als Erwachsene. Wer als Baby die Liebe und Zuwendung seiner Eltern erfährt, wird besser lernen, konzentrationsfähiger sein und früher ausziehen. Aus dem Urvertrauen wächst das Vertrauen in Dritte, sodass Beziehungen entstehen können. Vertraut ein Mensch niemandem, vertraut er auch nicht sich selbst. Er ist nur scheinbar unabhängig, stattdessen aber selbst in Gruppen isoliert. Sein Selbstbewusstsein bleibt schwach.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegte Anfang 2019: Besonders in den östlichen Bundesländern ist das Misstrauen in die Politik besonders hoch. Folgt man der These, dass die Grundlage für Vertrauen in der Kindheit gelegt wird: Könnte ein Grund darin liegen, dass Kinder zu DDR-Zeiten sehr früh in staatliche Betreuung gegeben wurden?

Frühkindliche Vertrauensverluste bei DDR-Kindern

Bereits in den 1950er-Jahren vermutete die DDR-Krippenforscherin Eva Schmidt-Kolmer, dass eine Betreuung ohne Aufbau des Urvertrauens Kindern dauerhaft schadet. Damals war die Sechs-Tage-Arbeitswoche auch für Alleinerziehende Pflicht. Über 14 000 Kleinkinder waren 1955 in sogenannten Wochenkrippen angemeldet und sahen ihre Eltern mitunter nur sonntags. Schmidt-Kolmer untersuchte die Entwicklung dieser Kinder und stellte Defizite in allen Bereichen fest: In Orientierung, Sprachentwicklung und Sozialverhalten standen sie anderen Kindern nach.

Für ihr Buch „Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR“ befragte die Autorin Ute Stary im vergangenen Jahr Kinder von damals, die heute teilweise schon Enkel haben. Sie schildert schwierige Beziehungsverhältnisse zu den Eltern, ein bleibendes „Fremdheitsgefühl“, zudem können sich die Betroffenen schwer auf Beziehungen einlassen, vor allem nicht ihren eigenen Kindern gerecht werden.

Freilich, in einem autoritären System gibt es immer gute Gründe zu misstrauen. Und wer ein System in kurzer Zeit kollabieren sah, hat die Vergänglichkeit politischer Gebilde am eigenen Leib erfahren. Die Erfahrung des Verlustes von Selbstverständlichem kam mitunter zu den frühkindlichen Vertrauensverlusten bei DDR-Kindern hinzu und verstärkte diese.

Menschen suchen Stärke und Sicherheit von außen

Schaut man sich die heutige Situation von Eltern und Kindern an, sieht es nicht viel anders aus. Der aktuelle Arbeitskräftemangel übt auf Eltern einen ähnlichen Druck aus wie zu DDR-Zeiten. Die Rückkehr zu möglichst früher, möglichst umfassender Kinderbetreuung ist daher verständlich und im Sinne der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine Frau, die jahre- oder jahrzehntelang zu Hause die Kinder betreut hat, hat ein signifikant höheres Risiko, im Alter in Armut zu leben. Kinderkrippen und -gärten sind daher ein wichtiges Instrument. Doch nur wenn das Urvertrauen entwickelt ist, ist eine hohe Betreuungsintensität ohne Schäden für das Kind umsetzbar. Die 24-Stunden-Kitas, die heute in manchen Großstädten installiert werden, antworten lediglich auf ein Bedürfnis der Arbeitgeber. Sie ersetzen nicht die von Eltern geforderte Familienfreundlichkeit, die Kindern gute Bedingungen zum Aufwachsen bietet. Kinderbetreuung, Altenpflege, dies alles ist heute längst nicht mehr nur eine Frage der Emotionen oder der familiären Verbindlichkeit, sondern auch des Geldbeutels – sie wurden, um mit Karl Marx zu sprechen, ökonomisiert.

Eine Gesellschaft, die nicht auf Vertrauen und Zusammenhalt fußt, droht von innen zu zerfallen. Wer dem Wort des anderen misstraut, wer nicht auf Hilfe zählen kann, wenn er in Not ist, wer nicht mit ehrlichem Ratschlag rechnen darf, wer täglich die Erfahrung macht, auf sich allein gestellt zu sein, der entwickelt Ängste. Und wird damit empfänglich für Populismus. In beinahe allen Zivilgesellschaften Europas sind Populisten seit Jahren auf dem Vormarsch. Sie schlagen politischen Profit aus Unsicherheit und Angst. Zitat Donald Trump: „Wirkliche Macht ist – Furcht.“

So wie das Kind die Brust der Mutter sucht, suchen Menschen heute zunehmend Stärke und Sicherheit von außen. Und je mehr wirkliche soziale Bindung verloren geht, desto lauter wird also das Schreien nach Autorität. Wenn der innere Halt abhanden kommt, suchen Menschen nach dem äußeren. Wer kein Urvertrauen hat, klammert sich eben an markige Parolen. Menschen mit Vertrauen erreichen mehr – für die Gemeinschaft und für sich selbst. Kinder mit Urvertrauen werden zu Erwachsenen mit Selbstvertrauen und stärken den Zusammenhalt. Denn nur wer weiß, was er kann, wird nicht von Furcht regiert.