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Warum will niemand diesen Job machen?

Anja Langklotz bekommt als Altenpflegerin gutes Geld, kostenlos Massagen, Obst und Getränke. Trotzdem sucht ihr Chef Personal. Wie kann das sein?

Von Jana Ulbrich
 4 Min.
Anja Langklotz vom ambulanten Pflegedienst der Sozialstation Mittelherwigsdorf ist Altenpflegerin mit Leib und Seele. Fachkräfte wie sie werden dringend gesucht.
Anja Langklotz vom ambulanten Pflegedienst der Sozialstation Mittelherwigsdorf ist Altenpflegerin mit Leib und Seele. Fachkräfte wie sie werden dringend gesucht. © Foto: Matthias Weber

Anja Langklotz hatte heute 17 Patienten. Sie hat sie gewaschen, gekämmt und rasiert, hat Windeln und Verbände gewechselt, Wunden versorgt, Insulin gespritzt, Frühstück gemacht, Medikamente gegeben. Einer Frau, die aus dem Krankenhaus kam, hat sie in der Apotheke schnell noch Heparinspritzen geholt, und sie war beim Hausarzt, um die weitere Pflege zu besprechen. Danach war es wirklich Zeit, das Mittagessen auszufahren.

Seit früh um sechs ist Anja Langklotz auf den Beinen. Buchstäblich im Laufschritt. Es ist schon nach 13 Uhr, als sie aus ihrem himmelblauen Dienst-VW steigt und sich erst einmal auf eine der Gartenbänke vor der Mittelherwigsdorfer Sozialstation setzt. Nur mal kurz verschnaufen, ehe dann noch drinnen der Papierkram wartet.

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Die 33-Jährige hat heute wenigstens keinen Teildienst. Teildienste macht hier niemand gern. Aber manchmal müssen sie sein, wenn nicht genügend Kollegen da sind, um alle Früh- und Spätschichten abzudecken. Teildienst würde heißen: In zwei Stunden müsste Anja Langklotz wieder los. Von nachmittags um drei bis abends um neun. Manchmal auch noch länger. Feierabend ist erst, wenn alle Patienten gut versorgt und fertig für die Nacht sind. 

Anja Langklotz schiebt Überstunden vor sich her. Sie abzufeiern ist meisten nicht einfach.  "Wenn ich nicht da bin, dann müssen ja andere meine Arbeit übernehmen", sagt sie. "Oder die Pflegedienstleiterin springt ein." Es ist ein Teufelskreis. Dabei arbeitet sie bei einem, der, wie sie findet, besten Arbeitgeber in der Pflegebranche der Region. Thomas Lange, ihr Chef, tut viel für seine Angestellten: Anja Langklotz verdient als Pflegefachkraft 2.900 Euro brutto, ein in der Branche überdurchschnittliches Gehalt. Sie bekommt 1.000 Euro Weihnachts- und 500 Euro Urlaubsgeld, regelmäßige Weiterbildungen und zusätzliche Annehmlichkeiten wie kostenlose Massagen während der Arbeitszeit, kostenloses Mineralwasser, Obst und Gemüse. 

Thomas Lange ist selbst ausgebildeter Krankenpfleger. Der 45-Jährige weiß, was es bedeutet, diesen Job zu machen. Er wollte es besser machen als seine früheren Arbeitgeber. Deshalb hat er sich vor 15 Jahren selbstständig gemacht und die Sozialstation Mittelherwigsdorf als privaten Pflegedienst gegründet. Inzwischen betreibt er unter ihrem Dach auch Betreutes Wohnen, eine Tagespflege und zwei Pflegeheime in Oybin und Hörnitz. Von den Mitarbeitern ist er sehr geachtet. "Wir fühlen uns alle sehr wohl hier", sagt Anja Langklotz.

Warum aber finden selbst Arbeitgeber wie Thomas Lange nicht mehr genügend Fachkräfte? "Weil einfach kaum noch jemand diesen Job machen will", ist Anja Langklotz überzeugt. Sie weiß, dass ihr Chef weitere Mitarbeiter sucht, damit die Arbeit auf breitere Schultern verteilt werden kann. Anja Langklotz liebt ihren Beruf trotz der Überstunden. "Es ist ein gutes Gefühl, den alten Menschen helfen zu können", sagt sie. "Es kommt so viel Dankbarkeit zurück." 

Und dennoch: "Dieser Beruf ist für viele einfach unzumutbar", sagt sie. Das sei allein schon die Arbeit an sich, die nicht nur körperlich schwer ist, sondern auch psychisch belastend. Und dazu noch die Dienste an Wochenenden und Feiertagen. "Gepflegt werden muss jeden Tag, da fragt niemand, ob heute Heiligabend oder Ostersonntag ist." Vor allem für Mitarbeiter, die Familie haben, sei das schwierig.

Hinzu kommt die demografische Entwicklung: Während die Zahl der älteren Menschen ständig wächst, sinkt die Zahl der jüngeren im arbeitsfähigen Alter. Es gehen mehr Fachkräfte in Rente als Absolventen in den Arbeitsprozess einsteigen - nicht nur in der Pflege ist das so, sondern in allen Branchen. Aber gerade in der Pflege ist die Diskrepanz besonders groß: Schon jetzt leben im Landkreis mehr als 17.000 Pflegebedürftige. 3.700 von ihnen werden in Pflegeheimen betreut, alle anderen ambulant zu Hause. Und ihre Zahl wird in den kommenden Jahren weiter ansteigen - allein im Landkreis um 800 Fälle pro Jahr.

Sachsenweit werden nach Berechnungen einer Landtags-Kommission in den nächsten zehn Jahren zwischen 2.500 und 5.000 Pflegefachkräfte fehlen. Um die, die zur Verfügung stehen, wird ein harter Wettbewerb entbrennen. Thomas Lange ist ja längst nicht der einzige, der dringend Mitarbeiter sucht.

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