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Leben und Stil

Warum wir uns ständig ins Gesicht fassen

Hygienetipps sind nützlich, aber manchmal nicht so leicht zu befolgen. Der Leipziger Psychologe Martin Grunwald kann das erklären.

Die US-Gesundheitsexpertin Sara Cody referiert über Hygieneregeln in der Coronakrise und fässt sich dennoch ins Gesicht, was gegen die Regeln verstößt.
Die US-Gesundheitsexpertin Sara Cody referiert über Hygieneregeln in der Coronakrise und fässt sich dennoch ins Gesicht, was gegen die Regeln verstößt. ©  Screenshot SZ

Abstand halten, in die Armbeuge niesen, Hände waschen – macht alles Sinn, wenn man sich und andere vor dem Coronavirus schützen will. Auch Berührungen des eigenen Gesichts sollten tunlichst vermieden werden. Aber warum klappt das nicht? Der Leipziger Psychologe Dr. Martin Grunwald hat sich ausgiebig mit unserem Tastsinn beschäftigt und darüber auch ein Buch geschrieben.

Herr Grunwald, immerzu fassen wir uns ins Gesicht. Warum eigentlich?

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Was wir da tun, ist extrem spontanes, hochgradig unbewusstes Verhalten, das alle Menschen an den Tag legen. Nach unseren Forschungen dienen Selbstberührungen im Gesicht dazu, eine aktuelle Irritation der Psyche auszugleichen. Dann braucht es den Selbstreiz, um eine psychische Homöostase wiederzuerlangen.

Was ist das?

Homöostase bedeutet Gleichgewicht. In der Biologie ist es so, dass alle Systeme versuchen, diesen Zustand zu erreichen. Sie können sich nicht wochenlang freuen. Ebenso wenig können Sie gesund bleiben, wenn Sie wochenlang traurig sind. Sie brauchen – wie Wissenschaftler sagen würden – ein mittleres psychisches Aktivierungsniveau. Das ist der Zustand, in dem wir am besten funktionieren. Je nach Art der Reize geht diese Mittellinie im Tagesverlauf mal hoch und mal runter.

Wenn wir viele negative Informationen bekommen, löst das Stress aus. Solche Stressmomente können wir am besten kompensieren, indem wir unsere Gesichtshaut berühren. Dadurch werden binnen Millisekunden elektrische Reize ans Gehirn geschickt, um uns für die nächsten Gedanken- oder Handlungssschritte auszubalancieren. Wir berühren uns auf diese Weise 400- bis 800-mal am Tag.

Und es passiert, ohne dass man es selbst registriert.

Genau. Deswegen klingeln derzeit in unserem Institut die Telefone heiß. Journalisten aus Australien, Indonesien und den USA wollen wissen, was man dagegen tun kann.

Und was sagen Sie?

Einerseits: Nehmen Sie dieses Phänomen bewusst zur Kenntnis. Konzentrieren Sie sich aber andererseits lieber darauf, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Hände zu waschen. Das ist viel einfacher, als den Impuls zu unterdrücken, sich im Gesicht zu berühren. Sie waren einkaufen? Hände waschen! Sie haben mehrere Türklinken angefasst? Hände waschen!

Was passiert, wenn man sich konsequent zwingt, diesem Impuls der Selbstberührung nicht nachzugeben?

Wenn Sie das ganz aktiv unterdrücken und sehr viel Konzentration darauf verwenden, wird das Stress erzeugen. Der Zwang, das eigene Gesicht anzufassen, wird immer stärker. Wir haben in Experimenten solche Situationen untersucht. Es gab Probanden, die ihr Knie ins Gesicht hielten, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben.

Mit anderen Worten: Die Berührung im Gesicht ist durch nichts zu ersetzen?

Zumindest kenne ich kein anderes probates Mittel. Das ist Neurobiologie einer Säugetier-Spezies. Auch Affen berühren sich in Stresssituationen im Gesicht. Wir können uns das nicht über einen längeren Zeitraum abgewöhnen. Politiker können das auch nur während der Zeit, in der die Kamera läuft.

Manchmal misslingt sogar das. Kürzlich kursierte im Netz das Youtube-Video einer Pressekonferenz, in der eine US-Gesundheitsexpertin dazu aufrief, sich aus Gründen des Infektionsschutzes nicht an Mund, Nase und Augen zu fassen - um im nächsten Moment den Zeigefinger abzulecken und ihre Manuskriptseite umzublättern.

Mein Lieblingsbeispiel ist Frau Merkel, wie sie 2014 auf dem Nationalen IT-Gipfel eine Rede hält. Dabei stockt sie und sucht das Wort „Festnetz“. Es fällt ihr nicht ein. Der Stress wird immer größer, schließlich streicht sie mit der linken Hand ihre Haare hinters Ohr. Unmittelbar nach dieser Selbstberührung fällt ihr das gesuchte Wort wieder ein. So funktioniert es, wenn wir unsere Emotionen und unser Arbeitsgedächtnis stabilisieren müssen. Die „Merkel-Raute“ und die dabei aufeinandergepressten Fingerkuppen sind übrigens ein ähnlicher neurobiologischer Mechanismus wie die Selbstberührung im Gesicht.

Dass es also gerade jetzt in unseren Gesichtern juckt und krabbelt…

… dann heißt das, dass wir alle in einer stressreichen Gesamtsituation, in Ängsten und Unsicherheiten, leben. Das ist perfekte Munition für unbewusste Selbstberührungsimpulse.

Was macht es mit uns, wenn wir längere Zeit mehr oder weniger völlig aufs Berühren und Berührtwerden verzichten?

Das ist individuell verschieden, kann aber auch unerträgliche Ausmaße annehmen. Wir dürfen dieses Grundbedürfnis nicht unterschätzen. Körperkontakt gehört zu unserer Art der zwischenmenschlichen Kommunikation dazu. Es geht hier gar nicht um Sexualität, sondern um ganz kleine, selbstverständliche Körperinteraktionen. Fehlen sie über einen längeren Zeitraum, kann das existenzielle Folgen haben.

Wer ist aus Ihrer Sicht besonders gefährdet?

Alle, die einsam sind. Aber auch die, die allein leben und momentan nicht auf Arbeit gehen können. Psychologen und Psychiater werden viel zu tun haben in der nächsten Zeit. Kontaktmangel kann unter Umständen schwere psychische und psychosomatische Erkrankungen nach sich ziehen. Das müssen wir ernst nehmen. Wichtig ist zu vermitteln: 

Es ist normal, solche Kontaktebenen zu vermissen. Ich habe schon von Fällen gehört, in denen Leute, die als medizinisches Personal arbeiten, nach Hause gehen und dort weder ihren Partner noch die Kinder anfassen, sogar alleine schlafen. Wenn das mal zwei Wochen so geht, wird sich nichts klinisch Relevantes daraus entwickeln. Aber wenn dieser Zustand über Monate anhalten sollte, kann das unter Umständen kritisch werden.

Angenommen, die Corona-Krise macht solche Abschottung tatsächlich über Monate hinweg notwendig: Werden dann auch Rituale des Miteinanders wie das Händeschütteln verschwinden?

Das verschwindet, kommt aber wieder. Natürlich gibt es jetzt kreative Anpassungsstrategien. Gestern habe ich fünf junge Männer beobachtet, die sich zur Begrüßung mit ihren Ellenbogen berührten. Das sah komisch aus. Aber alle fünf haben elementaren Wert darauf gelegt, dass jeder auf diese Weise begrüßt wird. Wer weiß, was wir uns noch einfallen lassen? Vielleicht wird es eines Tages normal sein, sich zur Begrüßung Rücken an Rücken zu stellen? Ich plädiere dafür, bei aller verständlichen Alltagspanik auf unsere Fähigkeit zur Anpassung zu vertrauen.

Dr. Martin Grunwald (Jahrgang 1966) ist Experimentalpsychologe und gilt als Pionier der Haptikforschung.
Der gebürtige Sachse ist Gründer und Leiter eines Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung, das zur Medizinischen Fakultät
Dr. Martin Grunwald (Jahrgang 1966) ist Experimentalpsychologe und gilt als Pionier der Haptikforschung. Der gebürtige Sachse ist Gründer und Leiter eines Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung, das zur Medizinischen Fakultät ©  privat