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Dresdner Forscher sind auf der Hass-Spur

Von Luther bis Böhmermann: In Dresden wird die Schmährede erforscht. Ein landesweit einzigartiges Projekt über Beleidigung, Hass, Herabsetzung.

© Prixabay

Fritz Bliemchen war ein Gemütsmensch. Er sächselte genüsslich, unterbrach seine Rede aber regelmäßig, um sich dem Kaffee zu widmen. Bliemchens zweite große Leidenschaft: Reisen. Doch wohin er auch kam, nirgends gefiel es ihm nur annähernd so gut wie in seinem scheenen Dresden. Derart innig war Bliemchens Liebe zur Heimat, dass ihm Sachsen über alles ging. Über Deutschland sowieso. Das machte ihn berühmt, als Identifikationsfigur ebenso wie als Objekt für Spott und Ablehnung. Die einen Sachsen liebten Bliemchens Humor und Regionalpatriotismus. Andere Sachsen hassten seine Piefigkeit. Der Verein für Sächsische Volkskunde nannte ihn ein „Zerrbild der widerwärtigen Art“. NS-Gauleiter Mutschmann wollte Bliemchen gar am liebsten entsorgen.

Seine Eigenschaften und Geschichte empfahl die 1878 von Gustav und Paul Schumann erdachte überaus populäre Kunst- und Witzfigur des Fritz Bliemchen für die aktuelle Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek SLUB.

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Für die populäre Kunstfigur Fritz Bliemchen galt: Sachsen, Sachsen über alles. Die einen Sachsen liebten, die anderen hassten ihn dafür. 
Für die populäre Kunstfigur Fritz Bliemchen galt: Sachsen, Sachsen über alles. Die einen Sachsen liebten, die anderen hassten ihn dafür.  © SLUB

 Dort ist er in guter Gesellschaft, etwa mit Tyrannenkritiker Cicero, mit Flugblatt-Pöbler Martin Luther, mit dem TV-Disser Jan Böhmermann. Eine Punktlandung: „Schmähung, Provokation, Stigma“ eröffnet genau einen Tag nach dem 200. Treffen der Schmähgemeinschaft Pegida und gibt in Deutschlands Streit-Hauptstadt schlechthin Einblicke in ein landesweit einzigartiges Forschungsprojekt über Beleidigung, Hass, Herabsetzung. 

Genauer: über „lnvektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“, wie der Sonderforschungsbereich 1285 der TU Dresden präzise heißt.

Von „Nazis“ und „Linksfaschisten“

Man könnte vermuten, dass dieses Projekt in keine Zeit so gut passt wie in unsere Gegenwart. Schließlich laboriert, diagnostiziert und doktert die Gesellschaft an ihrer viel behaupteten Zerrissenheit so intensiv, umfassend und lustvoll herum wie seit Langem nicht. Ob „Nazis“, „Linksfaschisten“, „Klimaleugner“, „Messermigranten“: Hassrede, Abwertungen, Beleidigungen und Bedrohungen sind allgegenwärtig, begünstigt durch die Anonymität des Internets und das stetige Herabsetzen der Hemmschwelle. Auch seitens gewählter Politiker.

Sind das wirklich Symptome einer verrohten Gesellschaft? Marina Münkler, Professorin für Literatur und Kultur an der TU Dresden, drückt es anders aus. „Herabsetzung findet immer innerhalb von Deutungskämpfen statt“, sagt die stellvertretende Sprecherin des Sonderforschungsbereiches. 

Da die politische Sphäre der Republik momentan nichts so sehr bestimmt wie Deutungsgrabenkämpfe, ist das eine durchaus einleuchtende Diagnose. Und da der hemdsärmelige Griff zum herabsetzenden Zerrbild und Stereotyp fast schon zum Breitensport geworden ist, hat auch die Feststellung von Kurator Felix Prautzsch ihr Eigengewicht: „Stereotype beschreiben die Realität nicht nur, sie formen sie.“

Das Martin Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg. Luther brachte seine zahllosen Schmähschriften massenhaft in Umlauf.
Das Martin Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg. Luther brachte seine zahllosen Schmähschriften massenhaft in Umlauf. © Sebastian Willnow/zb/dpa

Zugleich zeigt „Schmähung, Provokation, Stigma“, dass Beleidigungen und Herabsetzungen bereits seit der Antike als Kampfstoffe erkannt und genutzt wurden. Das leistet die Ausstellung, indem sie die unterschiedlichen nebeneinander existierenden Formen der Schmährede darstellt und sie dabei auch in der Historie dingfest macht. 

Wobei sich schon am chronologischen Anfang andeutet: Invektive folgen nicht immer unlauteren Zielen. Sie können sogar konstruktive Absichten zum Motiv haben. Etwa wenn Roms Senats-Idol Cicero in beleidigender Weise Cäsars Nachfolger Marc Anton bloßstellt, vor dessen Tyrannis warnt und die Republik beschwört. Was freilich arg in die Toga ging: Rom behielt die Diktatur, Cicero verlor den Kopf.

Luther hingegen hat sie überlebt, seine zahllosen Schmähschriften, die er, gerne in Fäkalsprache verfasst, mittels billiger Drucke massenhaft in Umlauf bringen konnte. Diese Zeugnisse aus der Reformation, laut Münkler überhaupt ein „Zeitalter der Invektivität“, darf man durchaus als direkte Vorläufer der Flugblätter verstehen und als indirekte von Twitter. Was beide Medien über Jahrhunderte hinweg eint, ist auch ihr Angebot, jeden Anstand in lutherischer Tradition furzgleich fahrenzulassen, im miefigen Schutz der Anonymität.

„Ich könnte kotzen!“

Die Ausstellung beleuchtet nacheinander die Subthemen „Stereotype & Stigmata“, „Kunst & Provokation“, „Schmähgemeinschaften & Feindbilder“ sowie „Resonanz & Deutungskampf“. Es wird offenkundig, dass Schmähgemeinschaften hohe Gruppenbildungs- und Anziehungskräfte entwickeln. „Kennzeichnend für eine Gesellschaft ist immer auch, wie hoch ihre Akzeptanz von Schmähungen ist“, sagt Marina Münkler – und wieder scheint die Reformation ganz nahe. Denn wer sich vergegenwärtigt, wie niederträchtig gerade auf Twitter viele Reaktionen auf Minister Altmaiers Bühnen-Sturz beim Dortmunder Digitalgipfel ausfielen, ist versucht, den Kommentar von Deutschlands Digitalisierungsbeauftragter Dorothee Bär auf die Kommunikationskultur insgesamt zu begreifen: „Ich könnte kotzen!“

Ja, sagt auch Kurator Felix Prautzsch, „es ist schon eine berechtigte Frage, ob Twitter Herabsetzungen und Schmähungen begünstigt.“ Für Marina Münkler steht jedenfalls außer Zweifel: „Ein bestimmtes Medium legt eine bestimmte Art von Kommentaren nahe oder begünstigt sie.“ Noch eine Erkenntnis, die sie mit dem Sonderforschungsbereich 1285 bislang gemacht hat: „Was gegen übelste Schmähreden ganz offenbar nicht hilft, ist Bildung.“

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Die Ausstellung

  • „Schmähung – Provokation – Stigma“: bis 19. April tägl. 10 bis 18 Uhr im Buchmuseum der SLUB (Zellescher Weg 18, DD) 
  • Vom 19. bis 21. Februar findet ebendort zum Thema eine Tagung statt.

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