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Warum will niemand als Pfarrer aufs Land?

Im Kirchenbezirk Löbau-Zittau werden Theologen händeringend gesucht, etliche Stellen sind unbesetzt. Leere Kanzeln wird es dennoch nicht geben, versichert die Superintendentin.

Von Romy Altmann-Kuehr
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Antje Pech ist Superintendentin im Kirchenbezirk Löbau-Zittau. Eines der aktuellen Probleme: etliche Pfarrstellen sind unbesetzt.
Antje Pech ist Superintendentin im Kirchenbezirk Löbau-Zittau. Eines der aktuellen Probleme: etliche Pfarrstellen sind unbesetzt. © Archivfoto: tompic

Die Lage ist brisant: in der Region Löbau-Zittau fehlen Pfarrer. Nicht nur, dass junge Geistliche die Region wieder verlassen - auch längere Krankheitsfälle machen den Kirchgemeinden zu schaffen. Ersatz für die Ausfälle ist nicht in Sicht.

Dabei werden auch die Gläubigen weniger. So sollte man meinen, künftig würden auch weniger Pfarrer gebraucht. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Aktuell leben im Kirchenbezirk Löbau-Zittau rund 26.300 Gemeindeglieder. Vor zehn Jahren waren es noch 34.500. Es werden, wie bei der Einwohnerzahl im Allgemeinen, immer weniger. Austritte gibt es dabei kaum, bestätigt Antje Pech, Superintendentin im Kirchenbezirk. Der Mitgliederschwund ist vielmehr in Todesfällen und Wegzügen begründet. Der neue Stellenplan für die Pfarrer und andere Kirchenbedienstete ist bereits auf diese sinkende Zahl der Mitglieder ausgelegt. Und trotzdem fehlen Pfarrer. Die Kirche hat die Stellen  ausgeschrieben - ohne Erfolg, die Bewerber blieben aus. 

Derzeit sind drei Pfarrstellen im Kirchenbezirk Löbau-Zittau vakant. Die Stelle Großhennersdorf-Rennersdorf ist schon länger unbesetzt, nun fällt wegen Krankheit auch der Pfarrer für Löbau und Ruppersdorf aus. Zuletzt verließ Pfarrerin Nina-Maria Mixtacki Obercunnersdorf. Die junge Theologin war dort in der Kirchgemeinde seit Herbst 2017 als Pfarrerin tätig gewesen. Frau Mixtacki hat nun eine andere Pfarrstelle in Sachsen übernommen. Im ersten Quartal dieses Jahres werden noch zwei weitere Pfarrer im Raum Löbau-Zittau ihren Posten verlassen, blickt Superintendentin Antje Pech voraus.

Ehrenamtliche als Lösung in vielen Gemeinden

Trotzdem sollen keine Gottesdienste in den Orten wegfallen, versichert die Superintendentin. Ohne Ehrenamtliche, die auch Gottesdienste leiten, würde es allerdings nicht gehen, sagt Antje Pech. Diese ehrenamtlichen Prediger - die Prädikanten - erhalten eine extra Ausbildung und dürfen damit auch Gottesdienste in den Gemeinden abhalten. "Davon haben wir hier viele", sagt Frau Pech.

Um effektiver zu arbeiten und der sinkenden Mitgliederzahl Rechnung zu tragen, plant die Landeskirche eine Strukturreform, die nun ab 2021 greifen soll. Die Reform sieht auch größere Einheiten vor, benachbarte Kirchgemeinden sollen enger zusammenarbeiten. Trotz der Veränderungen soll das persönliche Verhältnis zwischen Pfarrern und Gemeindegliedern nicht verloren gehen. "Es wird auch weiterhin jeder wissen, welcher Pfarrer zuständig ist", sagt Antje Pech. "Es wird zwar nicht mehr so sein, dass der Pfarrer immer im Ort wohnt, aber er wird als Ansprechpartner zur Verfügung stehen."

Werden Pfarrstellen ausgeschrieben, können sich auch Pfarrer bewerben, die woanders schon eine Stelle innehaben und wechseln wollen. Dass sich solche Bewerber finden, sei aber äußerst selten der Fall, so Frau Pech. Denn mit dem Stellenwechsel sei ja immer auch ein Umzug verbunden, meist hängt auch eine Familie daran oder zumindest ein Partner, der dann ebenfalls einen neuen Job suchen muss.

Junge Pfarrer wollen Freizeit

Und junge Pfarrer, die grade frisch vom Studium kommen, gibt es einfach zu wenige. In Sachsen beenden jedes Jahr etwa zehn Theologen ihre Ausbildung, die dann in den Pfarrdienst gehen könnten, beschreibt Antje Pech die Nachwuchssituation in der Landeskirche. Und das reiche einfach nicht. Denn überall in Sachsen fehlen Pfarrer. Sie weiß von Kirchenbezirken, in denen bis zu zehn Pfarrstellen unbesetzt sind. Besonders prekär ist die Lage in ländlichen Gebieten, denn auch hier gibt es das Phänomen, dass die jungen Berufsanfänger lieber in die größeren Städte gehen.

Das habe auch mit der Mentalität der Dorfbewohner zu tun, so die Superintendentin. Viele seien es gewohnt, dass der Pfarrer im Ort wohnt, immer ansprechbar ist und das Pfarrhaus allen offen steht. Junge Pfarrer pflegen aber heute einen anderen Lebensstil. "Sie wollen auch ihre Freizeit, ihren Feierabend und ihre Privatsphäre", sagt Antje Pech. Nicht selten gebe es da Konflikte. Immer wieder kommt es dann vor, dass junge Pfarrer sich eine neue Stelle anderswo suchen und die Region wieder verlassen. Da sei auch ein Umdenken nötig, findet die Leiterin des Kirchenbezirks. 

Vorgriff auf Strukturreform

Wegen des Pfarrermangels insbesondere im Raum Löbau und dem Eigen müssen die Pfarrer hier schon jetzt so arbeiten, wie es nach Inkrafttreten der Kirchenstrukturreform 2021 der Fall sein soll: die Pfarrer teilen sich in die Arbeit im Gebiet mit den Kirchgemeinden, decken die Gottesdienste ab. "Die verbliebenen Pfarrer kümmern sich nicht nur jeweils um einen festen Bereich, sondern sind alle für die Großregion verantwortlich", erklärt Antje Pech. So könne es tatsächlich vorkommen, dass in einer Gemeinde nicht bei jedem Gottesdienst der gleiche Pfarrer auf der Kanzel steht. "Sie wechseln sich untereinander ab." Fünf Pfarrer und die Superintendentin selbst sind in dem Gebiet nun im Einsatz. Es umfasst den Raum Löbau mit den umliegenden Gemeinden wie Obercunnersdorf Berthelsdorf, Ruppersdorf, Großhennersdorf sowie das Gebiet auf dem Eigen. Dieser Pfarrerwechsel kann durchaus auch positiv sein, schätzt Frau Pech ein. Für die Mitglieder sei das womöglich sogar abwechslungsreicher, als wenn immer derselbe Pfarrer den Gottesdienst abhält. 

Wenn sich Bewerber melden, sollen die freien Stellen aber wieder neu besetzt werden. Große Hoffnung hat die Kirchenbezirks-Leiterin da allerdings nicht. Angesichts der Nachwuchssituation in der Landeskirche geht sie davon aus, dass Pfarrstellen auf unabsehbare Zeit unbesetzt bleiben werden. 

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